Lehrstück in Sachen Dramaturgie

Koryta Die mir den Tod wünschen

© Heyne

Der vierzehnjährige Jace wird Zeuge einer Exekution. Er hat die Täter gesehen, die Täter haben ihn gesehen, es ist klar, was unweigerlich folgen muss: Eine Hetzjagd. Seine Eltern versuchen den Jungen mithilfe der Personenschützerin Jamie Bennett in Sicherheit zu bringen, die dabei sofort an ihren ehemaligen Survial-Trainer denken muss. Ethan Serbin gibt in der Wildnis Montanas Sommerkurse für Problemjugendliche – das perfekte Versteck für einen Jugendlichen mit einem riesigen Problem. Doch während Jace unter falschem Namen lernt, wie man Feuer macht, Spuren liest und in den Bergen überlebt, kommen seine Verfolger ihm täglich ein Stückchen näher. Irgendwann muss er eine Entscheidung treffen: Soll er durch seine Anwesenheit die ganze Gruppe in Gefahr bringen? Oder soll der verängstigte Junge auf edlen Ritter machen und sich alleine durchschlagen? Dreimal dürft ihr raten.

„Solange er sich in Reichweite eines Handys, einer Überwachungskamera, eines Computers oder eines dieser verdammten Videospiele befindet, bin ich mir sicher, dass sie ihn kriegen. Aber hier … hier ist er nichts weiter als ein winziges kleines Ding inmitten unberührter Wildnis.“

Man könnte fast meinen, Michael Koryta hätte bei seiner Recherche zu „Die mir den Tod wünschen“ zu lange in Survival-Handbüchern geblättert, so sehr ist er darum bemüht, Leserinnen und Leser zu Beginn der Lektüre daran zu hindern, in seinem Roman zu versinken. Im Wesentlichen wendet er dafür zwei „Kniffe“ an: Erstens versucht der Autor die Spannung sprachlich von Anfang an und um jeden Preis in unermessliche Höhen zu schrauben. Da aber der Plot, der sich zu dem Zeitpunkt noch in der Aufbauphase befindet, das überhaupt nicht hergibt, laufen seine überdramatisierten Sätze ins Leere, baumeln seine Cliffhanger eher von Maulwurfshügeln als den eigentlich anvisierten Bergen Montanas. Dadurch lenkt er die Aufmerksamkeit des Publikums weg von der erzählten Geschichte, hin zum handwerklichen Aspekt des Schreibens – Koryta entzaubert sich selbst. Zweitens lässt er seinen jugendlichen Protagonisten schon nach ein, zwei Tagen Überlebenstraining handeln wie einen erfahrenen, völlig selbstlosen Erwachsenen mit der Erfahrung eines Rüdiger Nehberg. Wenn man sich aber trotz dieser kleineren Startschwierigkeiten auf den Roman einlässt, hat man spätestens aber dem ersten Drittel keine Chance mehr, ihm zu entkommen. Pageturner? Daumenkino.

„Betrachten wir die Sache realistisch. Die Realität steht vor Ihnen und hat eine Waffe in der Hand.“

Die anderen Figuren entschädigen glücklicherweise für den unglaubwürdigen Jungspund Jace Wilson. Da wäre sein Beschützer, der Survival-Experte Ethan Serbin, der gar nicht so knallhart und unkaputtbar ist, wie sich das der durchschnittliche DMAX-Zuschauer wahrscheinlich vorstellt, seine Frau Allison, der eigentliche tough guy des Romans, und die heimliche Heldin Hannah Faber, der man mit dem deutschen Wort „Feuerwehrfrau“ einfach nicht gerecht wird – sie ist ein waschechter firefighter. Dann wären da noch ihre Gegenspieler, die Blackwell-Brüder. Die Zwei sind in „Die mir den Tod wünschen“ für den humoristischen Teil zuständig – und fürs Töten. Jack und Patrick bilden ein zynisches Ying-Yang-Gespann, das um seine Opfer kreist und dabei im Plauderton über sie redet, als wären sie gar nicht da, und auch wenn es sich bei diesem Psychopathen-Duo sicherlich nicht um besonders innovative Figuren handelt, auch wenn sie streckenweise wirken wie Popkultur-Patchwork-Bösewichte, machen sie doch einen Heidenspaß.

Sie hatte nichts damit zu tun. Ich hatte nichts damit zu tun. Es gab einmal eine Zeit, in der die Welt auch ohne uns existiert hat, und irgendwann wird das auch wieder so sein. Aber heute, Ethan, heute haben wir alle miteinander zu tun. Wir alle.“

Wer den Klappentext liest könnte auf die Idee kommen, sie oder er bekäme es gleich mit einem country noir zu tun. Mitnichten. Hier wird einfach nur eine actiongeladene Story erzählt, die zwar durchaus im Nirgendwo, „in der Natur“ spielt, diese aber nur in Form eines abstrakten Konstrukts miteinbezieht, das jede Handlung innerhalb des Romans determiniert. Soll heißen: Üppige Landschaftsbeschreibungen sucht man bei Michael Koryta vergebens, er beschränkt sich darauf, den Berg „Berg“ zu nennen, den Fluss „Fluss“ und ist ansonsten absolut blind für die Umgebung, in der sich seine Protagonisten herumtreiben. Trotzdem ist die Natur omnipräsent. In ihrer elementarsten Form ist sie gefährlicher als alle Figuren zusammengenommen, entscheidet als Wind, Regen und Feuer über Leben und Tod und macht dabei keine Unterschiede zwischen Gut und Böse. Wer am Ende gewinnen will, muss ihre Launen verstehen und wissen, wie er diese zu seinem Vorteil nutzen kann. Survival of the fittest.

Ein nahezu kompletter Vollmond stieg über den Gipfeln empor und zeichnete die Silhouetten der Tannen scharf nach, bis sie weiter unten mit dem Dunkel der Senke des Bachlaufs verschmolzen. Dahinter warf der Mond sein Licht auf den Hang und ließ den Anstieg, den sie hinter sich gebracht hatten, weniger unheilvoll erscheinen. Aber es war ein trügerisches Spiel, das der Mond mit ihnen spielte; sie wussten nicht, was ihnen bevorstand.

Michael Koryta mag zwar nicht der große Literat sein, und zur obersten Riege der Genreautoren fehlt ihm sicherlich noch ein gutes Stück, aber in Sachen Spannung hat er den … nunja, Bogen raus. „Die mir den Tod wünschen“ ist ein meisterhaft konstruierter, primär plotgetriebener Krimi mit vielschichtigen Figuren, Drahtseilatmosphäre und zynischem Witz. Auch wenn Koryta sich ohne Frage altbekannter Muster bedient, ist ihm doch ein eigenständiges Buch gelungen, das ihn als vielversprechendes Talent ausweist. Von einem Autor, der unter anderem Größen wie Deon Meyer, Daniel Woodrell, Lee Child und Donald Ray Pollock in seinem Fanclub hat, war das aber auch nicht anders zu erwarten. Und wenn einem am Ende klar wird, dass die immer wieder eingestreuten (Über-)Lebens-Weisheiten aus dem Fundus von Ethan Serbin nicht nur für Jace, sondern auch für unser aller Alltagsleben von großem Wert sein können, ja eigentlich dem Publikum und nicht dem Protagonisten gelten, dann ist man alleine solch ungewöhnlicher Fürsorge von Seiten eines Krimiautors wegen geneigt, sich dieser illustren Truppe anzuschließen.

„Die mir den Tod wünschen“ von Michael Koryta ist gerade bei Heyne als Klappenbroschur erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Ulrike Clewing.

Advertisements

3 Gedanken zu “Lehrstück in Sachen Dramaturgie

  1. Michael Koryta scheint ein Autorenchamäleon zu sein ;-). Ich habe von ihm DIE SPRACHE DER TOTEN gelesen, dass eher minimalistisch und trocken daherkommt und mir deswegen gut gefallen hat. Als überaus spannend habe ich das Buch nicht in Erinnerung, sondern es blieb mir tatsächlich wegen der Erzählweise im Gedächtnis, weil es einfach eine andere Atmosphäre gezaubert hat.

    Hier scheint es genau umgekehrt zu sein. Ich muss ja zugeben, ich hab schon reingelesen, fand den Anfang aber nicht besonders gut, sodass ich es wieder zurück auf den SuB gelegt habe. Hätte dem Buch wohl ein paar Seiten mehr geben sollen. Bin gespannt und werde es wohl bald lesen (heuer noch ;-)).

    Gefällt 2 Personen

  2. Pingback: Meine 10 Lieblingskrimis 2016 | Der Schneemann

Diesen Artikel kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s