Der Kriminalroman im Zeitalter der Remix-Kultur

Fox Hades

© Suhrkamp

Die junge Australierin Candice Fox wurde für ihr Debüt „Hades“ nicht nur in ihrer Heimat preisgekrönt, sie hat auch hierzulande etwas gewinnen können, das man nicht unterschätzen sollte: Prominente Fürsprecher. Angefangen bei Thomas Wörtche, der das Buch bei Suhrkamp herausgegeben hat, über Sonja Hartl, Alf Mayer und Ulrich Noller liest sich die Mitgliederliste ihres Fanclubs wie ein who is who des deutschen Krimijournalismus. Und die dazugehörigen Lobeshymnen erst! Man hatte zwischenzeitlich das Gefühl, mit „Hades“ stünde uns eine kleine Genre-Revolution ins Haus. Umso ratloser war ich nach 341 Seiten, denn das Kartenhaus meiner Erwartungen war nach und nach in sich zusammengefallen und die Autorin zog bis zum Schluss kein Ass aus dem Ärmel, um es wieder zu stabilisieren. Ob sie es sich für die zwei Folgebände aufgehoben hat? Oder ist ihr gar der ganz große Bluff gelungen? Während ich noch grübelte, was ich übersehen hatte, hätte ich beinahe etwas übersehen: Wie viel Spaß ich mit diesem Buch hatte. Vollends verwirrt schlug ich es auf der ersten Seite wieder auf und verabschiedete mich von jedem Gedanken an Schlaf.

Hoch und schwarz ragte der Müll neben der Piste auf, so hoch, dass Himmel und Sterne dahinter verschwanden. Ein Kranz aus Bäumen und Büschen versperrte die Sicht auf die Holzhütte oben auf dem Hügel. […] In ausgebrannten Autowracks leuchteten Augen, Tiere spähten unter Wellblechgeknäuel hervor.

Heinrich Archer, genannt „Hades“, lebt auf einem Schrottplatz abseits von Sydney ist nicht nur dem Namen nach der Herr der Unterwelt. Immer dann, wenn ein Gangster in Schwierigkeiten steckt, hilft Hades schnell, professionell und stellt vor allem keine unnötigen Fragen – wenn die Kasse stimmt, versteht sich. Als jedoch eines Nachts ein Mann mit zwei Kindern, den letzten Überlebenden einer gescheiterten Entführung, und der Bitte zu ihm kommt, diese verschwinden zu lassen, platzt dem grobschlächtigen Problemlöser der Kragen. Er erschießt den Mann und nimmt die beiden Waisen bei sich auf, gibt ihnen zwischen Altmetall und Verbrechen so etwas wie ein neues Zuhause. Doch Hades ist kein Vater, und Eric und Eden seit dem Tod ihrer Eltern keine Kinder mehr. Sie wachsen zu jungen Sadisten heran, die mit Faszination, aber gleichzeitig völliger Teilnahmslosigkeit Leben beenden, und dadurch selbst dem Herrn der Unterwelt einen Schauer über den Rücken jagen. Er beschließt, sie dort unterzubringen, wo sie ihre Natur ausleben können, ohne in allzu große Schwierigkeiten zu geraten: Bei der Polizei.

„Warum machst du das?“, fragte Eden. „Weil ich euch liebe“, antwortete der Alte. Er hatte diesen Satz noch nie ausgesprochen. „Kapiert ihr das denn nicht? Ich habe euch von Anfang an geliebt.“

Candice Fox erzählt die Geschichte in zwei nebeneinanderherlaufenden Strängen: Die Vergangenheit der beiden Kinder, das Aufwachsen unter der Obhut eines stadtbekannten Verbrechers, die immer finsterer werdenden Eskapaden sind einer davon. Der andere beginnt mit dem verlotterten Cop Frank, der Eden als Partner zur Seite gestellt wird und dessen hardboiled-Auftreten im Schatten des brutalen Geschwisterpaares schnell einer Mischung aus Angst und Zuneigung weicht. Frank, Eden und Eric jagen mit ihren Kollegen einen Serienkiller, der seine Opfer in Werkzeugkisten auf dem Meeresboden versenkt und entwickeln dabei eine ebenso intensive wie gefährliche Dreiecksbeziehung, die nicht weniger als das Gleichgewicht der Welt selbst ins Wanken zu bringen scheint. Das wird atem- und schmucklos erzählt, die Entwicklungen überschlagen sich, die Seiten fliegen dahin. Nur manchmal stolpert man über Redundanzen und die fast schon komisch unterkomplexen Weltanschauungen der einzelnen Figuren, aber alles in allem ist das ein Thriller wie jeder andere. Oder?

„Das Böse ist wie ein Virus. Er breitet sich aus, bei jeder Berührung, wird durch die Luft übertragen und eingeatmet. Man fängt sich den Virus ein, wenn man ein hartes Leben hat oder misshandelt worden ist. […] Man kann nicht alles Böse in der Welt bestrafen. Da müsste man schon bei sich selbst anfangen.“

„Hades“ stellt eine Mischung aus cop novel, Serienkiller-Krimi, Psychothriller und Unterweltballade dar, was in vielen Rezensionen nicht nur als gelungen empfunden wird, sondern auch als Novum.  Hier wird ganz bewusst mit Versatzstücken gespielt, heißt es. Doch auch nach mehrmaligem Lesen kann ich nicht mehr als ein wirres Puzzlen mit Genre-Konventionen entdecken, dass an kaum einer Stelle zu Innovationen führt – im Gegenteil. Die Figur des Serienkillers bei Candice Fox ist beispielsweise so dermaßen klischeebehaftet und psychologisch eindimensional, dass man das Gefühl hat, ihre Protagonisten würden einem Abziehbild hinterherjagen. Überhaupt wirkt vieles allzu platt. Die mythologischen Anspielungen fallen nicht gerade subtil aus, die Kinder durchlaufen die typischen Stationen auf ihrem Weg zum Psychopathendasein und die Sätze klingen, wenn sie mal mehr sein wollen als nur Mittel zum Zweck, wie Sätze, die unbedingt mehr sein wollen als nur Mittel zum Zweck, aber es besser geblieben wären. Ist das die Patterson’sche Schreibschule oder sind das doch die ganz normalen Startschwierigkeiten einer Autorin am Anfang ihrer Karriere?

„Du bist jetzt unter Wölfen, Frankie. Da musst du schon ein bisschen schneller sein.“

Es lassen sich also genügend Argumente finden, die Finger von diesem Buch zu lassen. Sollte man aber nicht. Schlägt man das Debüt von Candice Fox nämlich ohne diesen Ballast an Erwartungen auf, bemerkt man seine Qualität. Dieser wirre Mix aus allem, was in diesem Genre irgendwann mal Geld abgeworfen hat, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als literarisches Pendant zum sogenannten „B-Movie“. „Hades“ mag zwar nicht durch besonders guten Stil oder komplexe Charakter überzeugen, dafür aber durch ein irrwitziges Tempo, einen extrem hohen Unterhaltungsfaktor und einem Füllhorn an Ideen. Alleine dieser Heinrich Archer, der daherkommt wie eine Mischung aus Alm-Öhi und Vito Corleone (also in etwa Josef Bierbichler), nur dass er statt in einer Villa auf einem Schrottplatz wohnt und statt Holztiere zu schnitzen lieber welche aus Metall zusammenschweißt, macht dieses Buch lesenswert. Von der absurden Grundidee will ich gar nicht anfangen. Und ganz nebenbei ist „Hades“ das, was man sich von guter Spannungsliteratur erwartet: Ein Pageturner. Einer, wie man ihn in dieser Ecke des Genres lange nicht mehr gelesen hat.

Das Leben dieser Kinder hatte im Müll, im Dreck, in Finsternis begonnen.

Star Wars ist ja auch so ähnlich entstanden. Film-Freak George Lucas hat Western, Science-Fiction, Rittergeschichten und weiß der Teufel was noch in völligem Wahn auf Zelluloid zusammengerührt, und heute ist zumindest die ursprüngliche Trilogie Kult. Gut, dass auch Candice Fox noch zwei Bücher nachgelegt hat. Im Endeffekt sind es – und plötzlich verstehe ich dann doch die ein oder andere Review – solche Grenzgänge, solche Visionen, die vielleicht auf den ersten, manchmal auch auf den zweiten Blick noch zusammenhanglos wirken, die auf lange Sicht ein Genre voranbringen können. Aus Alt mach Neu, sozusagen. Ob dieses Konzept auch für die junge Australierin so gut aufgeht wie im Fall des millionenschweren Film-Moguls, ob ich mich also was die Innovationskraft dieser Autorin angeht völlig geirrt habe – wir werden sehen. Ich empfehle jedenfalls jedem sich selbst ein Bild zu machen. Alleine schon aus dem Grund, dass mich „Hades“ immer noch so sehr beschäftigt, dass ich mich hier endlos darüber auslassen könnte. Im September geht es dann mit „Eden“ und einer weiteren Serienkiller-Geschichte (Erbarmen!) in die nächste Runde. Ich verabschiede mich schon mal von jedem Gedanken an Schlaf.

„Hades“ von Candice Fox ist bei Suhrkamp als Klappenbroschur erschienen. Die Übersetzung aus dem australischen Englisch stammt von Anke Caroline Burger. Weitere Infos zum Buch findet ihr auf der Verlagshomepage.

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2 Gedanken zu “Der Kriminalroman im Zeitalter der Remix-Kultur

  1. Danke für Ihre Rezension, sie spricht mir wirklich aus dem Herzen! Ich wähnte mich wirklich schon allein auf dieser Krimwelt: All diese überschwänglichen Kritiken, diese prominenten Fürsprecher des Buches, die ich allesamt schätze, der überaus verdienstvolle Herausgeber, dessen Empfehlungen in meiner Wohnung einige Regalmeter belegen, und doch war ich nach der Lektüre einigermaßen ratlos – das sollte nun also das nächste grosse Ding sein? Max Annas fühlte sich an eigenwillige Autorinnen wie Sara Gran oder Lauren Beukes erinnert, während ich nur ziemlich versiert montierte Genre-Versatzstücke zu entdecken mochte, Figuren mit wenig Tiefe, eine reichlich unglaubwürdige Handlung und gerade in sprachlich-stilisitischer Hinsicht nichts Erinnerungswürdiges. An eine wunderbar originelle Autorin wie Sara Gran fühlte ich mich nicht erinnert, aber mit so einem Vergleich tut man einer jungen Autorin wie Candice Fox wohl auch keinen Gefallen, die muß ihre Stimme erst noch finden. Vielleicht wissen ihre prominenten Fürsprecher ja mehr und die Folgebände der Trilogie lösen das grosse Versprechen ein. Immerhin ging es mir wie Ihnen: Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen und mich gut unterhalten gefühlt, auch ohne das gewisse Etwas, das ich von Autorinnen wie Sara Gran gewohnt bin.

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  2. Pingback: Candice Fox: Hades | crimenoir

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