Hagelkörner #2

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An dieser Stelle hätte man jetzt vielleicht meine Jahresbestenliste für 2016 vermutet, aber ich zögere es noch etwas hinaus. Neujahr scheint mir ohnehin der bessere Termin. Stattdessen: Fünf Bücher ohne Reihenfolge, kurz, knapp und kritisch zusammengefasst.

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© Suhrkamp

Staatsanwältin Chastity Riley macht einen Ausflug aufs Land, weil sie denkt, dass sie das bräuchte. Was natürlich Quatsch ist. Als ihr Telefon klingelt ist sie daher froh, wieder zurück nach Hamburg zu dürfen, wo bereits ein neuer Fall auf sie wartet: Ein übel zugerichteter Österreicher liegt im Krankenhausbett und schweigt sich aus, und es ist ihre Aufgabe, ihn zum Reden zu bringen. Mit Geduld und Bier entlockt sie dem Mann langsam seine traurige Geschichte. Währenddessen macht Rileys Freund und Quasi-Kollege Faller im vermutlich eigens dafür angeschafften Pontiac einen auf Jim Rockford vom Kiez und scheucht dabei die halbe Unterwelt auf – eine Kamikaze-Aktion mit absehbaren Folgen.

Blaue Nacht“ von Simone Buchholz ist vor allem eines: Virtuos geschrieben. Mal tanzen poetische Bilder in Satzschleifen übers Papier, mal spuckt die Realität Umgangssprachfetzen auf den Boden. In den Kneipen der Hafenstadt suchen ihre Figuren Wärme in dampfenden Kaffeetassen, scharfem Alkohol, einer glühenden Zigarette oder einer festen Umarmung. Ein Roman wie ein Rückzugsort, der den Lesenden vor dem Zuflucht bietet, was er beschreibt: Das, was Menschen anderen Menschen antun. Riley antwortet mit Empathie statt Mündungsfeuer. Eine interessante, auf den ersten Blick widersprüchliche Mischung von hoher literarischer Qualität, die sich mit einem ebenso widersprüchlichen Begriff wie cozy hardboiled novel annähernd beschreiben lässt. Ein nordischer roman noir, in dem immer ein Licht brennt.

„Blaue Nacht“ von Simone Buchholz ist bei Suhrkamp Nova als Klappenborschur erschienen. Weitere Informationen zum Buch findet ihr auf der Verlagsseite.

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© Tropen

Am Ende von Franz Doblers „Ein Bulle im Zug“ steigt Robert Fallner aus dem ICE und steht vor einem beruflichen wie privaten Trümmerhaufen. Frau weg, Marke weg, nur die Makarow ist ihm geblieben. Zu Beginn von „Ein Schlag ins Gesicht“ versucht der ehemalige Kriminalhauptkommissar sich ein neues Leben aufzubauen. Sein Bruder, ebenfalls Ex-Polizist, bietet ihm einen Job in seiner Sicherheitsfirma mit dem lächerlich seriös klingenden Namen Safety International Security an, die auf ihn wie die „Gesandtschaft eines drittklassigen Schurkenstaats“ wirkt. Sein erster Auftrag: Die Schauspielerin Simone Thomas („Die Satansmädels von Titting“) vor ihrem Stalker zu beschützen.

„Ich bin der Meinung, dass die Schlampe in Schmuddelfilmchen auch nicht schlimmer ist als ein Heinz Rühmann in Nazifilmchen.“ Eine Sekunde Pause. „Kann man das so sagen?“

Der Vorgänger war ein kleines Meisterwerk. „Ein Schlag ins Gesicht“ wirkt im direkten Vergleich nicht ganz so formvollendet, macht aber genauso viel Spaß. Die Dialoge knallen, das Ermittlerhirn rattert, die Querverweise pfeifen einem um die Ohren. Gepaart mit der einzigartigen Erzählstimme, die im deutschen Feuilleton unisono als „Dobler-Sound“ bezeichnet wird, konnte von Anfang an ohnehin nicht viel schiefgehen. Somit festigt auch der zweite Roman um den tragischen Helden Robert Fallner den Ruf des Autors als Ausnahmetalent der deutschen Krimiszene. Oder, um es in den Worten einer jungen Frau zu sagen, der ich das Buch kürzlich empfohlen habe: „Ein bisschen wie Wolf Haas, der angesoffen seinen Frust ablässt.“

„Ein Schlag ins Gesicht“ von Franz Dobler ist bei Tropen als Hardcover erschienen.

Cody Miss Terry

© Argument

Herr K. Grundschullehrerein Nita Tehri wird verdächtigt, einen Säugling im Müllcontainer vor ihrem Haus entsorgt zu haben. Plötzlich sieht niemand mehr die freundliche, fast schon krankhaft regelkonforme junge Frau, die seit Jahren ein unauffälliges Leben in der Nachbarschaft führt, plötzlich zählen nur noch Hautfarbe und Herkunft. Nita verliert die Kontrolle über ihr Leben. Männer mit oder ohne Uniform schubsen sie herum, Worte wie „Generalverdacht“ oder „Sündenbockkultur“ drängen sie in die Opferrolle, niemand glaubt ihr und kaum jemand hält zu ihr. Stattdessen will man sie überall loswerden – mal mehr, mal weniger freundlich.

Liza Codys neuer Roman „Miss Terry“ ist ein kluges Gesellschaftsporträt, und immer dann besonders stark, wenn er die Mechanismen aufzeigt, welche die Persönlichkeitsrechte des Einzelnen schneller aushebeln, als man „Unschuldsvermutung“ sagen kann. Vorurteile statt fairer „Process“. Ausgerechnet am Herd(!) gewinnt die Protagonistin langsam ihre Souveränität zurück und es beginnt eine – wenn auch eher aufgezwungene – Transformation. Das was überlagert hier deutlich das wie, die Intention der Autorin scheint an allen Ecken und Enden durch. Was funktioniert, solange sich Cody auf ihre Geschichte verlässt. Leider doziert sie streckenweise mehr als sie erzählt, was sich beim Lesen so anfühlt, als würde man immerzu an der Hand genommen. Trotz allem: „Miss Terry“ ist ein gutes Buch mit einem wichtigen Anliegen. Das nächste Mal aber bitte wieder etwas bissiger.

„Miss Terry“ von Liza Cody ist bei Argument in der Reihe Ariadne Kriminalromane als Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Else Laudan und Martin Grundmann.

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© Suhrkamp

John „Johnny Porno“ Albano hat es nicht leicht. Die Ex-Frau geht ihm auf die Nerven, sein Apartment hat schon bessere Tage gesehen, und der Geldbeutel gibt nichts her, um irgendetwas davon zu ändern. Da winkt ein lukratives Angebot: Der Skandalstreifen „Deep Throat“ ist gerade das Stadtgespräch, und die Mafia verdient sich am Vorführverbot dumm und dämlich. In Garagen und Hinterzimmern stapeln sich kleine Scheine, die irgendjemand abholen muss. Ein gefährlicher Job, denn die Cops wollen den Film unbedingt einkassieren, und jeden, der von ihm profitiert gleich mit – sei er auch noch so ein kleiner Fisch im großen Haifischbecken New York.

Was für Figuren! Was für Dialoge! Charlie Stella erweist sich mit „Johnny Porno“ als feiner Beobachter des Milieus mit einem Auge für skurrile Details. Immer authentisch und nah bei seinen Figuren erzählt der Autor von denen, die auf der Strecke bleiben. Mob fiction von schräg unten. Daher ist es Charlie Stella hoch anzurechnen, dass er, statt in die Kitsch-Noir-Falle zu treten, mit Humor und Ideenreichtum einen Plot zusammenspinnt, der vielleicht manchmal unübersichtlich, aber dafür immer unvorhersehbar bleibt. Großartig komponierte, kurzweilige Unterhaltung, ein Roman, dem nicht mehr als ein Funke fehlt, um vollständig zu zünden.

„Johnny Porno“ von Charlie Stella ist bei Suhrkamp als Taschenbuch erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Andrea Stumpf. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Weitere Informationen zum Buch findet ihr auf der Verlagsseite.

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© Graywolf Press

Es gibt Autoren, die schreiben so gut, dass man alles von ihnen lesen möchte – auch das, was sie über das Schreiben selbst schreiben. Benjamin Percy ist so ein Autor. In „Thrill Me“ verwebt er Privatleben und Schriftsteller-Werdegang so gekonnt mit literarischen Lektionen, dass sie auch ganz bestimmt in den Köpfen aller haften bleiben, die sein Buch in die Hand nehmen. Nach der Lektüre weiß man nicht nur, wie man ein Taschentuch tanzen lässt, was Genre und Nicht-Genre voneinander lernen können oder welche Rolle Erwartungen beim Erzeugen und Auflösen von Spannung spielen, sondern auch, warum man manche Dinge am besten erklärt, indem man sie nicht erklärt.

Ein gewitzteres, sympathischeres und gleichzeitig derart brauchbares Buch über das Schreiben hat es lange nicht gegeben. Pflichtlektüre für angehende Autorinnen und Autoren. Wer jedoch lieber auf einen neuen Roman des Ausnahmetalents warten will – da ist fürs Frühjahr was in der Pipeline. Und eine Übersetzung des letzten Werks steht ja auch noch aus.

„Thrill Me – Essays on Fiction“ von Benjamin Percy ist bei Graywolf Press als Taschenbuch erschienen.

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4 Gedanken zu “Hagelkörner #2

  1. Ich stimme dir zu, Miss Terry war mir für eine besonders gute Bewertung einen Tick zu brav.
    Den Dobler habe ich jetzt auch gelesen und bin zwiegespalten: Stilistisch großes Kino, aber den Plot fand ich ziemlich dürftig.

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Meine 10 Lieblingskrimis 2016 | Der Schneemann

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