Unwahrscheinlich (gut)

pb

© Nautilus

Declan Burke hat es nicht so mit einfachen Plots. Schon die Handlung von „Absolute Zero Cool“ war derart wirr, dass selbst seine Protagonisten ab und an den Überblick verloren, aber was er sich mit „The Big O“ geleistet hat, dürfte als Albtraum aller Klappentexter durchgehen. Und zwar deshalb: Der Schönheitschirurg Frank hat Geldsorgen. Er will seine Ex-Frau Madge entführen lassen, um bei der Versicherung Lösegeld kassieren zu können, und heuert Ray für die Drecksarbeit an. Ray wiederum streicht hauptberuflich Kinderzimmer, wenn er nicht gerade Ex-Frauen entführt – oder in einen Überfall gerät. Hinter besagtem Überfall steckt Karen. Ray verliebt sich sofort in die junge Frau, die, was für ein Zufall, die Sprechstundenhilfe von Frank und zudem die beste Freundin von Madge ist. Das führt bei Ray natürlich zu einem Interessenkonflikt. Als wäre das nicht Chaos genug, steckt Burke noch einem kleinen, von Egoproblemen geplagten Italiener namens Rossi die „Du kommst aus dem Gefängnis frei“-Karte zu. Und der hat nichts anderes im Kopf, als sich an seiner Ex zu rächen: Karen. 

„Vielleicht war er ja farbenblind“, meinte Doyle. „Wollen Sie damit sagen, ich sehe aus wie ein Schwarzer?“ „Wäre das denn ein Problem für Sie?“ Frank dachte fieberhaft nach. „Wäre es denn ein Problem, wenn es nicht so wäre?“ Doyle schaute ihn fragend an. „Was?“ „Sehen Sie? Es ist nämlich nicht alles so einfach, wie Sie denken.“

Je absurder, desto besser. Fernab lästiger Konzepte wie Logik und Wahrscheinlichkeit konstruiert Burke die Beziehungen zwischen seinen Figuren als fest gespannte Stolperdrähte. In den kurzen Kapiteln, welche die Geschichte jeweils aus der Perspektive eines einzelnen Akteurs erzählen, wird ordentlich die Leber torpediert, hemmungslos gevögelt und jede Menge Gras weggedampft. Die Unterhaltungen, die oft einen Großteil der Seite einnehmen, drehen sich meistens um die Geschlechtsteile der anderen, die eigenen Geschlechtsteile, das verkorkste Leben (das eigene und das der anderen), die Vergangenheit und darüber, was wohl als Nächstes passieren wird. Fast jede Pointe sitzt, fast immer stimmt das Timing. Das Einzige, was einen davon abhält, beim Lesen ein Dauergrinsen aufzusetzen, ist der schiere Überfluss an Komik, vor dem selbst gut trainierte Lachmuskeln zwangsläufig kapitulieren müssen.

„Gen?“, flüsterte er. „Liebling, bist du wach?“ „Wenn du mich noch einmal anfasst, Frank, lege ich Simply Red auf. Und zwar volle Lautstärke, hast du gehört?“

Auch wenn man das quasi in jeder Rezension findet: Der Vergleich mit der klassischen screwball comedy charakterisiert das Buch besser als jeder Versuch, diesen Wahnsinn in zusammenhängende Sätze zu zwingen. Denn wie im filmischen Vorbild entsteht der Witz in „The Big O“ vor allem auf der Beziehungsebene, geht es über weite Strecken um den Kampf der Geschlechter, sind die weiblichen Figuren ihren männlichen Kollegen meistens haushoch überlegen. Der einzige Unterschied besteht eigentlich darin, dass die damaligen Tabuthemen Sexualität und insbesondere Ehebruch im Roman in fast schon hysterischem Ausmaß zelebriert werden. Das Ergebnis liest sich wie eine mit popkulturellen Referenzen gespickte Mischung aus „Sex and the City“ und „Fargo“ und gehört mit Sicherheit zu den unterhaltsamsten Büchern des Jahres. Einziges Manko: Man hat beim Lesen das Gefühl, die Geschichte spiele sich im luftleeren Raum ab. Denn auch wenn der Ort des Geschehens Dublin heißt, wirkt die Kulisse für „The Big O“ wie die seelenlose Blaupause einer x-beliebigen amerikanischen Kleinstadt. Man könnte das natürlich auch konsequent nennen.

„Scheiß auf die Atombombe, es gibt nichts Gefährlicheres als eine Frau, die sich langweilt.“

“The Big O” von Declan Burke ist gerade bei Edition Nautilus als Klappenbroschur erschienen. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Robert Brack.

Westlake Fünf schräge Vögel

© Atrium

Donald E. Westlake war neben Ed McBain einer der wenigen Vielschreiber der Kriminalliteratur, bei dem Quantität Qualität nicht ausschloss – im Gegenteil. Seine unter eigenem Namen veröffentlichten Romane zeichnen sich dabei vor allem durch zwei Dinge aus: Ungewöhnliche Plot-Ideen und jede Menge Humor. Dass nun der erste Band der Reihe um den Meisterdieb John Dortmunder mit dem Titel „Fünf schräge Vögel“ erstmals ungekürzt in deutscher Sprache vorliegt, verdanken wir Tim Jung, der das Buch nicht nur neu übersetzt, sondern auch gleich als schmucke Hardcover-Ausgabe bei Atrium verlegt hat. Trotz der zeitgemäßen Übertragung kommt man leider nicht umhin zu bemerken, dass das immerhin bereits 1970 erschienene Werk leicht angestaubt wirkt. Vieles von dem, was es darin zu lesen gibt, gehört heute zum Genre-Standard – wenn auch aus dem einfachen Grund, dass Westlake dafür gesorgt hat. Die Grundidee aber hat nichts von ihrer Frische eingebüßt, und sorgt auch nach fast einen halben Jahrhundert noch für hüpfburgmäßigen Spaß.

Kelp sagte: „Wir kriegen eine zweite Chance. Was macht dir Sorgen?“ „Keine Ahnung“, sagte Dortmunder. „Aber wenn ein Job einmal aus dem Ruder gelaufen ist, lasse ich lieber die Finger davon. Man sollte nicht auch noch von dem Kakao trinken, durch den man gezogen wurde.“

Gerade frisch aus dem Knast entlassen, erhält John Dortmunder ein verlockendes Angebot: Er soll für den UN-Botschafter von Talabwo (macht euch gar nicht erst die Mühe, dieses „Land“ zu googlen) einen grünen Smaragd stehlen, den dieser als Eigentum seines Volkes betrachtet. Nach zähen Verhandlungen willigt Dortmunder ein, holt sich vom Fluchtwagenfahrer bis zum Schlösserknacker vier Experten in sein Team und macht sich an die Arbeit. Bis dahin also ein Archetypus von Gangstergeschichte, der auch bei Erscheinen des Buches schon nicht mehr innovativ war. Aber aufgepasst! Der minutiös geplante Coup geht so richtig in die Hose. Dortmunder will instinktiv aufgeben, doch irgendwie können seine Kollegen und sein Auftraggeber ihn doch noch überreden, neuen Anlauf zu nehmen. Ein Fehler. Denn damit setzt der Meisterdieb eine Spirale in Gang – eine Spirale des immer spektakuläreren Scheiterns und der immer irrwitziger werdenden Pläne, das Objekt der Begierde doch noch in die Finger zu bekommen.

„Sir, die Leitung ist tot.“ „Ach ja? Dann rufen wir wohl besser die Telefongesellschaft an, damit sie das Problem behebt – und zwar pronto!“ Er liebte das Wort „pronto“. Jedes Mal, wenn er es verwendete, fühlte er sich wie Sean Connery. Er griff energisch nach dem Hörer, um die Telefongesellschaft anzurufen, hielt ihn ans Ohr und hörte – nichts.

Da kann man sich schon die Frage stellen: Funktioniert das? Kann man innerhalb einer Geschichte immer wieder dieselbe Geschichte erzählen? Nach der Lektüre muss die Antwort lauten: Ja, kann man, und ja, es funktioniert prächtig. Der Ehrgeiz des Protagonisten, die immer höheren Hürden, die er überwinden muss, aber auch die zunehmende Verschlechterung der Ausgangslage verleihen dem Roman eine Dynamik, der man sich nicht entziehen kann. Dortmunder mag vielleicht kein Parker sein (für den diese Geschichte übrigens ursprünglich gedacht war) aber genau der Punkt, in dem er sich von seinem bösen Zwilling unterscheidet, macht „Fünf schräge Vögel“ zur spannenden Lektüre – man kann sich mit ihm identifizieren. Und wenn man gerade nicht mit dem „vom Pech verfolgte[n] Genie“ mitfiebert, wundert man sich, wie Donald E. Westlake es geschafft hat, eine derartige Kopfgeburt von Plot so federleicht daherkommen zu lassen.  Eine gewisse Romanfigur würde vermutlich sagen: chapeau!

„Fünf schräge Vögel“ von Donald E. Westlake ist gerade bei Atrium als Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Tim Jung.

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5 Gedanken zu “Unwahrscheinlich (gut)

  1. Och, seit Erscheinen von „The Big O“ schleiche ich nun schon um den neuen Burke herum. Vor allem, weil ich ja beinharter Fan von „Absolute Zero Cool“ bin. Ich mag halt dieses Wirre, dieses Luftleere, dieses Abstrakte und Unwahrscheinliche, das iso schön mit herkömmlichen Erzählstrukturen bricht und dabei den Leser auch irgendwie auf den Kopf stellt. Ergo werde ich nach deiner Besprechung jetzt mal zugreifen. Danach habe ich dann auch mal ne Meinung dazu, ob der luftleere Raum hier konsequent oder unnötig ist. 😉

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