Hagelkörner #1

hagelkorner

Eine neue Rubrik muss her. Ich bekomme mittlerweile so viele Bücher zugeschickt und habe meine Krimi-Kaufverhalten gleichzeitig immer noch so wenig im Griff, dass ich es einfach nicht schaffe, zu jedem davon eine ausführliche Kritik zu verfassen. Außerdem geht es mir oft so – gerade, aber nicht nur bei Autoren und Reihen, zu denen ich bereits etwas geschrieben habe -, dass ich gar nicht genug zu sagen habe. Da ich aber weder eure noch meine Zeit verschwenden will, ihr aber trotzdem von der ganzen Leserei profitieren sollt, dachte ich mir: Es geht auch kurz und knackig. Pate für das neue Format standen natürlich der „Leichenberg“ und die „Bloody Chops“. Aber etwas Schneemann-mäßiger musste der Name schon klingen …

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© Polar

Der urbane Krake, der einmal als Großraum New York City bekannt war, ist tödlich getroffen, komplett und unrettbar verstümmelt.“ Doch für Dewey Decimal besteht noch Hoffnung. Der neurotische, schießwütige Bibliothekar versucht im letzten Band der nach ihm benannten Trilogie weiterhin das Chaos in seinem Kopf zu ordnen, die eigene Vergangenheit zu rekonstruieren und das Geheimnis um „2/14“, die verheerende Valentinstags-Katastrophe, zu lüften, mit der der ganze Schlamassel anfing. Nebenbei spielt er Bodyguard für den Nachwuchs des saudischen Königshauses (Inzest 2.0 inklusive) und soll sich mit einer Gruppe Anarcho-Hippies rumschlagen, die inmitten des allgegenwärtigen Kugelhagels eine Kommune errichten wollen. Als er dann auch noch entdeckt, dass er trotz Dauerbeschuss und rekordverdächtigem body count immer noch nicht völlig abgestumpft ist, steht er kurz vor dem endgültigen Zusammenbruch. Da helfen nur ein neuer Anzug und jede Menge Purell®.

Was haben wir Dewey-Fans gezittert, als diaphanes penser pulp eingestellt hat. Was haben wir gejubelt, als der Polar Verlag Nathan Larson ins Programm genommen hat. Und was waren wir gespannt, wie die ganze Nummer ausgehen wird. Nach etwa 300 Seiten lässt sich sagen: Grandios! „Zero One Dewey“ ist nicht nur alles, was die Vorgänger auszeichnete – schnell, brutal, witzig, bissig, dreckig, zynisch, romantisch und politisch –, sondern hebt die gesamte Trilogie auch auf ein neues Level. Das liegt vor allem am großen Finale. Wer da nicht in schallendes Gelächter ausbricht und vor Freude zu Weinen beginnt, sollte dringend einen Arzt aufsuchen.

„Zero One Dewey“ von Nathan Larson ist im Polar Verlag als Klappenbroschur erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Andrea Stumpf. 

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© Pendragon

Jazzplatten, Verschwörungstheorien und ein U-Boot voller Nazis – „Mississippi Jam“ dürfte das abgedrehteste Buch sein, dass James Lee Burke je geschrieben hat. Sein Protagonist Dave Robicheaux muss sich darin mit einem übergewichtigen Judenhasser, einem übergewichtigen Juden, Drogendealern, Mafiosi und, was vielleicht am schwierigsten ist, einem pubertierenden Jugendlichen herumschlagen, während sein Partner Clete Purcel mit zornesrotem Kopf durch New Orleans und Umgebung walzt, als würde er sich den Tod wünschen. Natürlich gibt es wie immer auch jede Menge Burke’scher Weisheiten obendrauf. Doch der Zeigefinger, der beim ein oder anderen seiner Romane unangenehm ins Auge sticht, ist hier die meiste Zeit damit beschäftigt, den Abzug zu drücken. Natürlich gerät auch Familie Robicheaux früher oder später wieder ins Visier des Erzbösewichts, und auch wenn diese Figur bei Burke meist nur minimal variiert, so ist ihm diesmal ein besonders abstoßendes Exemplar aus der Schreibmaschine gerutscht. Eines „jener speziellen Gattung Mensch, die in unseren Albträumen leben.“

„Mississippi Jam“ ist herrlich schnodderig, angenehm kurzweilig und absolut unberechenbar. Ein Buch für Herz und Hirn, das Nackenhaare wie Lachmuskeln gleichermaßen beansprucht, gegen die allumfassende Ungerechtigkeit der Welt ausholt, aber die großen Gefühle mit den kleinen Gesten erzeugt, denen jeglicher Pathos fremd ist. Man will vor James Lee Burke jeden Hut ziehen, der sich die Jahre über in seine Geschichten geschlichen hat. Und, wenn man schon dabei ist, auch gleich vor Günter Butkus und seinem Team, die mit „Neonregen“ gerade dem deutschen Publikum den ersten Band der Dave-Robicheaux-Reihe wieder zugänglich gemacht haben.

„Mississippi Jam“ von James Lee Burke ist bei Pendragon als Klappenbroschur erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Jürgen Bürger.

Steinhauer Der Anruf

© Blessing

Wien. Geiselnahme. 120 Passagiere sitzen im Inneren eines Flugzeuges fest, von der Presse belagert und der Gnade von Terroristen ausgeliefert. Die CIA leitet eine Rettungsaktion in die Wege, doch es endet im Desaster. Noch bevor die Beamten das Flugzeug stürmen können, sind alle, die sich an Bord befanden, bereits tot. Ein Anruf genügte. Ein Anruf, der die Geiselnehmer vorwarnte. Ein Anruf, der sich zurückverfolgen ließ. Ein Anruf aus den Reihen derer, die diese Katastrophe eigentlich hatten verhindern sollen.

Zeitsprung.

Kalifornien. Celia und Henry, ehemals sowohl Kollegen als auch ein Liebespaar, treffen sich in einem Restaurant um zu reden. Darüber, was damals im CIA-Hauptquartier in Wien, ihrem gemeinsamen Arbeitsplatz, geschehen ist. Anschuldigungen hängen in der Luft. Nervosität. Lügen werden aufgetischt, unterschiedliche Versionen derselben Geschichte serviert, und der Wein sorgt wie immer dafür, dass am Ende doch noch die Wahrheit ans Licht kommt.

Der Anruf“ ist ein minimalistisches Kammerspiel das in Rückblenden erzählt wird, und dramaturgisch der Logik eines gemütlichen Restaurant-Abends folgt. In einem Ambiente, das nach Meeresbrise und Exklusivität riecht, schafft Olen Steinhauer eine klaustrophobisch-intensive Atmosphäre à la carteDie 12 Geschworenen“ und führt mit minimalistischer Prosa durchs undurchsichtige Geschehen.  Da kann man auch verzeihen, dass die Auflösung dann nicht ganz so raffiniert ausfällt, wie man das von seinen Spionagethrillern eigentlich gewohnt ist. „Der Anruf“ ist nämlich vor allem eines: Eine todtraurige, herzzereißend romantische Geschichte über die Liebe – und das, was Geheimnisse aus ihr machen können.

„Der Anruf“ von Olen Steinhauer ist bei Blessing als Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Friedrich Mader.

Ken Bruen Füchsin

© Polar

Der Anfang ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Knaller: Ein Typ ruft bei der Polizei ein und droht mit einer Bomben, die ein paar Minuten später hochgehen soll. Der Beamte beendet kaum seinen ersten Satz, da dröhnen schon Explosionsgeräusche aus dem Hörer. Aber was will man von Amateuren schon erwarten? Nun, Übung macht den Meister. Hinter diesem und weiteren mehr oder weniger „gelungenen“ Attentaten stecken femme fatale Angie und zwei Brüder, die sie sich als eine Art triebgesteuerte Marionetten hält, um ihre Ziele zu erreichen. Natürlich geht es ums Geld. Dumm nur, dass ihre Verbrechen in den Zuständigkeitsbereich von Detective Sergeant Brant und seiner Truppe fallen: Finstere, völlig verkorkste Typen, deren Uniformen wie Verkleidungen wirken und deren moralischer Kompass, sofern sie denn überhaupt einen besitzen, mehr Umdrehungen pro Minute schafft als der Motor eines Streifenwagens.

„Das hat bestimmt wehgetan, hab ich recht? Nein, nein, sag nichts, ich muss dir noch die Nase brechen … schsch, das geht schneller, als du ›Polizeigewalt‹ sagen kannst.“

Die Bücher von Ken Bruen fliegen einem regelrecht um die Ohren. Verfolgt von seinem Stakkato-Satzgeballer sprintet man durch die Kapitel, die so kurz sind, dass sie kaum den Namen verdienen, hat die finsterste Schattierung von Spaß, die zurzeit für kleines Geld zu haben ist, und vergisst für kurze Zeit, dass so etwas wie political correctness überhaupt existiert – was dem Burke sein Zeigefinger, ist dem Bruen sein Augenzwinkern. Danach gibt’s eine Extraportion Popkultur per Trichter, jede Menge stilisierte Gewalt, zweckgebundene Erotik und Humor mit Gallenglasur hinterher. Altes Rezept, aber immer wieder ein Hit. An dieser Stelle könnte man jetzt Bruen mit seiner eigenen Mutter vergleichen, aber das wäre wirklich zu viel des Guten – dann doch lieber mit Nietzsche, so wie das Alf Mayer in seinem unterhaltsam-informativen Nachwort tut. Eigentlich erübrigt sich jedoch jegliches Schreiben über „Füchsin“, denn das Buch lässt sich perfekt mit einem einzigen Zitat daraus zusammenfassen: „Wenn das die Guten sind, dann gnade uns Gott.“

„Füchsin“ von Ken Bruen ist bei Polar als Klappenbroschur erschienen. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Karen Witthuhn.

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© Pocket Essentials

Andere Länder, andere Perspektiven. Der Brite Barry Forshaw hat mit „Euro Noir“ seine Sicht auf die Krimi-Kultur des Kontinents vorgelegt. Spannend, immerhin bekommt man in Deutschland ja nur begrenzt mit, was, abgesehen von dem, was Verleih und Verlag für profitabel halten, anderswo die Regale füllt. Und wenn es nur darum geht, einen Eindruck zu bekommen, ist dieses Buch mit seinen Listen und kurzen Autoren- und Buchvorstellungen sicherlich eine akzeptable Wahl. Aber …

 … es ist nahezu unlesbar. Das liegt daran, dass Mr. Forshaw es kaum schafft, sein Ego mal für ein paar Zeilen im Zaum zu halten, und stattdessen jeglichen Lesefluss dadurch unterbindet, dass er erzählt, wem er wo und wann die Hand geschüttelt hat, und wie toll das war. „Autor soundso? Super Typ, großartige Literatur! Damals, als wir zusammen essen waren …“ So beschleicht einem schon nach wenigen Seiten das Gefühl, es hier weniger mit einer um Objektivität bemühten Bestandsaufnahme eines neugierigen Genre-Liebhabers zu tun zu haben (auch wenn vieles sicherlich verdientermaßen in diesem Buch aufgeführt wird), sondern mit dem Tagebuch eines Mannes, der Opfer seiner eigenen Profilneurose geworden ist. Kleiner Tipp: Wer allgemeine Anerkennung sucht, sollte keine Sekundärliteratur zum Thema Krimi verfassen.

„Euro Noir. The Pocket Essential Guide to European Crime Fiction, Film & TV“ ist bei Pocket Essentials als Taschenbuch erschienen. Eine Übersetzung muss nicht unbedingt sein.

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5 Gedanken zu “Hagelkörner #1

  1. Pingback: Ken Bruen – Füchsin - WortGestalt-BuchBlog

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