Auf ein Getränk mit … Ulf Torreck

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© Eric Weiss

Frankfurter Buchmesse 2016. Freitag. Ich treffe Ulf Torreck (vielen besser bekannt als David Gray) am Stand vom Pendragon Verlag. Wir versuchen dem Messegedrängel auszuweichen und pflanzen uns draußen in der Kälte auf eine Bierbank. Bei einer Cola – wir hatten Bier vereinbart, aber kommen stumm überein, das Thema gar nicht erst anzuschneiden – erzählt er mir vom Leben als Autor und von seinem neuen Roman, Fest der Finsternis. In unserem sehr umfangreichen Gespräch erfahre ich außerdem, wer den Literaturnobelpreis hätte gewinnen sollen, warum man sich besser nicht mit einer Mafiadonna anlegt, und wie Lesen uns vor dem Bösen in der Welt schützen kann.

Vor ein paar Jahren kannte man dich ja vor allem als Selfpublisher von E-Books. Mittlerweile veröffentlichst du deine Romane aber auch bei klassischen Buchverlagen. Wie kam das?

Das war erstaunlich. Ich habe im Jahr 2013 mit einem package an Projekten die Verlagsszene abgeklappert. Ich suchte eine Möglichkeit, meine Romane zu vermarkten, bei der die Rechte am E-Book bei mir selbst blieben, und der Verlag lediglich die Printausgabe veröffentlicht. Jeder winkte ab, so nach dem Motto: Das geht gar nicht. Es gab jedoch eine Kollegin, die genau dieses Modell angewendet hat. Sie war sehr erfolgreich, viel erfolgreicher als ich, und danach waren die Verlage schon offener dafür. In der Zwischenzeit hatte mich auch Zoë Beck zu „Krimis machen 2“ – das ist so ein Symposium für Krimi-Autoren, Verleger, Journalisten – eingeladen, um ein Panel zu machen. Das war ziemlich gut besucht. Im Anschluss gab es einen Umtrunk, bei dem der Pendragon Verleger Günther Butkus einfach über den Tisch rief: „Wenn du was hast, schick mir doch mal was.“ Da habe ich ihm eben ein Buch geschickt, einfach nur um zu zeigen: Schau mal, so schreibe ich, das ist mein Ding. Drei Wochen später bekam ich das Manuskript zurück mit handschriftlichen Anmerkungen des Verlegers und einem Zettel darin, auf dem stand: „Machen wir. Wie viele von der Sorte kannst du liefern?“ Wir haben uns letztendlich auf drei geeinigt.  Und Günter Butkus von Pendragon hatte auch kein Problem damit die unter meinem Pseudonym David Gray zu verlegen. Ich hatte also Glück, dass ich bei diesem Symposium dabei sein konnte. In einer anderen Runde, auf einer Messe oder im Netz, wäre wohl nicht so viel, so unkompliziert und vor allem so schnell gegangen, wie dort bei „Krimis machen 2“. Ich bin bei Pendragon sehr zufrieden, nicht nur mit den Verkäufen, auch mit dem Rundum-Service, den der Verlag leisten kann. Die sind ja jetzt nicht ein Konzernriese wie Random House, das muss einem bewusst sein, aber die Pendragons kümmern sich um ihre Autoren, die kümmern sich um ihre Leser, und es gibt natürlich eine Schallmauer, die du als Selfpublisher nicht durchstoßen kannst. Selbst bekannte Kollegen haben Probleme, ihre selbst publizierten Bücher in Zeitungen oder gar dem TV besprechen zu lassen. Wenn überhaupt ist der angle für die Berichterstattung dann die prominente Person  – aber über die Bücher redet dabei kaum mal jemand.

Ist  mit der Möglichkeit des Selfpublishing sowas wie ein Parallel-Buchmarkt entstanden?

Ja, es ist sogar ein ganz großer Parallel-Buchmarkt, und wie ich selbst einsehen musste – ich habe es lange nicht geglaubt –, mit einem etwas anderen Publikum. Es gibt Überschneidungen, aber das Hauptpublikum für die Masse der selbst publizierten E-Books sind Leute die Genre wollen, die an diese E-Book-Titel bestimmte Erwartungen haben, die man besser nicht unterlaufen sollte. Sonst ist der Erfolg im Selfpublishing relativ unwahrscheinlich. Bei einem Verlag kann man schon andere Projekte unterbringen, da werden auch andere Publikumserwartungen bedient. Ich denke auch, dass sich mit der Zeit diese Grenzen weiter verschieben und irgendwann auch mal verwischen werden, aber aktuell sind sie nun mal noch vorhanden. Beim Großteil der E-Books erwartet das Publikum klassisches Genre und keine irgendwie ein wenig herausfordernde Literatur, oder gar echte sprachliche oder dramaturgische Experimente.

Ich muss auch zugeben, dass ich dich heute wohl kaum kennen würde, wenn du nicht bei Pendragon gelandet wärst, weil ich kaum Einblick in diese Selfpublishing-Sphäre habe. Ich habe längere Zeit als Buchhändler gearbeitet, und im Laden bekommt man davon so gut wie nichts mit.

Ja, das ist schon ein geschlossenes System. Es gibt viele Blogs, die ausschließlich die Selfpublisher bedienen, und auch wenn manche von ihnen mittlerweile auch für Verlagsautorinnen und –autoren offen sind, gab es lange Zeit diese klare Trennung: Blogs, die über „klassische Literatur“ geschrieben haben, und Blogs, die, meist themenspezifisch, über Selfpublishing geschrieben haben. Chick Lit, Romance und ein bisschen Krimi, wobei Letzteres eher weniger vorkam.

Nun kommt dein neues Buch Fest der Finsternis ja im Frühjahr bei Heyne heraus. Wie ist der Kontakt zustande gekommen?

Torreck Fest de Finsternis

© Heyne

Eigentlich auch bei „Krimis machen 2“, aber das war anfangs eher ein loser Kontakt. Dann rief aber irgendwann doch Tim Müller von Heyne zurück und meinte: „Du, schreib mir doch erstmal ein Exposé, oder hast du vielleicht sogar noch eins da?“ Und ich sagte ihm: „Es gibt noch ein großes Buchprojekt von mir, das ihr schon zwei Mal abgelehnt habt bei Random House.“ Und er so: „Mhm, mhm, abgelehnt? Wann war das?“ Ich: „Das ist schon eine Weile her.“ Er: „Dann schick mir das doch mal“. Ich habe ihm das dann natürlich geschickt, und dann kam einige Zeit gar nichts mehr. Irgendwann meinte er dann: „Schöne Schreibe. Kontroverses Thema. Muss man sehen, ob das geht, aber wenn du mir vielleicht noch ein Exposé für etwas Neues schreibst, könnten wir darüber mal reden.“ Also habe ich ihm zwei Exposés geschrieben, doch dann rief er eines Tages einfach an und sagte: „Wir bringen Fest der Finsternis. Falls du mitmachst.“ Da war ich natürlich weit davon entfernt Nein zu sagen (lacht).  Allerdings bestand Heyne darauf, dass ich dort unter einem anderen Namen veröffentliche als ich das bei Pendragon oder als Selfpublisher tue. Daher diese etwas seltsame Zwitterexistenz als David Gray und Ulf Torreck.

Wie viel Jahre hattest du denn zu diesem Zeitpunkt schon an dem Roman gearbeitet?

Ein bisschen länger als sechs Jahre. Die Idee entstand durch ein Telefonat mit meinem Agenten, der damals, so Mitte 2008, gesagt hat: „Sie sind so in der Mitte zwischen Literatur und Unterhaltung, und das ist ein bisschen schwierig. Sie brauchen einen Knaller. Lassen Sie sich doch mal was einfallen.“ Dann habe ich ihm noch während dieses Telefongesprächs zwei Ideen gepitcht, und er sagte: „Nee, geht nicht. Geht zumindest gerade nicht, weil der Markt das momentan nicht will.“ Dann kam mir die Idee zu Fest der Finsternis – und zwar aus meinem Hinterkopf. Ich war ja schon immer fasziniert von Das Schweigen der Lämmer. Aber den x-ten Serienkillerroman wollte ich auch nicht machen. Doch  historisch, mit dem Marquis de Sade als eine Art von Hannibal Lecter, der einem überforderten Polizisten bei einem Fall zur Seite steht, wie Hannibal das ja bei FBI-Agentin Clarice Starling tut, so etwas traute ich mir zu und darauf hatte ich Lust. Als ich dem Agenten das damals am Telefon sagte, kam erstmal nichts mehr, und ich deutete das zuerst als erschrockenes Schweigen. Dabei war er gar nicht erschrocken, er überlegte nur. Nach einer Weile sagte er: „Das machen Sie. Wann können Sie liefern? Das können wir verkaufen.“ Sechs oder sieben Jahre und, über den Daumen gepeilt, zehn Ablehnungen später, wurde es dann endlich Fest der Finsternis. Ein Buch, das immer größer, immer umfangreicher wurde, je länger ich mich daran geschrieben habe. Angedacht war eigentlich einen kurzen, bösen historischen Thriller zu verfassen, aber dann haben sich nach und nach immer mehr Ebenen eingeschlichen.

Wenn man sich solange mit einem Roman beschäftigt, entwickelt man wahrscheinlich eine besondere Beziehung dazu.

Ja, das Buch nimmt eine absolute Sonderrolle in meinem Werk ein. Vielleicht auch auf dem Buchmarkt. Es ist eine Mischung aus Gothic-Horror und historischem Roman, das kennt man sonst eher von den Engländern. Ist vielleicht etwas ungewöhnlich dieser Genre-Mix, aber was mich daran auf einer anderen, vielleicht intellektuellen Ebene noch interessiert hat, war der Gedanke, dass es auch so etwas wie eine dunkle Aufklärung gegeben hat. Dieses Aufklärungsideal, „edel sei der Mensch, wahrhaft und gut“ ist ja ein schönes Programm, hat uns auch alle weitergebracht, aber so ist der Mensch nicht. Nicht nur. Wenn man Krimis schreibt, wenn man Krimis liest, wenn man sich mit der dunklen Seite des Menschen, mit den Abgründen beschäftigt, dann spürt man schon dieses Zucken im Tipp-Finger: Nein Freunde, ich gebe euch jetzt nicht diesen zumeist übermäßig schlichten Tatort-Lösungsmoment, der alles erklärt, denn so funktioniert der Mensch nun mal nicht. Dort, wo die Abgründe tiefer und komplexer sind, geht die Hochliteratur nicht hin. Da geht der Krimi hin. Und wenn sich doch mal ein Buch dorthin traut, unter dem „Roman“ steht, ist es bei genauerem Hinsehen eigentlich ein Krimi – in irgendeiner Form. In gewissen Literaturkreisen scheut man sich nämlich immer noch davor, dieses Wort zu verwenden. Krimi ist ja nur Unterhaltung. Aber es ist nun mal immer nötig, auch die abseitigen und dunklen Bereiche des Menschen gezielt literarisch aufzuarbeiten. Ab und zu gibt’s dafür dann ja auch die höheren und ganz hohen Literaturbetriebsweihen, und ein J. M. Coetzee oder – knapp hundert Jahre früher – ein Joseph Conrad wird mit diesem bekannten schwedischen Preis bedacht.

Bei Ullstein kann man das gerade sehr schön beobachten. Loney von Andrew Michael Hurley, eine Mischung aus Krimi und Gothic, wird dort als literarisches Ereignis unter dem Label „Roman“ vermarktet. Tolle Sprache, keine Frage, doch da hätte auch „Thriller“ stehen können. Man will aber offensichtlich ein anderes Publikum ansprechen.

Als Autor stehst du dann daneben und denkst dir: Ob das jetzt eine kluge Entscheidung war? Man stellt sich ja beim Schreiben immer einen idealen Leser vor. Es gibt diesen Spruch, ich glaube er ist von Jean Paul, der lautet: „Bücher sind Briefe an fremde Freunde.“ Einen von diesen fremden Freunden hat man als Autor beim schreiben meistens vor Augen, und dem erzählt man quasi seine Geschichte. Und dann stellst du dir natürlich auch vor, was dieser Leser erwartet, was der sonst vielleicht auch lesen würde. Wenn dann ein Buch erscheint, das Gothic Horror oder einfach nur Gothic ist, und der Verlag schreibt aber nur schlicht „Roman“ darunter und vermarktet es als Hochliteratur, geht dieses Buch zumindest an meinem idealen Leser vermutlich vorbei.

Vielleicht ist das nicht nur ein Problem für den Autor, sondern auch für das Buch selbst. Gerade in diesem speziellen Fall bei Ullstein denke ich, dass es die falschen Leute erreicht, die das Buch dann irritiert weglegen, und die, denen es möglicherweise gefallen würde, schauen erst gar nicht rein. Da läuft marketingtechnisch Vieles verkehrt.

Ja. Im Krimibereich werden zum Beispiel oft auch Titel zu Psychothrillern erklärt, die keine Psychothriller sind, weil Psychothriller gerade laufen.

Ich glaube, da unterschätzt man die Genre-Kenntnis der Leserinnen und Leser.

Auf jeden Fall.

Nun hast du  schon Einiges vorweggenommen. Ich wollte eigentlich fragen, warum du für Fest der Finsternis gerade die Epoche Anfang des 19. Jahrhunderts gewählt hast, aber das hast du mit der „dunklen Aufklärung“ ja schon angedeutet. Hast du deshalb auch Frankreich als Schauplatz gewählt?

Klar, was Aufklärung angeht ist Frankreich natürlich ein hotspot. Aber Paris ist auch für sich ein mythischer Ort. Für uns hier in Deutschland ist es immer noch ein Sehnsuchtsziel, ebenso für die Amerikaner und die Briten. Was gibt es für Amerikaner so rein klischeemäßig in Europa? Paris und Rom (Berlin und Amsterdam ja auch, aber die gelten inzwischen eher als Partystädte, zumindest bei den jüngeren Touris). Paris hat auch eine sehr düstere Seite. Paris hatte reale Satanistenzirkel – Stichwort Catherine Monvoisin – und Paris hatte a fair share of Serienmörder. Paris spielt auch eine Rolle innerhalb des Vampirmythos. Wenn da irgendwo der Sprung nach Europa gemacht wird, dann  entweder ins viktorianische London, wie bei Bram Stoker, oder eben in die französische Hauptstadt, wie bei Anne Rice, die hat sich ja für ihre Vampire Chronicles mit Lestat gleich einen französischen Adeligen als Vampirhelden erwählt. Und sie wusste zweifellos warum.  Darüber hinaus hat mich an der Zeit, in der mein Roman spielt, interessiert, dass Paris damals noch sehr mittelalterlich war. Das Bild, das wir heute von Paris haben, ist ja dieses Haussmann-Paris. Aber 1805 war Paris noch eine mittelalterliche Stadt. Etwa zwanzig Jahre davor gab es noch den Cimetière des Innocents, den wahrscheinlich am häufigsten genutzten, überladensten Friedhof der Welt. Man schätzt dort waren bis zu vier Millionen Leute begraben, die man so übereinandergestapelt hat, dass das Erdlevel des Friedhofs am Ende vier Meter über Straßenniveau lag. Es gab eine dicke Mauer rundherum, die immer wieder erhöht und verbreitert wurde. Nicht zu vergessen die Cour de miracles, die man von Victor Hugo kennt. In meinem Buch gibt es die „Herrin der Nacht“. Diese Figur ist keine Erfindung. Es ist die Herrin der Huren, der zentrale Ansprechpartner  für die Polizei und die Verwaltung, sobald  es Probleme mit der Prostitution gab. Das war damals immer eine Frau. Als Mann hattest du keinen Zugang, das klassische Zuhälter-Ding lief damals nicht wie heute. Die Prostituierten haben sich zu großen Teilen selbst organisiert. Auch das hat mich an dem Zeitalter fasziniert in dem das Buch spielt, diese andere Sorte von Milieu, wo man sehen kann, dass die „gute alte Zeit“ natürlich nie wirklich gut gewesen ist, und zwar gut im Sinne von heimeliger. Man bildet sich zwar gerne ein, dass sie das war, und viele von den historischen Romanen und Filmen bilden diese Zeit wohl deshalb auch immer so schön sauber und grundsätzlich überschaubarer ab. Aber es war richtig dreckig, es hat gestunken, die Schweine rannten über die Straße, man hat die ungewollten Kinder auf dem Misthaufen hinter dem Haus entsorgt,  Leichen an Schweine verfüttert – das ist alles da, das ist alles in Akten nachzulesen, aber das wird nicht gerne in solche Formate aufgenommen. Und gerade das ausgehende 18te und beginnende 19te Jahrhundert war ein Zeitalter großer Unsicherheiten und politischer, ethischer und technischer Verwirbelungen.  Zumindest in Deutschland bearbeitet man das nicht so gern in Literatur, es sei denn als Komödie oder Heldenstory. In anderen Ländern sieht es da schon anders aus, dort wird eher schon dem Horror und der tiefen Angst Tribut gezollt, die diese Ära beherrschten. Vielleicht fehlt uns Deutschen auch einfach das Gespür für diese feinere Sorte von Horror, die sich nicht nur in Leichenbergen und Gemetzeln erschöpft. Stephen King läuft hierzulande schon gut, aber die subtileren Sachen aus dem eigenen Sprachraum haben es schwer. Ich wette ja, dass zum Beispiel Andrea Maria Schenkels Tannöd viel weniger erfolgreich am Markt gewesen wäre, hätte der Verlag darunter geschrieben, zu welchem Genre dieses Buch wirklich gehört: Gothic Horror nämlich. Hier in Deutschland glaubt man in den Filmproduzentenbüro und Verlagsstuben das sei ein Mixturgenre, das sich mit Vampirsagas  und Storys von eingekerkerten Jungfrauen erschöpfend bedienen lässt, weil man es – insgeheim – für einen Teilbereich dieses wirklichen Genrebegriffsbastards  von Young Adult hält. Keiner weiß ja so richtig, was das eigentlich ist und sein soll, also wirft man da alles hinein, was man für etwas dystopisch, pathetisch oder romantisch hält, ohne zugleich als Liebesschnulze durchgehen zu können.  Dabei waren echte Romantik und Gothic noch nie harmlos, sondern stets auch subversiv, weil sie sich schon seit ihren Anfängen mit den abgründigen, den dunklen und verstörenden Sehnsüchten und Wahrheiten der menschlichen Existenz befasst haben. Und dafür gibt’s schon immer auch ein sehr erwachsenes Publikum.

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Die Cour de Mircales (Illustration von Gustave Doré)

Du scheinst ja ein regelrechter Frankreich-Experte zu sein. Da stellt sich mir die Frage, was eigentlich zuerst da war: Die Idee für den Roman oder das Hintergrundwissen.

Also meine Faszination für Paris – ich war zu dem Zeitpunkt, als ich die Idee für Fest der Finsternis hatte, schon einige Male in Paris gewesen – war zuerst da. Es gibt aber Momente, in denen im Hinterkopf verschiedene Sachen zusammenlaufen, sich wie von selbst kombinieren und plötzlich sagst du: „Ja!“ Ich habe auch eine Faszination für Camus, für Céline und Baudelaire. Sartre dagegen fand ich immer schon scheiße. Und weil ich eine Weile in Dublin und Südostasien gelebt habe, kam auch noch ein Sinn für diese englische Welt dazu, das Empire, Indien und auch dieses ganz seltsame Verhältnis zwischen Iren und Engländern. Churchill hat ja mal gesagt, er verstehe die Iren nicht, weil sie es ablehnen würden, Engländer zu sein – dabei kann dir doch, zumindest laut Churchill, angeblich gar nichts Besseres passieren, als Engländer  sein zu dürfen. Also das sind so die beiden Pole: Frankreich mit seiner auch mal sehr dunklen Romantik, den Symbolisten und den Surrealisten – alle voll auf dem Todestriebdrogentrip –  und daneben dann diese sehr britisch pragmatische Seite, die die Kriminalliteratur ja auch hat und haben muss.

Hat dich dann bei der Recherche überhaupt noch etwas von dem, was du möglicherweise dazugelernt hast, überraschen können?

Richtig überrascht hat mich, dass Paris damals, vor diesen Hausmann-Umbauten, mehr Kirchen hatte als Rom. Das ist so ein strange fact der einfach hängen blieb. Und die Tatsache, dass Napoleon im Prinzip das moderne Polizeiwesen erfunden hat, dass es aber auch schon unter Louis XIV. und dessen Nachfolgern ein ausgeklügeltes, relativ ausdifferenziertes Polizeiwesen gab, auf dem Napoleons verschiedene Polizeiminister aufbauen konnten. Eine ganze Weile lang hat man die Erfindung der modernen Polizei in Sachbüchern eher den Preußen oder Briten zugeschrieben, aber die Franzosen waren da eigentlich schon  deutlicher vorneweg. Darüber hinaus fand ich es einfach spannend, etwas tiefer in die kriminellen Verhältnisse der Ära einzusteigen. Damals befand sich das Verbrechen fast ausschließlich in Familienhänden. Dein Vater konnte Stellmacher sein, dann wurdest du eben auch Stellmacher. Oder dein Vater war Erpresser, Räuber und Taschendieb, dann wurdest du halt das. Es gibt Familien, die das über viele Generationen so gehandhabt haben. Außerdem war das Verbrechen damals noch nicht so international und Mord statistisch gesehen seltener. Da kommt natürlich dazu, dass das Polizeiwesen zwar für seine Zeit in Paris hochentwickelt war, aber nicht, was die Statistik angeht. Mord hat etwas mit Bevölkerungsanzahl und Bevölkerungsdichte zu tun, wenn die hoch genug sind, ergibt sich das quasi von selbst. Das liegt in unserer Natur. Wir sind schon noch Raubtiere. Ich glaube bei Bruce Chatwin in den Songlines gibt es einen Textabschnitt, der das reflektiert; dass wir zwar Tiere, aber evolutionär gesehen eben vor allem gejagte Tiere sind, tief in unser Unterbewusstsein und Stammhirn sich also die Instinkte von Beutetieren eingegraben haben. Unsere zentralen Reaktionen auf Bedrohungen sind entweder das Weglaufen, der Fluchtinstinkt, oder aus der Ecke heraus zu kämpfen – aber dann mit Klauen und Zähnen, mit Haut und Haaren, mit allem, was wir haben. Ich bin der Meinung, dass eine gewisse Grundaggressivität nicht unbedingt schlecht sein muss. Ich weiß: Keine gute Nachricht für die Feingeister unter uns. Aber die ließen sich ja vielleicht mit dem Gedanken trösten, dass wir es mithilfe des großen Zivilisationsprojekts immerhin soweit gebracht haben diese Grundaggressivität soweit einzuhegen, dass man sie heute im Geschäftsleben, bei der Suche nach Geschlechtspartnern und in der Jagd nach Konsumgütern auslebt, statt darin seinem Nachbarn mal eben den Schädel zu spalten. Obwohl ja auch das immer noch zu oft vorkommt.

Du hast ja vorhin schon selbst Das Schweigen der Lämmer und den Marquis de Sade ins Spiel gebracht. In der Verlagsvorschau von Heyne fiel außerdem noch der Name Patrick Süskind und wird dessen „Parfum“ erwähnt. Kam das vom Verlag, oder kam das auch von dir?

Das kam vom Verlag. Da gab es Leute, die den Roman in der ersten vorlektorierten Fassung gelesen hatten und meinten, er ginge auch in diese Richtung. Der Vergleich hat natürlich die Erwartungen, die der Verlag in das Buch setzte, etwas hochgeschraubt. Das Parfum ist ja nicht nur ein wahnsinniger Verkaufserfolg, sondern auch Schullektüre, aber es gibt viele Leute, die damit nicht so viel anfangen können, deswegen weiß ich gar nicht, ob das als tagline unbedingt so gut ist. Ich bin auch nicht der größte Fan von dem Film, obwohl mir das Buch, damals als es erschien, durchaus etwas zu sagen hatte.

Ich hatte eigentlich vermutet, dass man mit dem Vergleich die Frauenmörder-Geschichte noch mehr betonen wollte.

Nein, es ging ihnen dabei wohl eher um die Stimmung, um das Ambiente in dem Buch, denke ich. Der Frauenmörder wurde in den Gesprächen gar nicht erwähnt, und ich habe da nie so richtig nachgebohrt. Ist aber eine spannende Frage, sollte ich mal nachholen. Was mich auch überrascht hat: Ich habe noch eine kleine Novelle, eine Art Prequel geschrieben, in der es schon ein bisschen um das Verhältnis zwischen de Sade und seinem Sidekick, dem Commissaire Louis Marais geht. Die habe ich einer Gruppe von Testlesern gegeben. Das sind Leute, die meine Sachen gerne lesen, denen ich sehr dankbar bin, wenn sie schon in der Entstehung ihren Senf dazu abgeben. Man muss solchen Leuten immer dankbar sein, das ist eine sehr schöne und wichtige Sache, und außerdem ein bisschen schmeichelhaft. Immerhin lesen sie ja unfertige Texte. Jedenfalls waren eine Menge Frauen in der Testlesergruppe und die sagten, sie fänden den de Sade ja total charmant. Dabei geht es in der Novelle in Bezug auf Gewalt durchaus ordentlich zur Sache. Irgendwann im Laufe der Novelle erklärt de Sade zum Beispiel seine Sicht auf die Menschen und die Welt, und die ist wahrlich nicht strahlend hell. Ich find es immer wieder bemerkenswert, dass es vor allem das vermeintlich „zarte“ Geschlecht so blutig mag. Es gibt einen grandiosen Roman von dem berühmten tschechischen Autor Pavel Kohout, namens Die Henkerin. Das ist eine Satire auf den Stalinismus, in der es darum geht, dass man in Prag eine Berufsschule eröffnet hat, um Henker auszubilden und später auch zu exportieren – weil es genug Länder gibt, die Bedarf haben. Das hat sich bis heute ja übrigens nicht so wirklich geändert. Irgendjemand kommt dann auf die Idee, man müsse – schon der sozialistischen Gleichberechtigung wegen – auch mal eine Frau dort ausbilden. Die Wahl fällt dann auf ein junges Mädchen namens Lizinka, das als  hübsch anzuschauen, aber nicht besonders tiefsinnig beschrieben wird. Das Buch war damals ein relativ großer Erfolg, und Kohout erzählt in Interviews gerne, dass nach Lesungen viele junge Mädchen zu ihm kamen, die das Buch großartig fanden, und von ihm eine Widmung nicht von Pavel, sondern „von Lizinka“ verlangten. Das hat ihn immer erstaunt, denn es war schon aufgrund des Themas auch ein sehr brutales Buch. Nebenbei voller exakt recherchierter, sehr skurriler Details und Berufsmythen aus dem Vollstreckeralltag.  Auch mich faszinieren weibliche Täter, ich halte sie für unterrepräsentiert in der Kriminalliteratur. Ich bin nicht sicher, was das über meine psychische Konstitution aussagt, aber das war schon immer so. Als Mann kennst du Männer, du kennst männliche Motivation, aber Frauen morden anders, Frauen morden leiser und gründlicher. Ich denke Frauen sind generell in einigen Aspekten konsequenter als Männer. Einen Mafiadon als Gegner zu haben ist schon echt erschreckend, aber eine Mafiadonna willst du nicht als Feindin haben Die könnte auf die Idee kommen, deine Familie noch bis ins siebte Glied auszurotten, wohingegen ein Don Corleone vielleicht sagen würde: „Mach seinen Vater, sein Sohn und seine Cousins kalt, aber das reicht dann an Rache.“

Das kam gestern auch bei einer Diskussion auf der Open Stage so ein bisschen zur Sprache. Das Crime-Magazin hat sich dort gefragt, warum gerade Frauen blutige Geschichten lesen wollen. Donna Leon und Michael Tsokos haben dazu die steile These aufgestellt, dass man als Frau darin lernen kann, wie man sich in solchen Situationen verhält oder ihnen aus dem Weg geht. Wenn ich an Frauenfiguren im Krimi denke, denke ich zuallererst an den Mutterinstinkt, an das Beschützen, das mit-dem-Rücken-zur-Wand-Stehen. An Frauen, die so kämpfen, wie du es vorhin beschrieben hast: Mit allem, was sie haben.

Vielleicht ist es das. Die fantastische Margaret Atwood, die jetzt wieder den Nobelpreis nicht gekriegt hat – der Bobster hat ihn nicht verdient, das kannst du gerne so schreiben –, hat ja mal gesagt: „Männer fürchten sich davor, dass Frauen über sie lachen könnten. Frauen fürchten sich davor, dass Männer sie umbringen könnten.“ Diese physische Unterlegenheit ist einfach da. Vielleicht spielt also auch Selbstschutz eine Rolle. Weibliche Leichen sind überrepräsentiert, da habe ich mich auch selbst schuldig gemacht, und im anglo-amerikanischen Feuilleton fordern Feministinnen schon länger, dass das mal ein Ende hat. Auch Männer können schließlich Opfer sein, und es ist bestimmt nicht gut, wenn Frauen regelmäßig als leichte Beute dargestellt werden –  wenn in Filmen, Serien, Romanen eine Art Wettstreit im Blutvergießen gestartet wird, und die allermeisten Opfer dabei Frauen sind. Das sickert doch in die Kultur und das kollektive Unterbewusstsein ein. Und – auch diese Sache spielt vielleicht auch eine Rolle – ganz tief drinnen sind wir ja schon abergläubische Wesen. Worte haben Macht. Die Feder ist mächtiger als das Schwert. Zaubersprüche. Das kommt ja irgendwoher. Solche blutigen Bücher zu lesen, in dem dann am Ende zumindest einer der „Bösen“ hinter Gittern landet oder getötet wird, wo die konkrete Gefahr durch den Exitus beendet wird, hat möglicherweise für die Leser unbewusst auch etwas von einem Abwehrzauber.

Eine letzte Frage: Ich bin absoluter Erster-Satz-Fetischist. Wie wichtig ist dir der erste Satz, und wie lautet er im Falle von Fest der Finsternis – falls du das schon verraten willst?

„Im August 1805 herrschte die Pest schon den dritten Monat übe Brest.“ So viel Wert lege ich darauf aber nicht, bei längeren Geschichten ist mir der erste Satz eigentlich relativ egal. Da ist mir die erste Seite wichtig, weil da auch die Agenten und die Lektoren Wert darauf legen. Auf der ersten Seite zieht man den Leser in die Geschichte rein. Der erste Satz kann auch lauten: „Es war drei Uhr morgens.“ Natürlich gibt es grandiose erste Sätze. Ich bin kein Fan von Wolfang Hohlbein, aber „Der Engel brannte“ Ist echt schwer zu toppen.

Einer meiner persönlichen Highlights stammt aus dem ersten Band von Stephen Kings Dunkler-Turm-Saga: „Der Mann in schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm“ – die ganze, siebenbändige Geschichte in ein paar Worten verdichtet.

Die Hamletmaschine von Heiner Müller: „Vor mir das Meer, hinter mir die Ruinen von Europa.“ Grandios. Ist zwar ein Theaterstück, aber – Wahnsinn.

Jetzt habe ich doch noch eine letzte Frage nach der letzten Frage, aber die ist zu wichtig, um sie nicht zu stellen: Warum sollte man Fest der Finsternis lesen?

Ihr sollt Fest der Finsternis lesen, um den Autor zu unterstützen und der Eitelkeit des Autors zu schmeicheln – Autoren sind sehr eitle Wesen. Ihr sollt Fest der Finsternis lesen, weil Gothic-Grusel unterschätzt wird, weil ihr spannende Geschichten lesen wollt und weil es euer persönlicher Abwehrzauber ist, der euch vor den Abgründen schützt. Das war jetzt total pathetisch und das lassen wir so (lacht).

„Fest der Finsternis“ von Ulf Torreck erscheint am 13. Februar 2017 bei Heyne. Mehr Informationen zum Buch gibt es hier.

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5 Gedanken zu “Auf ein Getränk mit … Ulf Torreck

  1. Ulf a.k.a. David ist aber auch extrem kommunikativ, manchmal frage ich mich, ob er neben seinen Facebook-Posts auch noch zum Schreiben kommt…;-) Aber er hat definitiv auch was zu sagen.
    Starkes Interview. Gerne mehr davon.

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