Stand Your Ground

Max Annas Die Mauer

© Rowohlt

Max Annas ist wieder da und erobert die Kritikerherzen im Sturm. „Mit einer schnörkellosen, atemlosen Schreibe liefert der in Köln geborene Schriftsteller, der mittlerweile in Südafrika lebt, ein unglaublich spannendes Kammerstück ab“, schrieb ich vor etwa eineinhalb Jahren über sein Debüt „Die Farm“. Zu seinem zweiten Streich würde dieser Satz ebenfalls gut passen – mal abgesehen davon, dass der Autor neuerdings (?) in Berlin lebt, unter der Flagge von Rowohlt segelt und sich auch der Schauplatz seines Romans im Vergleich zum letzten Mal deutlich vergrößert hat. Darüber hinaus konzentriert sich Max Annas jedoch auf die Stärken des Vorgängers, perfektioniert sie, und wagt sich in kleinen, bedachten Schritten sogar auf neues Terrain. Sprich: Er entwickelt seine Vision konsequent weiter. „Die Mauer“ nennt sich diese Ausweitung der Kampfzone, und der Name ist natürlich wieder Programm.

Eigentlich war das kein Joggen gewesen, was er da gesehen hatte, dachte Thembinkosi. Der Junge war vor etwas davongelaufen. Jetzt kam auch noch ein älterer Weißer gerannt. Okay. Nicht vor etwas. Vor ihm. Stress, dachte Thembinkosi. Stress war nicht gut für ihre Arbeit.

Moses ist gedanklich schon am Ziel angekommen, doch sein Auto will plötzlich nicht mehr weiterfahren. Statt es sich bei seiner Freundin Sandi mit einem kalten Getränk gut gehen zu lassen, steht der junge Südafrikaner nun völlig durchgeschwitzt und ratlos mitten im Nirgendwo. Als ihm einfällt, dass sich die Gated Community „The Pines“ in gar nicht allzu weiter Ferne befindet, hält er es noch für eine gute Idee, sich dort Hilfe zu holen. Doch in dieser eingemauerten Siedlung wohnen ausschließlich wohlhabende Weiße, die es gar nicht gerne sehen, wenn ein Fremder, dessen Haut zudem noch dunkler ist als ihre eigene, durch die Straßen streunert. Die vermeintliche Oase in der Wüste entpuppt sich als tödliche Falle. Gewaltbereite, mit Schlagstöcken und Schlimmerem ausgestattete Männer machen Hetzjagd auf Moses, der wie eine Flipperkugel zwischen den Enden der Mauer hin- und her zu fliegen scheint. Immer mehr Menschen strömen auf die Straße, um sich an diesem mittelalterlichen Spektakel zu beteiligen – sehr zum Bedauern von Nozipho und Thembi, die ebenfalls in der Gated Community festsitzen, weil sich nun nicht mehr aus dem Haus trauen, dass sie gerade ausgeraubt haben …

Er erhob sich. Was er jetzt brauchte, war ein Plan. Zurück zur Außenmauer und dann darüberklettern. Das war ein Plan.

Es gibt scheinbar viele Gründe, warum Menschen in geschlossenen, überwachten Wohnkomplexen, sogenannten Gated Communities leben wollen. Ach was, genaugenommen ist es immer derselbe. Schon im 19. Jahrhundert, als diese Art des Wohnens erstmals salonfähig wurde, war es die Angst der wohlhabenden Bevölkerung, sich mit den Massen, die von der Industrialisierung in die Städte gespült wurden, den Lebensraum teilen zu müssen, welche letztendlich die Mauer hochzog, und auch heute treibt die Angst vor dem Verlust der eigenen Identität immer mehr Menschen zu diesem Schritt der bewussten Abgrenzung. Die Gated Community ist nichts weiter als die manifest gewordene Wunschvorstellung von einer entglobalisierten Welt, in der sich der Wohnort noch über die Gruppenzugehörigkeit, und die Gruppenzugehörigkeit noch über Hautfarbe und sozialen Status definiert hat. Eine Wunschvorstellung, die schienbar viele Menschen teilen, denn immer mehr dieser künstlichen Viertel werden rund um den Globus errichtet – alleine in den USA stehen bereits mehr als 20.000. Privater Sicherheitsdienst, private Wohnanlage, trotz dutzender Kameras endlich das Gefühl von Privatssphäre.  Wenn die Angst so groß ist, dass sie zu derartiger Realitätsverweigerung führt, kann man sich ausmalen, welche Dimensionen sie annimmt, wenn das System versagt. Genau davon erzählt Max Annas in seinem Roman.

„Wie sollen wir denn vorgehen? Einfach raus?“ „Einfach raus.“ „Jetzt?“ „Hmhm.“ „Und wenn es schiefgeht?“ „Was soll schiefgehen?“ Nophizo musste eine Sekunde überlegen. „Na ja … Wenn sich einer der Security-Leute hier auskennt und weiß, dass wir gar nicht hier wohnen?“ „Na und? Wir können hier zu Besuch sein.“ „Aber was, wenn der genau weiß, dass diese Leute hier …“ Nozipho machte eine Pause. „Guck sie dir doch an. Die haben doch keine schwarzen Freunde!“

Drei Dinge machen „DIe Mauer“ so außergewöhnlich gut. Erstens: Max Annas bringt uns die gesellschaftliche und politische Realität Südafrikas näher, ohne dabei zu dozieren. Alles, was wir wissen müssen, steckt in den Figuren, ihren Beziehungen zueinander und der Art, wie sie miteinander umgehen – es braucht keinen, der irgendeine historische Verschwörung wieder aufdeckt, sich an vergangene Ereignisse erinnert oder auch nur kurz eine einordnende Zeitungsmeldung Revue passieren lässt. Damit ist er meilenweit von der Biederkeit des Soziokrimis entfernt, und auch einem Großteil seiner jetzigen Kolleginnen und Kollegen eine Nasenspitze voraus. „Show, don’t tell!“, die alte Leier eben. Zweitens: Max Annas hat einfach verstanden, wie man Spannung erzeugt. Multiperspektivität, Parallelmontagen, immer kürzer werdende Absätze, immer schnellere Perspektivwechsel – der Autor dreht an der Geschwindigkeitsschraube wie ein Feinmechaniker. Und genau dann, wenn die Spannung ihren Höhepunkt erreicht, tritt er auf die Bremse, und lässt die Bombe in einer ebenso wunderschönen wie grausamen Zeitlupen-Schleife platzen. Drittens: Moses, der verzweifelt darauf hofft, dass die Mauer sich endlich teilt und ihn hindurchlässt, wird doch tatsächlich von einem deutschen Schäferhund namens Shaka Zulu (!) durchs gelobte Land gejagt. Besser geht’s kaum.

Der Wagen wurde durchgewinkt und blieb stehen. Jay-Jay Dolmo stieg aus. „Shaka Zulu ist der beste“, sagte er. „Mit ihm haben wir den Kerl in ein paar Minuten.“

Fazit: Max Annas hat sein ohnehin schon großartiges Debüt noch einmal toppen können und katapultiert sich damit, wie Thomas Wörtche bereits bemerkte, „schon nach zwei Büchern an [die] Spitze der deutschen Kriminalliteratur“. Mal schauen, wohin die Reise noch geht. Nachdem Annas „Die Farm“ nun zu einer klar umrissenen Siedlung ausgebaut hat, erwartet uns beim nächsten Buch vielleicht ein Großstadtroman? „Die Metropole“? Diesmal hat er uns jedenfalls ein komplexes, radikal reduziertes Gesellschaftsporträt in Gestalt eines Hochgeschwindigkeitsthrillers beschert, bei dem Form und Inhalt derart eng miteinander verzahnt sind, dass man das Gefühl hat, Zeuge einer perfekten Symbiose zu sein. Ein herausragender Roman und eine Bereicherung für die hiesige Krimilandschaft. Oder, um es frei nach Loriot zu sagen: Eine Jahresbestenliste ohne „Die Mauer“ ist möglich, aber sinnlos.

„Die Mauer“ von Max Annas ist gerade bei Rowohlt als Klappenbroschur erschienen.

P.S.: Soundtrack zum Buch gefällig?

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2 Gedanken zu “Stand Your Ground

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