Vorschau 2016: Teil 18

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Irgendwann ist Schluss. Nach bereits siebzehn Ausgaben meiner Jahresvorschau stelle ich heute zum letzten Mal die Titel vor, auf die ich mich in diesem gar nicht mehr so lange andauernden Jahr am meisten freue. 2017 muss ich wohl früher aufstehen, wenn ich mit der Flut an tollen Neuerscheinungen Schritt halten will – sofern sie denn nicht abreißt. Bisher gibt es allerdings keinen Grund zu dieser Annahme, ganz im Gegenteil: Wenn es einen anhaltenden Trend der letzten Jahre gibt, dann den, dass immer mehr Verlage im Krimi-Geschäft mitmischen wollen. Das zeigt sich auch diesmal.

Patrick McGinley | Bogmail

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© Steidl

Das sagt der Verlag: »Eales muss vernichtet werden«, findet Pubbesitzer Tim Roarty, und zwar bevor der Barmann seine lüsternen Spielchen mit Roartys Tochter zu weit treibt. Das Giftpilzomelett versagt, also muss Band 25 der Encyclopædia Britannica als Mordwaffe herhalten. Die Leiche wird im Moor vergraben, Eamon Eales scheint Geschichte. Dann allerdings tauchen aus dem Moor Briefe auf, unterzeichnet mit »Bogmailer«, und Roarty beginnt sich zu fragen, welcher seiner exzentrischen und leidenschaftlich intriganten Stammgäste ihn zu erpressen versucht. Kenneth Potter vielleicht, der Engländer, mit dem ihn fast eine Freundschaft verbindet? Als der Bogmailer seine Forderungen mit einzelnen Körperteilen des Mordopfers unterstreicht und der ebenso unterbeschäftigte wie überambitionierte Dorfpolizist McGing sich nicht abschütteln lässt, scheint ein zweiter Mord unausweichlich.

Das sage ich: Steidl scheint, wie einige andere literarische Verlage, momentan auf dem Irland-Trip zu sein. Nach Colin Barrets Stories „Junge Wölfe“ und der Wiederentdeckung von „Die Welt ist immer noch schön“ von Eugene McCabe (Review folgt) ist das schon das dritte Buch von der grünen Insel, das sie dieses Jahr veröffentlichen. Die Geschichte klingt vielversprechend schräg, weshalb damit nicht nur Sammler ungewöhnlicher Mordwaffen in Kriminalromanen (soll es ja geben) hier auf ihre Kosten kommen dürften. Außerdem verspricht der Verlag einen Krimi „mit herrlich ausufernden Thekengesprächen, bei denen das Wesen der weiblichen Sexualität so erörternswert ist wie der gemeine Regenwurm.“ Immer her damit.

Erscheinungsdatum: 31. Oktober 2016

Franz Dobler | Ein Schlag ins Gesicht

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© Tropen

Das sagt der Verlag: Robert Fallner ist ziemlich am Ende. Seinen Job als Kriminalhauptkommissar ist er endgültig los. Seine Frau wohl auch. Zeit für einen Neuanfang, den ihm ausgerechnet sein Bruder, selbst Ex-Bulle und Privatermittler, ermöglicht. Er drängt ihm einen speziellen Fall in seiner Sicherheitsfirma auf: Den Stalker einer bekannten Schauspielerin zu stellen, von dem keiner glaubt, dass es ihn gibt.
Simone Thomas hat schon einiges hinter sich: zwei Ehemänner, dreiundvierzig Jahre Showgeschäft, Dutzende Nacktfotos, diverse Filmproduktionen, Drogenexzesse, Yellow-Press-Skandale. Da fehlte es ihr gerade noch, dass sie von einem Stalker bedroht wird. Und dass diese Idioten von der Sicherheitsfirma ihn einfach nicht zu fassen kriegen. Zwei unfähige Leute hat sie schon verschlissen, bis endlich Fallner für sie eingeteilt wurde. Und Fallner wäre nicht Fallner, wenn er nicht eine Gabe für aussichtslose Fälle hätte. Lässig, feinfühlig und mit sprachlich höchster poetisch-derber Präzision schickt Franz Dobler seinen Held Robert Fallner gefährlich nahe heran an eine exzentrische Diva, deren Stalker unberechenbar ist.

Das sage ich: Es gibt wenige Autorinnen und Autoren im deutschsprachigen Raum, die nicht wie die Kopie von irgendwem klingen. Franz Dobler ist einer von ihnen. „Sound“ wird in diesem Zusammenhang inflationär oft gesagt – weil Dobler eine Sprache hat, die klingt, als würde tatsächlich jemand so denken und reden, und nicht, als hätte er sich irgendeinen Stil antrainiert. Deshalb freue ich mich ungemein auf ein Wiedersehen mit dem Bullen aus dem Zug. Und wer weiß, vielleicht ist der Fallner ja gar der neue Brenner?

Erscheinungsdatum: 24. September 2016

John Harvey | Unter Tage – Resnicks letzter Fall

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© ars vivendi

Das sagt der Verlag: England, 1984: Der Bergarbeiterstreik spaltet das ganze Land. Die Gewerkschaft und die Thatcher-Regierung stehen sich unversöhnlich gegenüber, und in Bledwell Vale verläuft der Riss mitten durch die Familie Hardwick. Vater Barry lässt sich als Streikbrecher beschimpfen, doch er braucht das Geld, um die Familie durchzubringen. Mutter Jenny ist Aktivistin im Streikkomitee – bis sie kurz vor Weihnachten spurlos verschwindet. Dreißig Jahre später wird im Dorf eine einbetonierte Leiche gefunden. Charlie Resnick ist zwar schon im Ruhestand, wird aber der Ermittlerin Catherine Njoroge als Berater zur Seite gestellt; schließlich war er damals mit dem Auftrag vor Ort, die Streikszene auszuspionieren. Alles verdammt lang her, aber jetzt muss die Wahrheit auf den Tisch: Ausgrenzung, Hass, Korruption, Liebe in Zeiten bitterster Not. Und es gibt noch zwei weitere Cold Cases aus jener Zeit …

Das sage ich: Die Charlie-Resnick-Reihe darf getrost zu den modernen Klassikern der englischen Kriminalliteratur gezählt werden. 1989 begann sie mit „Lonely Hearts“ (2009 als „Verführung zum Tod“ bei dtv), 2014 erschien der vorerst letzte, bereits zwölfte Band, der im Original den wunderschönen Titel „Darkness, Darkness“ trägt und in etwa zwei Wochen bei ars vivendi (!) in der deutschen Übersetzung vorliegen wird. Nachdem David Peace mit „1984“ vor über zehn Jahren die selbe Thematik in Romanform verarbeitet hat, bin ich sehr gespannt, wie das ein Autor ’38er Jahrgangs heute tut.

Erscheinungsdatum: 30. September 2016

Jermey Massey | Die letzten vier Tage des Paddy Buckley

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© carl’s books

Das sagt der Verlag: Paddy Buckley ist mit Leib und Seele Bestatter. Als eine attraktive Witwe seine Zuwendung braucht, gibt er sie ihr – doch sie stirbt auf dem Höhepunkt seines körperlichen Trostes. Geschockt von diesem Erlebnis, überfährt er auf dem Heimweg einen Fußgänger. Der Tote ist der Bruder des gefährlichsten Gangsters von ganz Irland, Vincent Cullen. Jetzt hat er eine tote Witwe und einen toten Gangster am Hals, für die er obendrein auch noch die Beerdigung auszurichten hat! Er muss also höllisch aufpassen, sich nicht zu verraten. Denn Cullen hat geschworen, den Tod seines Bruders zu rächen. Eine rasante Verfolgungsjagd durch Dublin beginnt. Zum Glück ist Paddy einfallsreich und kann sich auf seine Freunde verlassen …

Das sage ich: Schon wieder Irland. Ich kann meine Sympathie für die Insel wohl doch nicht so gut verbergen, wie ich dachte. Frauen, die beim Höhepunkt ums Leben kommen, locken mich aber spätestens seit „Soro“ nicht mehr hinterm Ofen vor – sorry, Mr. Massey. Der Rest klingt aber nach einem netten, harmlosen Spaß, den man vor besagtem Ofen genießen kann, wenn einem die bitterernsten Noir-Krimis mal wieder die Kälte in die Knochen getrieben haben, und man sich einfach nur nach der Wärme humorvoller Unterhaltung sehnt. Und mal ehrlich: Manchmal muss ein Buch auch gar nicht viel mehr leisten, als das.

Erscheinungsdatum: 19. September 2016

Geschafft. Jetzt habe ich für ein paar Wochen Ruhe, bis es heißt: Jahresvorschau 2017: Teil 1. Solange blättere ich nochmal in den Ausgaben von diesem Jahr, und schaue, was ich vergessen habe zu Lesen. Wenn mein Kopf mich in Sachen Kopfrechnen nicht auch noch im Stich gelassen hat, dürfte das eine ganze Menge sein. Aber wer hört schon auf seine eigenen Empfehlungen …

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Ein Gedanke zu “Vorschau 2016: Teil 18

  1. Pingback: CrimeMag 9/2016 | Der Schneemann

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