„Es ist eine große Tötungslust in uns“

Lehmann Allesfresser

© Argument

Vegan sein ist trendy. In den Regalen der Buchhandlungen und Zeitschriftenläden stirbt eine Idee, die ursprünglich mal dazu gedacht war, die Welt zu verändern. Was bleibt ist nicht mehr als eine weitere Form von Gegenkultur, die sich vom mainstream einverleibt und damit entzaubert wurde, nur eine weitere Diät auf dem Weg zur perfekten Figur. Wie „Detox“ und „Paleo“, nur eben mit ganzheitlichem Ansatz. Dabei fallen die Argumente, die für oder gegen eine vegane Lebensweise sprechen, gar nicht mehr ins Gewicht. Warum auch? Es geht hier schließlich um Selbstoptimierung und Lifestyle, also Dinge, denen jede Art von Reflexion zuwider läuft. Gut, dass wir Christine Lehmann haben. Die Stuttgarter Autorin, die sich all diese Blättchen und Ratgeberchen wahrscheinlich maximal zu Recherchezwecken ins Haus holt, hat ihren Scheinwerferblick auf das Thema geworfen – und es von oben bis unten durchleuchtet.

Ich frage mich: Möchte ein Tier von Menschen geschützt werden, die ohne mit der Wimper zu zucken ihren eigenen Artgenossen den Tod wünschen?

Der berühmte Fernsehkoch Hinni Rappküfer verschwindet spurlos, nur um wenige Tage später an den Fleischtheken Stuttgarter Supermärkte wieder aufzutauchen: Zerhackt, verwurstet und in Folie eingeschweißt. Lisa Nerz stößt im Internet auf einen Blog namens „vegancode“, der nicht nur mit verstörenden Texten über ein fiktives „Menschenschlachthaus“, eine Art Vernichtungslager mit angeschlossenem Bauernhof, zugepflastert ist, sondern auch Rappküfers Namen explizit erwähnt. Schweren Herzens hängt die Ermittlerin ihre Lederjacke für eine Weile an den Nagel und stürzt sich kopfüber in die vegane Szene, schlägt sich mit charismatischen, meinungsstarken Tierschützern der FAMA (Front Against Murder of Animals) herum und versucht händeringend, die anonyme Verfasserin hinter den drastischen digitalen Zeilen aufzuspüren – und sei es nur, um ihre Unschuld zu beweisen. Nerz! Vegan! Ha! Das kann ja heiter werden.

„Ich habe jetzt bald alles durch: katholisch, feministisch, marxistisch, vegetarisch, vegan. Und immer sind die anderen die Bösen, die Heiden, die Männer, Kapitalisten und Allesfresser. Im Grunde geht es um abgrenzen und ausgrenzen, um Exklusion. Wider den Zeitgeist in den Extremismus, einen von einem guten Dutzend.“

Lisa Nerz wird in „Allesfresser“ mit so vielen angeblichen Wahrheiten konfrontiert, dass ihr der Kopf anschwillt. Jeder, der sich mit ihr unterhält, hat eine mehr oder weniger absolute Meinung, jeder verurteilt die Lebensweise der anderen mit einer Inbrunst, als würde der Fortbestand der Welt davon abhängen. Subkultur-Chamäleon Nerz kennt diesen Totalitarismus zwar bestens, doch selten hat er sie so sehr aus der Bahn geworfen. Sie zweifelt. An dem was sie isst, an der Art, wie sie lebt. Erst als sie die junge Violette aufspürt, beginnt sie wieder klar zu sehen. Die vermeintliche Bloggerin ist vielleicht das zarteste Wesen, das je einen Kriminalroman betreten hat. In der unüberschaubar komplexen Welt, in der richtig und falsch längst zu hohlen Kampfbegriffen geworden sind, kann jede Regung unvorhergesehene Folgen haben. Weshalb Violette keine andere Möglichkeit sieht, als zu erstarren. Da wird es selbst Lisa zu bunt. Die Ermittlerin besinnt sich auf das, was sie am besten kann: Anderen den Spiegel vorhalten.

All diese Phrasen! Sie liegen überall herum, man braucht sie nur zu nehmen. Sprache taugt zur Logik, aber nicht zur Erkenntnis der Wahrheit. Phrasen sind die Falle, in die tappt, wer die Konsequenzen des Lebens nicht erträgt, zum Beispiel junge Menschen an der Schwelle des von Kompromissen und Konsequenzen verunreinigten Lebens der Erwachsenen.

Christine Lehmann schreibt Diskurs-Krimis. Seit 1997 schickt sie ihre Protagonistin auf Wahrheitssuche (vom Degerloch ins All und wieder zurück) vom ersten Band an verbeißt sie sich in Themen, zerlegt sie in ihre Einzelteile, und schaut hinterher, ob sich daraus nochmal etwas Brauchbares zusammensetzen lässt. Ihrer Werke haben eine Tiefe, die sich längst nicht in den unzähligen Querverweisen erschöpft, die sie uns mal offen, mal versteckt an und in den Kopf pfeffert. Sie haben Sachbuch-Qualität.Lehmann legt ihre Bücher an wie Backsteine, die gefälligst Fensterscheiben zu zerschmettern haben“, zitiert der Klappentext die Stuttgarter Zeitung.  Das ist ein schönes Bild, betont aber nur deren wütende, anprangernde, manchmal vielleicht sogar etwas destruktive Seite. Ihre Bücher sind nämlich auch voller Gedankenimpulse, voller kostbarer Samen, die gefälligst in den Köpfen ihrer Leserschaft aufzugehen haben. Denn wie Lisa Nerz in „Allesfresser“ treffend bemerkt: Worte allein reichen zur Erkenntnis leider nicht aus.

„O Gott, wir werden alle sterben.“ „Unausweichlich“, antwortete Richard. „Und zwar völlig unabhängig von dem, was wir essen.“

Christine Lehmann hat mit ihrer Lisa Nerz eine Figur geschaffen, die nahezu jeden gesellschaftlichen Widerspruch in sich vereint oder zumindest bereit ist, ihn auszuloten. Auch im elften Band der Reihe führt sie uns ganz nah an den Puls der Zeit und versucht, das vermeintlich Undurchdringliche zu durchdringen. Dabei ist sie vielleicht nicht immer ganz vorurteilsfrei, manchmal auch sicher zu impulsiv, aber immer mit Kopf und Herz bei der Sache und nicht bereit, sich mit einfachen Lösungen abspeisen zu lassen. Lisa Nerz ist nicht zu fassen, und das in jeder erdenklichen Bedeutung des Satzes. Eine Serienfigur wie diese ist einmalig in der internationalen Kriminalliteratur. Sie ist weder Kopie noch Hommage, wurde nicht auf dem Reißbrett geboren, und entwickelt sich trotz Wiedererkennungswert ständig weiter – wie die Welt, wie wir alle. Reden wir also nicht länger um den heißen veganen Brei herum: „Allesfresser“ ist einer der besten deutschen Krimis des Jahres. Klug, pointiert, vielschichtig. Ganz große Literatur. Da wäre das Augenzwinkern, mit dem Christine Lehmann sich im Buch in eine Reihe mit Friedrich Schiller, Christa Wolf und Dashiel Hammett stellt, gar nicht nötig gewesen.

„Allesfresser“ von Christine Lehmann ist bei Argument in der Reihe Ariadne Krimis als Taschenbuch erschienen. Mit einem Vorwort von Else Laudan.

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