Schneemann goes #fbm16: Freitag & Samstag

Puh. Kein Kater. Der Morgen ist zäher als sonst, das Frühstück nur flüssig, und ich bemerke beim Hinausgehen an der Tür der Nachbarin meines Gastgebers ein Plakat für Laser-Enthaarung mit einem Wolpertinger-Aufkleber. Nichts wie weg, raus ins neblig-nasse Frankfurt.

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© Frankfurter Neue Presse

Auf der Messe treffe ich Ulf Torreck aka David Gray, der die Nacht irgendwie besser weggesteckt hat als ich. Er steht am Pendragon-Stand und unterhält sich angeregt, bis ich dazwischenfunke. Wir haben einen Interviewtermin. Draußen in der Kälte pflanzen wir uns auf eine Bierbank, direkt neben eine dampfende Pfanne Muscheln, die fürs Mittagessen schon mal angeworfen wurde, und füllen die Speicherkarte des Diktiergeräts. Wir reden eine halbe Stunde über „Fest der Finsternis“, dann bitte ich Ulf, in die Rolle seines Pseudonyms zu schlüpfen, und wir reden eine weitere halbe Stunde über den zweiten Boyle, „Sarajevo Disco“. Beide Interviews werden zu gegebener Zeit erscheinen, so viel aber schon mal vorneweg: Der Mann sollte viel öfter Interviews geben. Er hat viel zu erzählen und tut das auf druckreife Art und Weise, mit so vielen Zitaten und kleinen Nebenüberlegungen gespickt, dass man sich schon mal darin verlieren kann. Hat höllisch viel Spaß gemacht und meine Vorfreude auf beide Bücher noch gesteigert.

Wie alle anderen von John Burnside

© Knaus

Dann die erste Enttäuschung: Onno „Öff Öff“ Viets, beziehungsweise sein Schöpfer, Frank Schulz, taucht nicht auf. Ist krank. Kein weißer Hirsch als Stellvertreter, die Lesung fällt einfach aus. Njorp, kann man nichts machen, aber schade. Ich tröste mich bei John Burnside, meinem Lieblingsschotten. Sonst erfährt man hier ja wenig über mein Leseverhalten abseits des Genres, zum Teil auch, weil es das bis vor kurzem für lange Zeit gar nicht mehr gab, aber wenn mich ein Buch in den letzten Jahren beeindruckt hat, dann „Lügen über meinen Vater“. Und dessen Nachfolger besprach Burnside auf dem blauen Sofa. Da ich sein Gesamtwerk hier stehen habe, wird das Buch früher oder später den Weg in mein Regal finden.

Nach meinem Ausflug in die Belletristik treffe ich Philipp von der KrimiLese auf einem Kaffee im Azubistro. Dem Team gebührt übrigens nochmal ein riesiges Dankeschön, über alle Tage hielten sie wacker meinen Geldbeutel und meinen Koffeinhaushalt im Gleichgewicht. Hab ich das schon erwähnt? Kann man nicht oft genug erwähnen. Ich bin immerhin Stammgast. Jedenfalls sprach ich mit Philipp über David Gray, über Gregor Weber, über die fehlende Weiterentwicklung bei Donna Leon, über kommende Projekte in Stuttgart, über die ich bei Zeit auspacken werde, den Polar Verlag, Dewey Decimal und vieles, vieles mehr. Alles innerhalb von zwanzig Minuten. Es ist schön, mal einen von meinem Bloggerkollegen in der Realität zu treffen, ein Konzept, dass wir gerne fortführen können.

Zeit fürs Lesezelt. Für einen Sitzplatz komme ich zu spät, aber das macht nichts, denn von den drei Autorinnen und Autoren, die gekommen waren, wollte ich nur Gregor Weber aus „Asphaltseele“ lesen hören. Quasi um mein Versprechen einzulösen. Und was soll ich sagen? Ist nicht meins. Mir fehlt das gewisse Etwas, die Figur ist mir zu platt, und die Sprache zu wenig eigen. Vielleicht beim nächsten Buch.

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© Suhrkamp

Am Suhrkamp-Stand treffe ich zufällig auf Demian Sant’Unione, der mich immer fleißig mit Leseexemplaren versorgt. Trotz des allgemeinen Trubels nimmt er sich ein paar Minuten, spricht mit mir über „Johnny Porno“, Adrian McKinty, Simone Buchholz und scheint auch sonst so ziemlich jeden Krimi, den der Verlag im Angebot hat, gelesen zu haben. Am Ende verrät er mir noch, dass im nächsten Jahr der neue Roman von Zoë Beck bei Suhrkamp kommen wird. Ein Gerücht, dass schon seit Mittwoch durch die Hallen schwirrt, und mir jetzt bestätigt wird. Ich bin gespannt.

Müde und zufrieden stapfe ich vom Gelände, falle in die Bahn und schlafe mit dem Gefühl auf dem Sitz ein, bereits alles erreicht und gesehen zu haben, was ich mir für die Messe vorgenommen hatte. Morgen also nur noch ein bisschen schlendern, verabschieden, schauen, was kommt.

Der letzte Tag ist immer so eine Sache. Man hat die Heimfahrt im Nacken, die Uhrzeit, zu der man am Bahngleis stehen muss, und so richtig produktiv und zielgerichtet bin ich angesichts dessen nie. Gibt es ein Wort dafür? Für die chronische Angst, Züge zu verpassen? Wenn ja: Das hab ich. Ich bin lieber eine halbe Stunde zu früh am Bahnhof und stehe dämlich in der Gegend rum. So flaniere ich ein bisschen durch die Hallen, plaudere mit Alf Mayer über den kommenden CrimeMag-Jahresrückblick, alte Filme und ein großes Geheimnis (ja, noch eines), bestaune die Cosplay-Kostüme, biete mich beim Polar Verlag als Cosplayer an, sofern da jemand eine Idee für eine Figur aus dem Verlagsprogramm mit genug Wiedererkennungswert hat. Hat niemand. Vielleicht Dewey Decimal? Währenddessen füllen sich die Hallen bis zum Platzen, es wird mir zu voll, es ist nur noch ein einziges Geschiebe.

Auch vor dem Lesezelt, wo Melanie Raabe, Christian von Ditfurth und Andreas Gruber ihre aktuellen Bücher vorstellen, hat sich eine Schlange gebildet. Rein will ich nicht, der Blick durchs Glas genügt mir um das zu wissen. Ich mache es mir im Nieselregen vor den Lautsprechern bequem. Ditfurth ist krank, liest aber trotzdem und macht direkt den Anfang. „Ich hab meinem Verlag heute schon die Notschlachtung vorgeschlagen, aber da arbeiten wohl zu viele Katholiken.“ Das ist dann auch schon das Highlight, zumindest bis zu dem Punkt, den ich noch mitbekommen habe. Es wurde mir irgendwann einfach zu nass. Also lieber ab zum Bahnhof, der Zug wartet bestimmt schon …

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Ein Gedanke zu “Schneemann goes #fbm16: Freitag & Samstag

  1. Lieber Alexander,
    auch ich habe mich gefreut, Dich zu treffen, persönlich kennenzulernen. Es war ein interessantes Gespräch und ein intensiver Gedanken- und Erlebnisaustausch. Wir sollten das Konzept des gemeinsamen Kaffeetrinkens und Diskutierens bei nächster Gelegenheit fortsetzen. Für das Stuttgart-Polar-Projekt wünsche ich Dir viel Erfolg.

    Und dann noch dies für alle Bloggerkollegen:
    Ich empfehle, Gelegenheiten zu Treffen im kleinen Kreis zu nutzen. Auge in Auge kann man sich halt besser verstehen, Feinheiten des gesprochenen Worts sind oftmals ausagekräftiger als jeder noch so ausgefeilte und ausformulierte Post – jedenfalls, wenn ihr auf so interessante Kollegen trefft wie Alexander.
    Es grüßt Philipp von KrimiLese

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