„Dies ist kein Albtraum, dies ist ein Todeskampf.“

Strunk Der goldene Handschuh

© Rowohlt

In meinem Heimatort gibt es eine Kneipe, deren Besitzer den gleichen Nachnamen wie ich trägt. Sie befindet sich im ansonsten leer stehenden, abgeriegelten Bahnhofsgebäude und bietet Leuten eine Zuflucht, denen man auf der Straße nur selten begegnet – entweder, weil sie sich dort nicht aufhalten, oder, weil man ihnen aus dem Weg geht. Sie sitzen tagtäglich am Tresen, schwitzen, poltern, saufen und inhalieren dabei Kippenschachteln. Bis vor ein paar Jahren gab es einen, der blaugraue Rauchkringel aus einem Loch im Hals pusten konnte, an das er sonst eine elektronische Sprechhilfe hielt. „Warum soll ich jetzt noch aufhören?“, sagte er mit seiner Roboterstimme, wenn man ihn darauf ansprach. „Der Kehlkopf ist doch sowieso schon futsch.“ Sonst redete er nicht viel. Ich weiß nur, dass er kaltes Bier nicht ausstehen konnte und niemanden mehr hatte. Jetzt ist er schon ein paar Jahre unter der Erde, und alle, die noch regelmäßig an ihn denken, sitzen in versifften Jogginganzügen in der kleinen Bahnhofskneipe und folgen ihm Glas um Glas, Zigarette um Zigarette nach. Ohne dass es jemanden mitbekommt.   

„Der einzige Unterschied zwischen uns und den Leudn auf’m Friedhof is, dass wir im Sitzen vergammeln.“

In Heinz Strunks neuem Roman „Der goldene Handschuh“ steht die Kneipe zwar nicht in der pfälzischen Provinz, sondern mitten im Szenestadtteil St. Pauli, doch das Publikum ist dasselbe. Hier schmücken sich die Stammgäste mit hart ersessenen Kampfnamen wie „Soldaten-Norbert“ oder „Tampon-Günter“, hier tragen alle Frauen Kittel in undefinierbaren Schlammfarben, hier gibt es Räume, in denen identitätslose Halbtote abseits des Schankraum-Lärms Schimmel ansetzen. Alle frönen sie dem „Schmiersuff“, der einem die Gedanken verrutschen lässt, oder widmen sich, wenn das nicht hilft, verzweifelt dem „Vernichtungstrinken“. Inmitten dieser nach Alkoholausdünstungen riechenden Masse fällt er gar nicht auf. Ein einzelner Mann, ein höflicher Kerl, der ab und an einen ausgibt und mit dem man vergleichsweise normale Gespräche führen kann. Einer der wenigen, für den noch nicht alles verloren scheint. Sie nennen ihn Fiete. Mittlerweile kennen nicht nur die Besucher seiner Stammkneipe den bürgerlichen Namen dieses Mannes.

Die Frau, die reinkommt, zittert vor Kälte und ist ziemlich klein. Wie dreckiger Rasierschaum ergießt sich graues, dünnes Haar über die Rückseite ihres eulenartigen Schädels. Die Kopfhaut ist an mehreren Stellen kahl. Sie steht da wie abgeschaltet, den Blick ins Leere gerichtet, vereist und ausdruckslos.

Vier Frauen – von Nachtwächter geköpft und zerhackt“, titelte die BILD-Zeitung am Tag nach seiner Festnahme. Heute gehört der mehrfache Mörder Fritz Honka zur Hamburger Stadtgeschichte, seine grausamen Taten sind zu Schauermärchen geworden, Kiezmythen, die man sich hinter vorgehaltener Hand erzählt, wenn man sich bei einem Glas Wein oder einem Krug Bier mal wieder so richtig wohlig gruseln will. Dementsprechend schwierig scheint es zu sein, sich als Künstler dieser traurigen Gestalt auf ernsthafte Art und Weise zu nähern – man schaue beziehungsweise höre sich nur mal einen der populärsten Versuche an:

Heinz Strunk hat es trotzdem gewagt. Er ist hinabgestiegen in die Archive, hat versucht, sich in die Psyche dieses Mannes einzufühlen und ihn letztendlich zu ergründen. Dabei ist ein Buch entstanden. Ein Buch, gegen das die Düsternis des noir wirkt wie ein Spaziergang am sonnengefluteten Strand.

Er hat den Kater von eineinhalb Flaschen Korn und jeder Menge Bier, und in seinem Sack gärt es. Er guckt an die Decke zu den Pin-up-Girls und stellt sich was vor. Dann schiebt er den Kittel hoch. Ihm ist gerade alles egal, wenn er nur nicht in das Gesicht mit dem Gebiss gucken muss.

„Der goldene Handschuh“ ist nur schwer zu ertragen. Selten hat das Wort „schonungslos“ so gut zu einem Roman gepasst wie hier, denn Strunk wendet den Blick auch dann nicht ab, wenn die Grenze des guten Geschmacks im Rückspielgel längst nicht mehr zu erkennen ist. Honka, dessen sexuelle Phantasien im Laufe der Handlung immer krankhafter werden, malträtiert beispielsweise den Unterleib seiner bewusstlosen Bettgenossinnen mit Knackwürsten, während er vor lauter Selbsthass und Ekel ohnmächtig zu werden droht – oder, wie der Autor es formulieren würde, „er treibt es mit diesem ausgelaugten, zerschundenen Menschenfleisch.“ Die Entmenschlichung des Menschen ist ein großes Thema des Romans. In zerfallenen Gesichtern und unförmigen Körpern spiegelt sich der Verlust der Persönlichkeit wider, die ins Delirium entschwindet. Wer sich mit diesen Suff-Zombies umgibt, wird irgendwann einer von ihnen. Das weiß auch Honka. Immer wieder versucht er, dem Milieu zu entkommen um ein geregeltes Leben führen zu können. Man möchte es kaum glauben, aber es bricht einem das Herz, ihn daran scheitern zu sehen.

Gesicht und Körper fielen ein, die Haare wurden dünn und die Nägel brüchig, er verlor fast alle Zähne, das Interesse an der Welt sickerte Tropfen für Tropfen aus ihm hinaus

Heinz Strunk hat sein Meisterwerk abgeliefert. Ein erdrückendes, mit Anlauf in die Magengegend gepfeffertes Stück düsterster Literatur, das sprachlich Schankraum-Schnack und Seemannsballaden, rasselnden Dialekt und romantische Poesie, Charles Bukowski und Pierre Guyotat in sich vereint. Eine Erzählung, die auf den ersten Blick menschenverachtend wirkt, auf den zweiten Blick aber nur eine menschenunwürdige Realität sichtbar macht. „Der goldene Handschuh“ zu lesen kommt einem daher ein bisschen so vor, wie sich einer lange verdrängten Wahrheit langsam wieder bewusst zu werden. Das will nicht jeder, und das muss auch ganz bestimmt nicht sein. Aber es ist eine intensive Erfahrung, die man nicht so schnell vergisst.

P.S.: Wer mehr über die Person Fritz Honka erfahren möchte, dem kann ich diese Multimedia-Doku des NDR ans Herz legen. Neben jeder Menge Bild- und Videomaterial zeigt sie sehr schön, wie schwer es den Menschen auch heute noch fällt, bei diesem Thema ernst zu bleiben. Fairerweise muss man aber sagen, dass das selbst Heinz Strunk nicht ausnahmslos gelungen ist.

„Der goldene Handschuh“ von Heinz Strunk ist bei Rowohlt im Hardcover erschienen.

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3 Gedanken zu “„Dies ist kein Albtraum, dies ist ein Todeskampf.“

  1. Nun, nachdem ich meine geschrieben habe, konnte ich deine Rezension lesen. Die ist ja mal gaaanz anders, aber sie gefällt mir gut! Frage an mich selbst: Hätte ich mehr Tobak einbauen sollen? 😉

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