Meine 10 Lieblingskrimis 2016

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2016 war ein grandioses Krimijahr. Fast jedes Buch, das den Weg in mein Bücherregal fand, war lesenswert, und die Anzahl der Highlights sprengt den Rahmen einer Top 1o deutlich. Um überhaupt entscheiden zu können, habe ich mir bereits letztes Jahr folgende Modalitäten überlegt: Auf der Liste befinden sich ausschließlich Bücher, deren Erstveröffentlichung im Original maximal zehn Jahr zurückliegt. Dadurch werden zwar Genreklassiker und Wiederentdeckungen wie „Die Toten schauen zu“ von Gerald Kersh (wäre sonst auf Platz Zwei gelandet, so viel sei verraten) ausgesiebt, aber ich halte es für wenig sinnvoll, den Status sowieso schon gefeierter Werke erneut zu bestätigen oder zu zeigen, wie viel besser alles früher war. Meine Top 10 ist vor allem dazu da, Neues zu entdecken. Doch Genug der Vorrede, hier kommt die Liste:

Platz 10 | Der anatolische Panther
Pilz Der anatolische Panther

© Haymon

Der Underdog hat sich durchgekämpft. André Pilz‘ Roman zeigt, dass man auch unverkrampft über aktuelle gesellschaftspolitische Themen schreiben kann, ohne dabei den Anspruch der Ernsthaftigkeit aufzugeben.Ein kluges, warmherziges, rasant erzähltes Buch voller großer Gefühle, das mit dem sympathischsten Protagonisten des Jahres aufwartet. In Zeiten, in denen die Rufe nach Mauern und Zäunen immer lauter werden, und man mit Hass Wahlen gewinnt, braucht es Literatur wie diese. „Wer entscheidet, wer wo leben darf? Zur Review.

Platz 9 | Die Mauer
Max Annas Die Mauer

© Rowohlt

Max Annas konstruiert erneut einen schnörkellosen Südafrika-Krimi. Wie schon beim Vorgänger „Die Farm“, wird man bei der Lektüre seines neusten Streiches das Gefühl nicht los, dass man gerade das Drehbuch eines noch nicht realisierten Actionfilms in den Händen hält. In „Die Mauer“ weitet der Autor die Kampfzone aus und verdichtet auf gewohnt reduzierte Weise die Verhältnisse seiner zweiten Heimat in einer Hetzjagd, die sich schließlich in literarischer Superzeitlupe auflöst. Dabei bewegt sich Annas fernab aller Konventionen, die den deutschen Krimi so häufig bieder und einfallslos wirken lassen, und feilt stattdessen weiter an seiner eigenen Vision von Genre. Groß! Zur Review.

Platz 8 | In den Straßen die Wut
Gattis Straßen der Wut

© Rowohlt

Was für ein Blockbuster! Als dieser ambitionierte Roman von Ryan Gattis hierzulande erschien, hatte sich der amerikanische PayTV-Sender HBO längst die Rechte an „All Involved“ gesichert, und auch wenn ich den deutschen Titel in diesem Fall – was selten vorkommt – stärker finde, warte ich seitdem so gebannt wie vergeblich auf die Realisierung des Projekts. Gattis‘ episodenhafter literarische Staffellauf durch ein Los Angeles im Ausnahmezustand schreit jedenfalls geradezu danach, verfilmt zu werden. Bis es soweit ist: Lest das Buch. Zur Review.

Platz 7 | Nackter Mann, der brennt
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© Suhrkamp

Seit ich Friedrich Ani auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse im Gespräch mit Elmar Krekeler erlebt habe, war klar, dass dieses Buch eine Sonderrolle im Werk des Autors einnehmen wird. Inwiefern es sich jedoch beispielsweise von seiner Tabor-Süden-Reihe unterscheidet, darüber ist man sich herrlich uneins. Das Wort „hardboiled“ fällt oft in diesem Zusammenhang, was, wie ich finde, nicht ganz den Kern trifft. Vielmehr ist „Nackter Mann, der brennt“ eine Variation des RapeandRevenge-Films, voller sakraler Elemente und natürlich getragen vom melancholischen Ton, der Anis Büchern immer schon anhaftet. Eine düstere Abrechnung mit denen, die sich an den Schwächsten in unserer Gesellschaft vergehen. Zur Review.

Platz 6 | Der Vergewaltiger
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© Pulp Master

1952 erschien „Der Mörder in mir“ von Jim Thompson, und die Kriminalliteratur war seitdem nie wieder dieselbe. Leserinnen und Leser befanden sich plötzlich im Kopf eines Kriminellen und konnten sich der Faszination, welche diese Erfahrung auf sie ausübte, nicht entziehen. 2016 (bzw. 2014) führt Les Edgerton dieses Experiment fort, nur gehört der Kopf diesmal einem intellektuellen Vergewaltiger, der in der Todeszelle auf seine Hinrichtung wartet. Dabei hinterfragt der Mann weniger seine Tat, die er offen zugibt, als vielmehr Logik, die hinter seiner Verurteilung steht – und damit die Vorstellungen und Werte der Gesellschaft selbst. Ein stellenweise unerträglicher Roman, den man nicht einfach liest, sondern mit dem man sich auseinandersetzt. Mit dem man kämpft. Und der genau deshalb unbedingt lesenswert ist. Review folgt.

Platz 5 | Blau ist die Nacht
McNamee Blau ist die Nacht

© dtv

2016 haben sich (zumindest gefühlt) so viele große Künstler von uns verabschiedet wie in keinem anderen Jahr zuvor. Trotzdem war der Todesfall, der mich am längsten beschäftigte, ein historischer. Eoin McNamee versucht im abschließenden Band seiner Trilogie um die Ermordung Patrica Currans  erneut Licht ins Dunkel der Ereignisse vom 12. November 1952 zu bringen. Sein Roman, der im Pulverfass Belfast spielt, nimmt die losen Enden und Unklarheiten des realen Falls auf und spinnt daraus eine faszinierende Erzählung. Atmosphärisch dicht und trotz der notgedrungen fehlenden Auflösung ungemein erhellend. Zur Review.

Platz 4 | Allesfresser
Lehmann Allesfresser

© Argument

Christine Lehmann ist die vielleicht eigen- und gleichzeitig beständigste unter den deutschen Krimautorinnen und Krimiautoren. Ihre Reihe um „Subkultur-Chamäleon“ Lisa Nerz ist einzigartig auf dem internationalen Buchmarkt, und erhält meiner Meinung nach viel zu wenig Anerkennung. Unbeeindruckt davon legt die Stuttgarterin mit „Allesfresser“ erneut einen hervorragenden Roman vor, der sich dem aktuellen Trendthema Veganismus kritisch nähert – und das mit einem Anspruch, der selbst Sachbücher alt aussehen lässt. Dabei bleibt sie bissig und unbequem wie immer und liefert ganz nebenbei eine der absurdesten Ausgangssituationen in einem Kriminalroman seit „Miami Blues“ von Charles Willeford. Zur Review.

Platz 3 | Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod
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© Blessing

Ob Gerhard Jägers Debüt überhaupt in die Kategorie Krimi gehört, darüber lässt sich trefflich streiten. Da ich aber seit Bestehen dieses Blogs die Grenzen des Genres immer sehr großzügig ausgelegt habe, und das Buch zum Besten gehört, was mir dieses Jahr unter die Augen gekommen ist, wollen wir mal nicht so sein. Dabei ist die Geschichte um einen alten Mann, der in den Archiven der Stadt Wien versucht, seinen Cousin vom Vorwurf des Mordes reinzuwaschen, und dabei immer tiefer in dessen Leben eintaucht, nicht mal sonderlich spektakulär. Aber die Sprache! Was der Debütant (!) Gerhard Jäger hier aufs Papier zaubert, muss sich vor Nichts und Niemandem verstecken. Scheinbar mühelos schreibt er sein Publikum schwindelig und zieht es immer stärker in den Schneesturm seiner Erzählung hinein. Von Null auf Weltliteratur in 399 Seiten. Review folgt.

Platz 2 | Der goldene Handschuh
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© Rowohlt

Der wahrscheinlich meistdiskutierte deutsche Roman des Jahres erschien bereits im Februar. Heinz Strunks Psychogramm des Frauenmörders Fritz Honka gehört zum abgründigsten, was die hiesige Literaturlandschaft seit Jahren hervorgebracht hat. Es ist ein Roman über die Verlorenen und Vergessenen, diejenigen, die sonst in den Regalen der Buchhandlungen und Bibliotheken keinen Platz finden, weil das pure Anerkennen ihrer Existenz schon ausreicht, um das allgemein vorherrschende Weltbild ins Wanken zu bringen. „Der goldene Handschuh“ steht in der Tradition von Autoren wie Bukowski und Céline und übt die selbe Art Faszination aus – jene, die mit einem Geschmack vom Galle im Mund einhergeht. Mutig, aber vor allem schmerzhaft gut. Zur Review.

Platz 1 | Zerrüttung
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© Polar

Aus dem Nichts auf die Eins. Als ich „Zerrüttung“ von Jon Bassoff zum ersten Mal in die Hand nahm, hatte ich keine Vorstellung von dem, was mich im Inneren erwarten würde – zumal ich den Autor nicht kannte. Die Düsternis, die mir beim Umblättern der Seiten entgegen schlug, verschlang mich sofort und vollständig, und spuckte mich erst Tage später wieder aus. „Zerrüttung“ ist ein hypnotischer, hintergründiger Roman, der sich konsequent jeder Erwartungshaltung verweigert und Jon Bassoff ein Autor, der sein Publikum wie ein Puppenspieler an den Fäden seiner Erzählung tanzen lässt. Nach der Lektüre taumelt man völlig orientierungslos durch die Gegend und wiederholt im Kopf immer wieder dieselbe Frage: Was war das denn? Zur Review.

Besonders auffallend finde ich, dass es 2016 so viele lesenswerte deutschsprachige Krimis gab – das Genre scheint hierzulande quicklebendig. Knapp an der Top 10 vorbeigeschrammt sind dieses Jahr Andrew Michael Hurley („Loney“), Franz Dobler („Ein Schlag ins Gesicht“), Benjamin Whitmer („Nach mir die Nacht“), Liza Cody („Miss Terry“) und Michael Koryta („Die mir den Tod wünschen“). Nicht zu vergessen die Romane von Gerald Kersh („Die Toten schauen zu“) und Stephen Hunter („Einsame Jäger“), die, wären sie im Original nicht bereits schon länger auf dem Markt, ganz oben mitgespielt hätten.

Zudem möchte ich noch einige Verlagen hervorheben, die sich dieses Jahr besonders um die Klassiker des Genres verdient gemacht haben: Rowohlt mit der wunderschön gestalteten Ausgabe der Werke von Cormac McCarthy, der Alexander Verlag mit der vollständigen Neuaflage der Hoke-Moseley-Reihe von Charles Willeford, und natürlich Pendragon, die uns James Lee Burkes Dave-Robichaeux-Romane wieder zugänglich machen. Zumindest in Sachen Kriminalliteratur darf also gerne alles so weitergehen wie im letzten Jahr.

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6 Gedanken zu “Meine 10 Lieblingskrimis 2016

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  3. Eine sehr feine Liste, die mich in die Bredouille bringt: An Bassoff führt wohl kein Weg vorbei, oder? Und auch Jäger und Edgerton (der eh fix eingeplant ist, wie jedes Pulpmaster-Buch eigentlich ;-)) hast du mir schmackhaft gemacht! Tja, und wenn du schreibst, dass Christine Lehmann zu wenig Aufmerksamkeit bekommt, macht mich das natürlich auch neugierig.

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    • Ja, Bassoff ist (vor allem für dich) ein Muss. Düsterer wurde es 2016 nicht. Am ehesten vergleichbar mit „Ein Kind Gottes“ von McCarthy oder den Büchern von Derek Raymond. Den Jäger liest man allerdings zu 90% wegen der Sprache, das ist wirklich virtuos, was er da macht. Unter klassischen Krimi-Aspekten ist das kein Must-Read. Edgerton hat man in zwei, drei Stunden durch, das ist mehr eine Novelle, und Lehmann – immer. Die ist wirklich einzigartig auf ihrem Gebiet, was aber nicht unbedingt jedem gefallen muss. In ihren Büchern steckt immer sehr viel Diskurs, aber gerade im neuen ist das wunderbar humorvoll verpackt.

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