Zwischen Scheitern und Triumph

Pollock Die himmlische Tafel

© Liebeskind

Mit seiner Kurzgeschichtensammlung Knockemstiff und dem darauffolgenden Debütroman Das Handwerk des Teufels hat sich Donald Ray Pollock in Sphären geschrieben, von denen man vorher dachte, sie lägen mindestens ein halbes Schriftstellerleben von der Veröffentlichung des Erstlings entfernt. Seite an Seite mit dem etwa gleichaltrigen Daniel Woodrell sitzt er seitdem zu den Füßen des Genre-Gottvaters Cormac McCarthy,  komplettiert die Dreifaltigkeit der düsteren Südstaaten-Literatur und erntet die Früchte seines Schaffens: Kritikerlob und Erwartungsdruck. Sein neuer Roman Die himmlische Tafel liest sich in diesem Kontext als Befreiungsschlag eines Autors, der weder bereit ist, sich dem Druck zu beugen, noch es sich jetzt schon in der für ihn vorgesehenen Schublade bequem zu machen. 

Georgia im August 1917: Die Familie Jewett verhungert. Vater Pearl, der anfangs noch versucht, seine drei Söhne Cane, Chimney und Cob, mit denen er sich Tag für Tag auf den Feldern abrackert, mit Mehlklumpen und fauligem Schweinefleisch durchzufüttern, hat nach der Begegnung mit einem wundersamen Wanderprediger nur noch den Tod im Sinn. Neben einem Wiedersehen mit seiner verstorbenen Ehefrau, soll ihn nämlich nach einem Leben voller Entbehrungen ein Platz an der himmlischen Tafel, einer Art jenseitigem Schlaraffenland erwarten. Als Pearl dann eines Tages tatsächlich wunschgemäß (wenn auch nicht allzu elegant) abtritt, müssen seine Söhne eine Entscheidung treffen: Wollen Sie dem Beispiel ihres Vaters folgen und für den Reichtum anderer langsam zugrunde gehen, oder versuchen, den elenden Kreislauf aus Arbeit, Hunger und Durchfall zu durchbrechen? Inspiriert von einem Groschenroman machen sich die ungleichen Brüder auf in Richtung Ungewissheit, auf ins abenteuerliche Outlaw-Leben, auf zu ihrem ersten Banküberfall. Währenddessen sucht ein paar Meilen entfernt der Farmer Ellsworth Fiddler nach seinem Taugenichts von Sohn und findet dabei Ungeheuerliches heraus: Die USA befinden sich bereits seit vier Monaten im Krieg. Aber wo zur Hölle liegt dieses Deutschland, in das sein Junge scheinbar verschwunden ist?

Wenn selbst die Geschichten versagen

Bei Pollock zerplatzen literarische Denkblasen auf dem Boden der Tatsachen. Da wäre das Märchen von den drei Brüdern, dem dümmlichen Dicken, dem impulsiven Möchtegern-Frauenheld und dem romantischen Möchtegern-Lebemann, das schon zu Beginn ins Stocken gerät, weil das klägliche Nichts, dass ihnen ihr Vater hinterlässt und dass sie nun unter sich aufteilen dürfen, einfach nicht reicht, um daraus eine Erzählung zu spinnen – weshalb der Autor Richtung pulp ausweicht, hin zum fiktiven Reißer Das Leben von Bloody Bill Bucket aus der Feder des ebenso fiktiven, aber nichtsdestotrotz bemitleidenswerten Charles Foster Winthrop III. Doch während der grimmige Bürgerkriegsveteran Bloody Bill nach seinen Schandtaten für gewöhnlich im Edelbordell residiert, reicht es in der Realität der Jewetts gerade mal für einen Ziegenstall mit dem einladenden Rufnamen „Hurenscheune“.

Old Barn

Nicht nur literarische Genres, auch archetypische Figuren und Erzählmuster brechen unter Pollocks Feder zusammen. Der Dandy-Lieutenant Bovard, der im Krieg eine Möglichkeit zum besonders pathetischen erweiterten Selbstmord sieht, und im Schützengraben einen Ort, an dem kameradschaftliche Gefühle in Homosexualität umschlagen, muss zu seinem Entsetzen feststellen, dass sich seine Rekruten weder für die alten Griechen, noch für den aufgesetzten Weltschmerz ihres (ein)gebildeten Vorgesetzten interessieren und verbringt daher den Rest seiner Tage im Opiumrausch. Der Landstreicher Sugar hingegen, der nach Detroit ausgewandert war, um das große Geld zu machen, sich dort aber nur von einer Frau hat aushalten lassen, bemerkt bei einem Zwiegespräch mit Gott, dass er nichts besitzt, was er dem Allmächtigem im Austausch für seine Forderungen anbieten könnte, und hält deshalb lieber die Klappe. Dieses ständige Unterbrechen des eigenen Erzählflusses sorgt zwar für jede Menge Situationskomik, aber bleibt eben ein ständiges Unterbrechen des eigenen Erzählflusses – und damit auf lange Sicht ein Ärgernis.

Komik, Ekel und verschenktes Potential

Überhaupt scheint vieles in Die himmlische Tafel wie an-, aber nicht konsequent zu Ende gedacht. Als wäre das Buch weniger ein Roman, sondern vielmehr eine Stoffsammlung, ein Kuriositätenkabinett, eine Anthologie der schrägsten Charaktere, die sich in den Hirnwindungen von Donald Ray Pollock tummeln und seinen imaginären „dreckigen Süden“ bevölkern. Leute wie der Sanitärinspekteur Jasper Cone, einer Art Fäkalien-Forrest-Gump, der am Stuhlgang seiner Mitmenschen erkennt, wie lange sie es noch machen, oder der sadistischen Barkeeper Pollard („Naja, der war schon als Kind ein Arschloch.“), dessen Name vielleicht nicht nur zufällig an seinen Schöpfer erinnert, wirkt er mit seinem Wunsch Menschen einzudosen doch wie die Karikatur eine Figur aus Das Handwerk des Teufels. Doch diesmal hat der Autor zu viele absurde Biographien zusammengetragen, um sie mit der für ihn üblichen Menge an Körperflüssigkeiten noch zu einem großen Ganzen zusammenpappen zu können – da helfen dann weder der herausragende Stil, noch die gewohnt tadellose Übersetzung von Peter Torberg. Und so bleiben am Ende nur die Fragmente eines Romans, der alles, was dieses Jahr bisher erschienen ist, hätte überstrahlen können, wenn er denn nur geschrieben worden wäre.

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Donald Ray Pollock tritt angesichts der exorbitanten Erwartungen die Flucht nach vorne an, und sorgt neben jeder Menge hochklassiger Unterhaltung für das ein oder andere Fragezeichen. Die himmlische Tafel ist sein bisher komischstes Buch – was angesichts der Vorgänger auch nicht sonderlich schwer war –, aber eben auch sein inkonsequentestes. Warum er beispielsweise am Ende ausgerechnet  den Faden der Märchenerzählung wieder aufgreift, während er die meisten der anderen lose herumliegen, ja regelrecht verkümmern lässt, wird wohl nur er selbst wissen. Vielleicht ist das Teil seines neuen Humors, bei dem man sich nicht mehr auf so schaurige Art an ein glasgow smile erinnert fühlt. Vielleicht ist es wirklich Teil eines Versuchs, sich um der kreativen Freiheit willen aus dem engen Schatten der großen Namen herauszuschreiben. Jedenfalls wirkt es fast, als würde er es seinen Figuren gleichtun, und gegen die bestehende Ordnung, die ihn sich eigentlich schon einverleibt hatte, rebellieren. Als würde er seinen Platz an der himmlischen Tafel gar nicht wollen. Als wäre er doch lieber nur ein Mensch aus Fleisch und Blut, so wie wir alle.

„Die himmlische Tafel“ von Donald Ray Pollock ist gerade bei Liebeskind im Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Peter Torberg. Der vorliegende Text war ursprünglich für die August-Ausgabe des CrimeMag vorgesehen.

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