Vorschau 2016: Teil 11

Strukul Mila    Fox Eden    Ide IQ    Seymour Vagabond

Normalerweise mische ich an dieser Stelle die Titel bunt durch, packe Pulp Master neben Diogenes, Heinz Strunk neben Stephen Hunter, Klassiker neben Edeltrash. Aber diesmal mache ich eine Ausnahme. „Was können Verlage, was will das Lesepublikum?“, fragte Thomas Wörtche unlängst in der Polar Gazette. Seiner Meinung nach „kann man im Bezugsrahmen einer ‚kritischen Kriminalliteratur‘ nur alles richtigmachen, wenn man genau das Widerständige, Widerborstige, Chaotische und Irre so klug in den Kreislauf pumpt, dass die Maschinerie es unbewusst als Konterbande mitnimmt“. Sprich: Man jubelt dem Publikum den guten Stoff einfach unter. Wörtche selbst geht als Herausgeber unter der Flagge von Suhrkamp mit gutem Beispiel voran:

Matteo Strukul | Mila

Strukul Mila

© Suhrkamp

Das sagt der Verlag: Norditalien im Würgegriff des organisierten Verbrechens. Nichts und niemand scheint der lokalen Triade und der mit ihr verfeindeten Mafia etwas anhaben zu können. Bis auf einmal und wie aus dem Nichts diese junge Frau mit den roten Dreadlocks und dem Schwert in der Hand auftaucht. Ein ebenso schöner wie gnadenloser Racheengel. Seither kann sich kein Gangster und kein Mafioso mehr sicher wähnen, der Tod lauert plötzlich überall. Wer aber ist diese Mila, was treibt sie an? Niemand weiß es, nur so viel ist sicher: Sie ist nicht nur eine schier unbesiegbare Kampfmaschine, sie ist auch clever. Sehr clever sogar. Aber wenn sich Triade und Mafia zusammentun, dann könnte es ziemlich eng werden – selbst für Mila …

Das sage ich:Lola rennt“ meets „Kill Bill“ meets ??? – dem Popkultur-Bastard, der da auf uns zurollt, kommt man mit derlei Vergleichen nur schwer bei. Klingt jedenfalls nach einem knackigen Rache-Thriller, dessen 200 Seiten man sich in ein, zwei Atemzügen einverleiben kann. Wie hoch der Trashfaktor letztendlich sein wird und was genau die mysteriöse Rothaarige denn nun für Motive hat, das erfahren wir leider erst im Februar nächsten Jahres.

Erscheinungsdatum: 6. Februar 2017

Candice Fox | Eden

Fox Eden

© Suhrkamp

Das sagt der Verlag: Heinrich Archer, genannt Hades, das kriminelle Mastermind von Sydney, wird bedroht. Er „bittet“ Detective Frank Bennett, den Kollegen seiner Tochter Eden, um diskrete Hilfe, denn die Spuren könnten tief in das faszinierende, gewaltsatte Vorleben von Hades führen. Gleichzeitig hat Eden, Top-Detective bei der Mordkommission mit dem seltenen Talent, Verbrecher aufzuspüren und zur Strecke zu bringen, einen extrem schwierigen Auftrag: Drei Mädchen sind verschwunden, und die Spur führt sie zu einer verlassenen Farm, auf der sich ein Serienkiller rumtreibt. Sie begibt sich dort undercover in eine Kommune, ein rabenschwarzes, gefährliches Paralleluniversum mit Mördern und Vergewaltigern. Sie muss all ihre erstaunlichen Fähigkeiten einsetzen, um zu überleben. Zudem ist ihre Beziehung zu ihrem Partner Bennett kompliziert, beide sind traumatisiert, und dass Bennett gerade auf Alkohol und Drogen ist, macht die Sache nicht einfacher. Aber die beiden sind auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen.

Das sage ich: „Eden“ ist der zweite Teil einer Trilogie, deren ersten Teil, „Hades“, ich in ein paar Tagen hier besprechen werde. So viel sei aber schonmal verraten: Die Australierin Candie Fox spielt mit ihrem Genre-Mix in Sachen Spannungsliteratur zwar ganz oben mit, aber ob die Geschichte um den Boss der Unterwelt von Sidney und seiner Brut die immensen Vorschusslorbeeren tatsächlich in vollem Umfang verdient, wage ich erst nach Lektüre von Teil Zwei und Drei zu beurteilen. Noch ist Luft nach oben. Lobend erwähnen möchte ich aber schon mal die Veröffentlichungspolitik des Verlages, der uns nicht allzu lange auf die Folter spannt.

Erscheinungsdatum: 12. September 2016

Joe Ide | I.Q.

Ide IQ

© Suhrkamp

Das sagt der Verlag: I.Q. nennt man Isaiah Quintabe in den schwarzen Hoods von Los Angeles. Weil er ein Genie ist und weil er als eine Art Nachbarschaftsdetektiv ohne Lizenz den „kleinen Leuten“ zu ihrem Recht verhilft. Oder wenn das schwierig ist, immerhin zu Gerechtigkeit, Genugtuung und Entschädigung. Zusammen mit seinem sidekick, dem schlagfertigen Gangsta Dodson, wird er wider Willen von dem Top-Rapper Murda One angeheuert, um Mordanschläge auf dessen Leben aufzuklären. Das führt ins finstere Herz des Rap-Business, wo sich jede Menge wunderliche und tödliche Gestalten tummeln: Gangsta Rapper, Bitches, Anwälte, Auftragskiller, Drogenbosse, Big-Business-Leute und Medienvolk. Bald haben es I.Q. und Dodson mit verfeindeten Gangs, schießwütigen Narcos und gierigen Musikproduzenten zu tun. Gut, dass I.Q. ein Weltmeister der Deduktion ist, und gut auch, dass er notfalls genauso viel kriminelle Energien hat wie seine Widersacher. Oder noch mehr …

Das sage ich: Eine Art Ghetto-Sherlock? Warum nicht. Ein bisschen skeptisch bin ich aber, immerhin geht die Reise ins Rap-Milieu, und daran hat sich schon so mancher die Zähne ausgebissen. In den seltensten Fällen wird sich damit nämlich differenziert auseinandergesetzt, vielmehr dominiert oft ein ironisch-distanzierter Ton, der Leute ansprechen soll, denen jegliche Kenntnis über diese Subkultur, ihre Wurzeln und ihre komplexen Strukturen fehlt. Wenn ich mir die Biographie des Autors jedoch so anschaue, könnte das schon hinhauen. Solange er seinem großen Idol, mit dem ich nie so richtig warm geworden bin, nur nicht zu sehr nacheifert…

Erscheinungsdatum: 14. November 2016

Gerald Seymour | Vagabond

Seymour Vagabond

© Suhrkamp

Das sagt der Verlag: „Vagabond“ ist der Deckname eines britischen Geheimagenten, der in Nordirland brutale Operationen gegen die IRA durchgeführt hat. Ausgebrannt zieht er sich für lange Jahre in die Normandie zurück und verdient seinen Lebensunterhalt als Touristenführer an den Invasionsstränden. Aber seine ehemaligen Vorgesetzten wollen ihn nicht ganz vom Haken lassen und zwingen ihn in eine MI-5-Aktion zurück: Er soll den Aufpasser für einen vom Geheimdienst erpressten Waffenhändler spielen, damit Waffenlieferungen aus Russland an die letzten, vom Friedensschluss frustrierten IRA-Splittergruppen unterbunden werden. Das erzählt man Vagabond zumindest, der gute Miene zum fiesen Spiel machen muss. Zudem droht seine Vergangenheit ihn einzuholen. Aber nicht nur sein Schicksal steht auf der Kippe in einer Welt, in der das Gestern keine Ruhe gibt und die Gegenwart extrem gefährlich ist. Realpolitik nimmt wenig Rücksicht auf Menschen, das ist klar wie Salzsäure.

Das sage ich: Irland. IRA. Mehr braucht es gar nicht, um mich als Leser zu gewinnen. Spätestens seit meinem diesjährigen Aufenthalt auf der grünen Insel versuche ich alles zu lesen, was es zu diesem Thema an (Kriminal-)Literatur gibt. Da macht es dann auch gar nichts, dass der Spionageroman nicht gerade mein Lieblings-Subgenre ist.

Erscheinungsdatum: 16. Januar 2017

Neue Autoren braucht der Markt. Nach dem x-ten Buch der Reihe Y von Autor Z beim Verlag Dasalphabetistzuende ist es erfrischend, auch mal mit Namen konfronitiert zu werden, die einem so gar nichts sagen. Von Blindkäufen kann dennoch keine Rede sein – denn spätestens seit der Reihe „penser pulp“, die er bei Diaphanes herausgab, vertraue ich darauf, dass Thomas Wörtche in Sachen zeitgenössischer Kriminalliteratur den richtigen Riecher hat.

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