Sonntagsfrühstück mit dem Krimi-Spezial vom Freitag (4)

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Das Jahr ging jetzt aber vorbei wie im Flug. Während ich zum vierten Mal durch das Krimi-Spezial von der Freitag blättere, sortiere ich im Kopf schon mal meine Bestenliste, überlege, was ich aufgrund der Kritiken unbedingt noch lesen muss und komme leider nur zu dem Schluss, dass in meinem Kopf ein heilloses Durcheinander herrscht. Aber an einem Sonntagmorgen sollte man ohnehin keine so schwerwiegenden Entscheidungen treffen.

Pilz Der anatolische Panther

© Haymon

Bisher mochte ich die Kritiken von Eva Erdmann immer sehr, aber ihr Text zu „Der anatolische Panther“ von André Pilz lässt mich etwas ratlos zurück. Dabei deckt sich vieles von dem, was sie schreibt, durchaus mit meinen eigenen Lektüreeindrücken – wie sie den Roman beschreibt, wie sie das Gelesene in aktuelle gesellschaftliche und politische Diskurse einordnet. Doch dann kommt der letzte Absatz und man weiß plötzlich nicht mehr, worum es ihr eigentlich geht. Hatte ich bis dahin die steile These aufgestellt, sie würde den Roman mögen und die Geschichte spannend finden, folgt plötzlich aus heiterem Himmel ein Rant, der sich gewaschen hat. Bezüglich der Themenwahl des bayrischen Autors heißt es „jeder schreibt, wovon er kann“, und dass das Milieu, von dem Pilz erzählt „sehr gut ohne Romane, noch mehr ohne Krimis leben kann“.  Nachdem sie dann noch die „Gefahr der spätbürgerlichen Sozialromantik“ andeutet, ohne aufzuklären, ob eben jene Sozialromantik in dem Buch zu finden sei, wird es richtig irritierend. Dem Buch „ist weder Aufführung noch Verfilmung zu wünschen“ heißt es zum Abschluss. Warum? Man weiß es nicht. Aus dem Text heraus ist es nur schwer zu erklären, aber ihr könnt es gerne versuchen.

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© Tropen

Sehr viel klarer kommen die ersten Sätze von Franziska Hauser daher: „Franz Doblers Figuren benehmen sich nur, wenn sie es einsehen. Und das geschieht selten.“ Eine prägnantere Charakterisierung von Robert Fallner, der in „Ein Schlag ins Gesicht“ zum ersten Mal außerhalb von Zügen und Bahnhöfen – nennen wir es mal der Form halber ermittelt -, habe ich bisher noch nicht gelesen. Auch die Beschreibung von Doblers Büchern als „innere Monologe“ ist ebenso knapp wie passend. Lob in jedem Satz. Wenn es überhaupt etwas zu bemängeln gibt, so Hauser, dann die Tatsache, dass der neuerdings Krimis schreibende Musikkenner seinem mit Verweisen gespickten Roman keinen Soundtrack beigelegt hat. Mir reicht dagegen seit „Der Bulle im Zug“ ein einziges Album als Dobler-Hintergrundmusik:

Was Edina Picco zu „Miss Terry“ von Liza Cody geschrieben hat, kann ich euch leider nicht sagen. Ich habe das Buch gerade erst angefordert und lese mir die ganzen Kritiken erst dann durch, wenn ich selbst was zu Papier gebracht habe. Sorry. Ist aber gar nicht so schlimm, denn den Text gibt es bereits in voller Länge online.

Thekla Dannenberg macht James Lee Burke, der Anfang Dezember die 80 Jahre knackt, ein verführtes Geburtstagsgeschenk. In ihrer Hommage „Den Blues in den Fingern“ erklärt sie nicht nur, warum das Wappentier der USA besser eine Languste geworden wäre, sondern gibt auch kenntnisreich Einblicke in das Werk des Schriftstellers, der mit Dave Robicheaux „einen der großartigsten Charaktere der Kriminalliteratur“ geschaffen habe. Und nicht nur das. Dannenberg sieht ihn gar in der Tradition zweier Giganten der Südstaatenliteratur, namentlich William Faulkner und Cormac McCarthy. Wer darüber hinaus wissen will, wie sich Sheriff Hackberry Holland in das Gesamtwerk Burkes einordnet, warum „Sturm über New Orleans“ nicht nur meiner Meinung nach nicht gerade sein bestes Werk ist und was der Mann überhaupt alles veröffentlicht hat, kann hier Abhilfe schaffen.

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Burke im Gespräch mit Denis Scheck (© ARD)

Kommen wir zu meinem Highlight. Marcus Müntefering hat mit Katja Bohnet („Messertanz“) und Simone Buchholz („Blaue Nacht“) über das Schreiben von Kriminalromanen gesprochen. Herausgekommen ist dabei eine lockere Küchentisch-Unterhaltung, die mit Wein und einigen wenigen Fragen wie von selbst zu laufen schien. Wir erfahren, dass „Messertanz“ eigentlich aus Wut auf die kruden Vorstellungen des Literaturbetriebs heraus entstanden ist, dass Männer ungerechterweise immer die Preise abräumen, aber Frauen generell die „gefährlicheren Krimis schreiben“ – „Weil sie mehr vom Hass verstehen“. Mit fortschreitendem Verlauf wird das Gespräch dann immer direkter, immer ehrlicher. Höhepunkt: Simone Buchholz eröffnet, dass sie Gewalt ebenso anziehend findet, wie sie mit ihren Romanen dagegen anschreibt, und Katja Bohnet empfiehlt ihr ganz trocken, einen Arzt aufzusuchen. Herrlich! Bitte mehr davon.

Schulz Onno Viets Hirsch

© Galiani

Helena Neumann schreibt über „Onno Viets und der weiße Hirsch“ von Frank Schulz und über den mythischen Sehnsuchtsort der Deutschen: Den Wald. Der steht nämlich ihrer Ansicht nach im Mittelpunkt der Geschichte, die zwischen „… und der Irre vom Kiez“ und „… und das Schiff der baumelnden Seelen“ angesiedelt ist. Er sei in romantischer Tradition für die Romanfiguren „Ort der Seelenlage und Landschaft der eigenen Empfindungskraft“ zugleich. Aber Vorsicht: Sobald die Rezensentin den Wald verlässt, wird erstmal gespoilert – zumindest für diejenigen, die das letzte Buch nicht gelesen haben. Neumann zeigt sich beeindruckt von Schulz‘ Schreibe, aber auch von der Kunstfertigkeit, mit der er drei Generationen deutsche Geschichte in seinem Roman lebendig werden lässt. Krieg, RAF und Noppensocken? Muss ich lesen, klar. Die vollständige Kritik findet ihr hier.

Asphaltseele von Gregor Weber

© Heyne

Kaum ein Buch wurde in den letzten Wochen so oft auf diesem Blog erwähnt wie „Asphaltseele“ von Gregor Weber. Joachim Feldmann hat es gelesen, und nachdem er mir auf Facebook schon geraten hatte, dem Buch nochmal eine Chance zu geben, setzt er sein Plädoyer im Freitag fort. „Radikal und traditionsbewusst“ sei Webers Stil, reduziert und ungewöhnlich schnörkellos. „Kurze Hauptsätze, Ellipsen, Straßenslang.“ Dass dafür die Metaphern fast vollständig wegfallen mag einer der Gründe sein, warum ein sprachverliebter Typ wie ich immer noch keinen Zugang zu diesem Buch findet und es jetzt auch dabei belassen wird. Aber Joachim Feldmann stockt Webers Sympathiekonto, dass ich auf der Buchmesse eröffnet habe, um einen weiteren Punkt auf: Der Mann, so heißt es im Text, wurde beim Tatort gefeuert, weil er die Qualität der Drehbücher bemängelte. Das nenne ich mal Zivilcourage.

Was Bert Rebhandl über Kai Hensel zu sagen hat, wird mir vorerst verborgen bleiben, denn „Bist du glücklich?“ steht zumindest auf meiner potentiellen Liste der noch zu lesenden Bücher für 2016. Mein Eindruck nach dem Lesen von Überschrift und Teaser war aber, dass es ihm außerordentlich gut gefallen hat. Auf der Website von Der Standard, wo sich auch eine Rezension von Rebhandl zu Hensels letztem Roman findet, könnt ihr euch ein Bild davon machen. Oder ihr geht noch schnell zum Kiosk.

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© Pendragon

Marlen Hobrack hat „Lügenland“ von Gudrun Lerchbaum gelesen. Lässt man Hobracks Erkenntnis, dass Dystopien neuerdings (!) auf die Gegenwart verweisen mal außer Acht, bekommt man eine sehr differenzierte Kritik zu lesen. Wie die Islamisten da vor den Toren Wiens stehen wie einst die Osmanen, das erinnert die Kritikerin stark an die „Schreckensphantasie[n] eines Pegida-Anhängers.“ Überhaupt sei der Plot viel zu platt. Die Bezüge reichen zwar von Adelbert von Chamisso  und Ernst Jünger (schon wieder der Wald) bis hin zu „Star Wars“ und „Die Tribute von Panem“, aber der Hollywood-Anteil würde dabei eben deutlich überwiegen. Spannend findet Hobrack dagegen das Spiel mit der Identität der Protagonistin, was die Schwächen des Plots zwar nicht vollständig wiedergutmache, aber immerhin.

Hull is not dull“ – Darauf besteht Alf Mayer in seinem Text über den britischen Autor David Mark, der in dieser Stadt nicht nur lebt, sondern auch seine Kriminalromane dort ansiedelt. Der Autor ist zwar hierzulande noch wenig bekannt, aber damit soll jetzt Schluss sein. Und nachdem ich den Text gelesen habe, bin ich zuversichtlich, dass zumindest jene, die seit Donnerstag den Freitag (der wird nicht alt) erworben haben, daran mitwirken. Mich natürlich eingeschlossen. Denn wie Peter Huber es einst so treffend formulierte: „Der vielwissende Mayer schreibt über Spannungsliteratur in einer Art und Weise, die mir das Wasser im Mund zusammenrinnen lässt.“

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