Zwei Morde und der unterkühlte Wahnsinn der Welt

McNamee Blau ist die Nacht

© dtv

Letztes Jahr traf ich Sonja Hartl auf der Frankfurter Buchmesse. Wir sprachen kurz über irische Krimis, und irgendwann – ich weiß nicht mehr, ob ich sie nach einem Geheimtipp gefragt habe, oder sie mir einfach einen Gefallen tun wollte – kam der Name Eoin McNamee ins Spiel. Nie gehört, dachte ich mir damals, klingt aber spannend. Und ehe ich mich versah, war mir der Geheimtipp auch schon in der allgemeinen Informationsüberflutung eines typischen Messetags aus dem Gedächtnis gerutscht. Habe ich zumindest angenommen. Als ich dann vor einigen Wochen vor meinem ehemaligen Arbeitsplatz (also einigen Regalmetern alphabetisch sortierter Krimis) stand, fiel mir „Blau ist die Nacht“ ins Auge. Der Klappentext klang gut, die ersten Seiten klangen besser, der Scanner vertraut und das Geräusch, als mein Geldbeutel sich in die eigens dafür aufgesprungene Kassenschublade entleerte, verdächtig nach Monatsende. Weder Buch noch Wechselgeld hielten solange. Die Erkenntnis aber, dass ich den Autorennamen schon mal irgendwo gehört hatte, und die Überraschung, dass es sich bei „Blau ist die Nacht“ um den letzten Band einer Trilogie handelt, die kamen erst mit dem nächsten Kalenderblatt. In Gestalt eines Artikels von Sonja Hartl.

Der Mord vor dem Hintergrund politischer Unruhen. Die Geschichte der Stadt mit ihren Pogromen, Morden, Brandanschlägen. Der tradierte Groll einer ganzen Epoche.

1949: Mary McGowan wird in ihrem Haus in Belfast auf brutalste Weise überfallen. Sie überlebt gerade lange genug, um die Identität ihres Mörders zu verraten: Robert „The Painter“ Taylor soll es gewesen sein, der Mann, der noch ein paar Tage zuvor für sie gearbeitet hatte. Taylor streitet die Tat trotz eindeutiger Beweise ab und wiegt sich in Sicherheit. Er ist Protestant, sein Opfer Katholikin, ein Schuldspruch oder gar eine Verurteilung zum Tode undenkbar. Lancelot Curran, ein aufstrebender Richter, Mitglied des protestantischen Oranier-Ordens und notorischer Spieler übernimmt den Prozess – doch statt sich ins gemachte Nest zu setzen und die eigene politische Karriere voranzutreiben, will er Taylor hängen sehen.

Patricia Curren

Patrica Curren (Mitte) und Familie | © The Irish Times

1952: Patricia Curren, die 19-jährige Tochter von Lancelot Curran, wird tot in der Auffahrt des elterlichen Wohnsitzes aufgefunden. 37 Messerstiche, viel zu wenig Blut und jede Menge offener Fragen. Wurde Patricia dort ermordet, oder nur abgelegt? Warum erkundigte sich Richter Curran bei einem Freund nach dem Verbleib seine Tochter, nachdem er ihre Leiche bereits gesehen hatte? Welche Rolle spielte ihre in der Nervenheilanstalt aufgewachsene Mutter Doris und deren Fantasien über einen damaligen Insassen namens Thomas Cutbush, einem Mann, den heute noch viele für „Jack the Ripper“ halten? Umso überraschender, dass sich all diese Frage schon wenige Tage später vorerst in Luft auflösen. Der Soldat Ian Hay Gordon gesteht den Mord an Patricia Curren. Doch neben einem Alibi fehlt ihm vor allem eines: Ein glaubwürdiges Motiv.

„Ich will wissen, was passiert ist.“ „Sie sind wie ein Hund, der sich noch mal an seinem Erbrochenen zu schaffen macht. Glauben Sie etwa, Sie könnten wiedergutmachen, was Sie in all den Jahren getrieben haben, in dem Sie in der Vergangenheit rumschnüffeln?“

Im Zentrum dieser beiden miteinander verwobenen Kriminalfälle, die zu dem berühmtesten und symptomatischsten der nordirischen Geschichte gehören, steht – zumindest in Eoin McNamees „Blau ist die Nacht“ – ein Mann namens Harry Ferguson. 1949 wird er Lancelot Curran zur Seite gestellt, um ihn vom Zocken abzuhalten und damit eine politische Erosion zu verhindern. 1952 nennt er sich längst Freund der unnahbaren, verstörenden Richter-Familie und ist der jungen Patricia mit Haut und Haaren verfallen. 1961 hält er es nicht länger aus und versucht, die wahre Geschichte hinter ihrer Ermordung aufzudecken. Doch McNamee, der sich beim Erzählen so weit wie möglich an den realen Ereignissen orientiert, kann seinem Protagonisten keine Erlösung bieten. Der Fall bleibt ein Mysterium, und das weit über den Zeitraum, der im Roman behandelt wird, hinaus. Im Jahr 2000 widerruft Ian Hay Gordon sein Geständnis. Man habe ihn dazu gezwungen, sagt er, habe ihm gedroht, seine Homosexualität öffentlich zu machen. Vor ziemlich genau einem Jahr stirbt dann Patricias Bruder Desmond Curran und damit, so vermutet man, der letzte noch lebende Zeuge.

Sie stand vornübergebeugt vor dem Kamin und trocknete ihr Haar. Ferguson sah ihren Nacken, die Konturen ihres Körpers unter dem Stoff, den Faltenwurf des Plissees, wie sie untenherum den Mantel zusammenraffte, Einblicke gewährte. Das Wort entblößt. Das Wort Haut.

Jetzt könnte man meinen, so eine literarische Spurensuche mit im Vorfeld bekanntem Ausgang wäre nicht sonderlich spannend. Ist sie aber. Das liegt vor allem an der Atmosphäre, die McNamee zu kreieren weiß. Gespenstische Häuser, heimliche Treffen, Dialoge, die zwischen den Zeilen geführt werden – „Blau ist die Nacht“ liest sich so noir, dass man die zerrissenen Figuren, die den Roman bevölkern, zwangsweiße in Schwarz-Weiß vor sich sieht. Mit der extra Portion catch light, versteht sich. Dazu kommt das Schaudern, das einen hinterrücks überfallt, wenn die verbitterte, vernachlässigte Ehefrau Doris plötzlich ihre schizoide Störung offenbart und in Zungen spricht, die Erotik des Verbotenen, welche die manipulative Lolita Patricia Curren ebenso umgibt wie ihr Vaterkomplex, und, über allem thronend, die Unausweichlichkeit der politischen Gegebenheiten, die alles determinieren. Selten wog ein 265 Seiten schmales Taschenbuch so schwer.

Ferguson nahm seinen Hut vom Stuhl, zog Mantel und Handschuhe an. „Er hat auch Sie verlassen, nicht wahr?“, sagte Doris. „Was haben Sie gesagt?“ „Lance hat auch Sie verlassen. Er ist nur schnell zum Gericht und hat alles zurückgelassen. Sie und mich. Allein mit den Gespenstern.“

Eoin McNamees Geschichte hat mich verschlungen und bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht wieder ausgespuckt. Das Gefühl, dass mich nach dem Beenden der Lektüre beschlich, muss ähnlich dem sein, dass er selbst verspürte, als er als Kind zum ersten Mal von Patricias Tod gelesen hat. Ein Gefühl, dass ich mit Autoren wie James Ellroy verbinde, Autoren, die so besessen sind von einer Sache, dass es mit einem Buch alleine längst nicht getan ist. Irgendwann werde ich bestimmt auch die anderen beiden Bände der „Blue“-Trilogie lesen – das heißt, sofern ich je wieder den Kopf aus den Unmengen von Zeitungsartikeln ziehen kann, die man über diesen Fall im Netz und anderswo findet. Ein paar davon habe ich in diesen Text eingestreut, Brotkrumen für die Neugierigen sozusagen. Doch man sollte sich nicht leichtfertig in die Fänge dieser schwindelerregenden Erzählung begeben, die in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts ihren tragischen Anfang nimmt. Denn mit dem Konflikt, dem sie entspringt, hat sie vor allem eines gemeinsam: Sie nimmt kein Ende. Und so kann niemand Frieden finden.

Ferguson trat in die Nacht. Der Nebel war dichter geworden. Er schlug den Mantelkragen hoch. Um ihn her Schatten. Heerscharen von Schatten.

P.S.: Trotz all der sorgfältigen Recherche scheint es mir, als wäre Eoin McNamee ein Fehler unterlaufen. „Blue is the Night“, wie der Originaltitel des Buches lautet, bezieht sich auf einen Song, zu dem Norma Shearer und Robert Montgomery im Film „Their Own Desire“ miteinander tanzen. Auf S. 47 beschreibt McNamee, wie Doris und Lancelot Curran sich im Jahr 1925 kennenlernen und diesen Film im Kino anschauen. Der feierte allerdings erst 1929 Premiere.

„Blau ist die Nacht“ von Eoin McNamee ist gerade bei dtv als Klappenbroschur erschienen. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Gregor Runge.

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4 Gedanken zu “Zwei Morde und der unterkühlte Wahnsinn der Welt

  1. Es freut mich außerordentlich, dass Dir das Buch so gut gefallen hat! Für mich „Blau ist die Nacht“ der stärkste Band der Trilogie, aber die anderen beiden sind auch sehr lesenswert.

    Dass mit dem Film verwundert mich auch, zumal ich ihn im Interview nach den Titeln seiner Bücher fragte (die Antwort habe ich in meinem Beitrag nicht verwendet) und er dort sagt: „And ‚Blue is the Night‘ was on the soundtrack of a 1930’s film starring Norma Shearer called Her Own Desire-something about it seemed right.“ Also kennt er das Datum zumindest jetzt.

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  2. Pingback: Meine 10 Lieblingskrimis 2016 | Der Schneemann

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