Schneemann goes #fbm16: Der Donnerstag

Erster Termin des Tages: Elmar Krekeler interveiwt Friedrich Ani am Stand der WELT. Es geht um sein neues Buch „Der nackte Mann, der brennt„. Ein Wasserglas taucht vor dem Autor im Bob Dylan T-Shirt auf, er schaut es irritiert an und meint süffisant zu seinem Gastgeber: „Wenn ich solange stehen muss, hätte ich eigentlich lieber ein Bier.“ Der sagt natürlich: „Kein Problem„, aber plötzlich will der Autor doch keines mehr, und so ähnlich läuft dann auch der Rest des Gespräches ab. Elmar Krekeler fragt, Friedrich Ani tänzelt um die Fragen herum, weicht den allzu persönlichen aus und lässt dabei Sätze vom Stapel, die das Publikum aufhorchen lassen. „Ich wollte den Dörfern in Oberbayern ein Denkmal setzen„, beschreibt er zum Beispiel die Arbeit an seinem Roman, nur um kurz darauf zu spezifizieren, was für ihn so ein oberbayrisches Dorf ausmacht: „Kirche, Fußball, Kindesmissbrauch.“ Den Titel habe er dem Song „Naked Man Burning“ entnommen. „Kann man nicht googlen, weil der ist von mir und ich hab ihn nicht veröffentlicht – zurecht.“

Dann wird es wieder ernst, es geht um aktuelle Ereignisse, den Fall Peggy, den NSU, die vermuteten Zusammenhänge. Ani ist wenig überrascht von den Entdeckungen der Ermittler. Bei den Recherchen zu „Das unsichtbare Mädchen“ von Dominik Graf, für den er zusammen mit Ina Jung das Drehbuch schrieb, sei das Team ebenfalls auf Verbindungen von Neonazis und Kinderpornografie gestoßen. „Es ist erstaunlich, wie groß der Teppich ist, und was man da alles runter kehren kann.“

Zum Abschluss wendet sich Elmar Krekeler noch einmal ans Publikum und rät, „Der nackte Mann, der brennt“ an einem hellen, freundlichen Tag zur Hand zu nehmen, um nicht von der Düsternis des Buches erschlagen zu werden. Ani kontert: „Man sollte es unterm Weihnachtsbaum lesen.“ Farblich passt es auf jeden Fall dort hin.

Nächster Halt: Podiumsdiskussion auf der Open Stage. „stern Crime“ hat geladen, und das nicht zu knapp. Donna Leon, Nele Neuhaus und Michael Tsokos diskutieren mit Herausgeber Christian Krug die Frage „Warum wir Krimis lieben“ und machen dabei allesamt keine gute Figur. Tsokos glänzt mit umfangreicher Unkenntnis des Genres („Es muss genau einen Helden und einen Bösewicht geben. Krimis mit mehreren funktionieren nicht.“) und Nele Neuhaus hält sich eigentlich die meiste Zeit aus allem raus, als wäre sie nur zum Zuhören da. Am krudesten sind allerdings die Theorien von Donna Leon, die mir mal wieder verdeutlicht hat, dass ihre Bücher nichts für mich sind. Auf die Frage „Warum lesen vor allem Frauen sowas?“ – Krug hatte vorab gesagt, dass 80% seiner Leserschaft weiblich sei und gerade von den brutalen Geschichten angezogen würde – kennt die Autorin kein Halten mehr: „Männer haben keine Angst, für Frauen ist sie aber Teil ihrerer Lebensrealität“ – das mag ja noch zur Hälfte stimmen, wenn es auch maßlos überzeichnet ist. „Es geht ihnen nicht um den Nervenkitzel, sondern darum, diese Situationen zu erfahren und Strategien für ihre eigene Rettung zu entwickeln“ – ja, genau, der Krimi ist der Survival-Guide der Frauen. Danach fordert sie noch, es dürfe keine Gewalt mehr im Fernsehen geben, immerhin bestünde ja auch beim Thema Sexualität der vornehmlich von der Kirche propagierte Zusammenhang zwischen medialer Darstellung und Nachahmung, und das gelte somit auch für brutale Verbrechen. Genervt wacht Nele Neuhaus aus dem Halbschlaf auf und gibt das vielleicht einzig zutreffende Statement der Veranstaltung ab: „Frauen lesen das, weil Frauen halt generell mehr lesen.“

Vergnüglicher geht es am Stand der SZ zu, wo sich Leon de Winter ausführlich über seinen aktuellen Roman „Geronimo“ auslässt. „Es ist eigentlich ein Buch über Bach„, gibt er anfangs zu bedenken, plaudert dann aber fast die ganze Zeit über Osama bin Laden (desöfteren auch „Obama bin Laden„) und das, was ihm in seinem Buch so widerfährt. Kurz zusammengefasst: Osama, der meistgesuchte Mann der Welt, geht jeden Tag für fünf Minuten aus dem Haus, um sich eine Packung Marlboro-Zigaretten zu kaufen. Seine junge Geliebte bittet ihn eines abends, er solle doch auch ein Vanilleeis mitbringen. Das hätte sie mal besser gelassen, denn genau an diesem Abend wird er von amerikanischen Spionen entdeckt, und was dann geschah, das wissen wir aus den Medien, nur dass es bei Leon de Winter natürlich ganz anders zugeht. Der gewinnt derweil alle Anwesenden mit seinem lockeren Plauderton für sich, und obendrein auch noch das lose Versprechen, dass er sich in der Süddeutschen Zeitung über die Entstehung von CIA-Codenamen wie „Operation Neptune Spear“ auslassen darf. Immer her damit.

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© CulturBooks

Schon ist der Tag wieder rum, und ich fahre nach ein paar holländischen Bieren, die der Wagenbach-Verlag springen ließ, mit Sonja HartlWolfgang Franßen und einem Kollegen Richtung Nordend zum CulturBooks-Verlagsabend. „Odyssee Kult“ heißt der Laden, und er ist voll mit bekannten Gesichtern. Frank Göhre, Karen Witthuhn, Lisa Mangold vom Argument Verlag, Thomas Wörtche, Marcus Müntefering, Alf Mayer, und natürlich Zoë Beck, die mich direkt mal fragt, was ich hier eigentlich mache. Ich glaube meine Antwort war nicht so schlagfertig, den Punkt gebe ich also gerne ab. Jetzt könnte man angesichts des Publikums meinen, es wäre ein Krimi-Abend, aber weit gefehlt: Amanda Lee Koe stellt ihre Kurzgeschichtensammlung „Ministerium für öffentliche Erregung“ vor, und Frank Göhre liest aus dem erzählerischen Werk des leider viel zu früh verstorbenen Carlo Schäfer, bis einige Zuhörerinnen und Zuhörer prustend unter den Tischen liegen.

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© Royalbooks

Danach geht es auf die Verlagsparty von Heyne Hardcore, die quasi um die Ecke in einem verrauchten Keller stattfindet. Logisch. Dort angekommen spreche ich mit Frank Nowatzki über das neue Buch von Thor Kunkel, das aus Gründen, die ich hier nur lückenhaft wiedergebe könnte, höchstwahrscheinlich nicht bei Pulp Master veröffentlicht wird, und den neuen Les Edgerton („Der Vergewaltiger„), der leider noch etwas auf sich warten lässt, und der, nachdem, was er mir so erzählt, sehr gut zur aktuellen Stimmung in unserem Land passt. Außerdem erfahre ich von ihm, dass der Alexander Verlag wohl demnächst mit der Veröffentlichung der Werke Charles Willeford weitermacht. „Hahnenkampf“ wird der nächste Roman heißen.

Danach trinke ich noch eine Weile mit David Gray, der mir von einem „Western in der Lausitz im Justified-Stil“ erzählt (will ich lesen), den er zusammen mit einem Kollegen geschrieben hat, und Gregor Weber, der nicht dieser Kollege ist und erstaunlich gelassen mit meiner Kritik bezüglich der Vermarktung von „Asphaltseele“ umgeht. Sehr angenehm. Ich werde dem Roman wohl doch nochmal eine Chance geben müssen, notiere ich mir im Hinterkopf. Vielleicht am Messe-Samstag im Lesezelt. Jetzt ist es jedenfalls erst einmal Zeit fürs Taxi.

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7 Gedanken zu “Schneemann goes #fbm16: Der Donnerstag

  1. Ach, jetzt weiß ich endlich, warum ich Krimis lese. Ohne Krimis wäre ich ja kaum lebensfähig und wüsste mit der Welt gar nicht umzugehen. Zum Glück gibt es genügend verschiedene Krimis um für jede Situation einen Survival-Tipp mitzunehmen…. und warum liest Du nochmal Krimis?
    Ich lach mich scheckig. Noch hat mich nichts neidisch gemacht, was Du oder andere von der FBM berichtet haben – aber da wäre ich ja unglaublich gerne dabei gewesen. Wie schön, dass Nele Neuhaus noch aufgewacht ist und mal alles grade gerückt hat. 🙂
    Und noch abschließend: Juchu! Endlich mehr Charles Willeford! Immer her damit!

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  2. Sehr unterhaltsamer und interessanter Einblick! Vielen Dank dafür!
    Das Interview mit Krekeler und Ani hätte ich ja gerne gesehen. 🙂

    Ach, wenn mich jemand fragt, warum ich Krimis bzw. Thriller lese, antworte ich mit folgenden Zitat:
    „Der Thriller ist die letzte Zuflucht des Moralisten.“
    Zitat von Eric Ambler

    Ich finde, Krimis sind die gesellschaftskritischste literarische Form überhaupt. Also nix mit Survival-Gedanken. 🙂 Allerdings habe ich noch nie einen Leon-Krimi gelesen, sollte ich das irgendwann tun, werde ich schauen, ob darin Überlebensstrategien vorkommen und praktisch umsetzbar sind. *lach*

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    • Ja, bei mir gehts in eine ähnliche Richtung. Ich lese Krimis auch und vor allem wegen der Realitätsnähe, die vielen „belletristischen“ Werken heute leider abgeht. Deswegen kann ich wahrscheinlich auch wenig mit den alten englischen whodunnit-Rätselkrimis anfangen.

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  3. Die Vermarktung der „Asphaltseele“ ist ein gutes Beispiel, wie erfolgreiche Verlagsarbeit läuft.
    Autor mit Bekanntheitsgrad (könnte auch Conny Reimann sein), markige Marketingsprüche, Inhalt nicht schlecht, aber keineswegs läutet Gregor Weber damit die Renaissance des deutschen Noirs ein – wie der Verlag trommelt.

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    • Ja und nein. Der Verlag hat schon auch das Lesepublikum der „Asphaltseele“ unterschätzt, immerhin richten sich solche Vorschauen primär an Buchhändler, die, wenn sie nicht erst seit gestern in dem Bereich arbeiten, meistens eben sehr gut einschätzen können, dass hier nicht das Rad neu erfunden wird. Und die werden dann eben abgeschreckt, weil das alles viel zu aufgeblasen wirkt.

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  4. Pingback: Sonntagsfrühstück mit dem Krimi-Spezial vom Freitag (4) | Der Schneemann

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