„Ha! Ha! Said the Clown“

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© Suhrkamp

Dass hinter der gestriegelten Fassade amerikanischer Kleinstädte und Dörfer das Böse lauert, wissen wir alle. Stephen King hat es uns erzählt. Jim Thompson. Carsten Stroud. David Lynch hat auf dieser Erkenntnis aufbauend gar das Medium Fernsehserie revolutioniert. Und in Deutschland? Friede, Freude, Eierkuchen. Hier haben wir Regionalkrimis, die den Status Quo glasieren, damit die Fassade umso schöner glänzt. In diesen Büchern sind die Menschen nicht böse, nur ein bisschen eigen, und das auf so eine harmlos-liebenswürdige Art, dass man sie am liebsten mit der NS-Vergangenheit ihrer (Groß-)Eltern konfrontieren möchte, nur um eine authentische Gefühlsregung zu provozieren. So realitätsfern diese Art von Literatur auf den ersten Blick auch wirken mag, so realitätsnah erscheint sie auf den zweiten. Dort wo jeder jeden kennt und man sich ständig über den Weg läuft, ist man irgendwann zu der stillen Übereinkunft gekommen, Kuschel- statt Konfrontationskurs zu fahren. Was hinter verschlossenen Türen und an abgelegenen Plätzen passiert, geht niemanden etwas an. Friedrich Ani zerrt es in „Nackter Mann, der brennt“ ans Tageslicht.

„Gefällt’s Ihnen?“ „Sehr.“ „Gute Wahl, Herr Dragomir. Einen schönen Flecken Erde hat der Herrgott uns geschenkt.“ Ich kramte nach Ironie in seinen Sätzen. Da war keine.

Ein Mann kommt ins fiktive Heiligsheim. Sein Name ist Ludwig Dragomir, sagt er. Er und seine Eltern hätten, als er noch klein war, in dem Dorf oft Urlaub gemacht, und jetzt, da er die Fünfzig hinter sich gelassen habe, ziehe es ihn wieder dorthin zurück. Wegen all der schönen Erinnerungen, sagt er. Kurz nach seiner Ankunft stirbt ein Apotheker. Ein anderer Mann verschwindet. Eine Kommissarin taucht auf, stellt Fragen. Doch Ludwig Dragomir lässt sich nicht anmerken, was er wirklich vorhat, wer er wirklich ist: Ein dem Kindesalter mehr entrissener als entwachsener Junge in Gestalt eines wütenden Mannes, der einst auf Gott und die Menschen vertraute, und heute mit dem bitteren Wissen leben muss, dass er im Irrtum war. Seine Freunde wurden von den Männern des Dorfes missbraucht. Systematisch. Er selbst auch. Nun ist der Tag der Abrechnung gekommen.

Lange Zeit hatte ich die katholische Kirche – das Gebäude ebenso wie die Geschichten der Bibel – als einen Zufluchtsort empfunden, eine Bleibe außerhalb der Dunkelheit, erfüllt vom magischen Zauber des Tabernakels und der Unbeirrbarkeit des Ewigen Lichts.

„Nackter Mann, der brennt“ liest sich wie ein Befreiungsschlag. Das liegt natürlich an der Geschichte, die Friedrich Ani uns hier erzählt, aber zu einem nicht unerheblichen Teil auch an dem für ihn eher ungewöhnlichen Stil. Der Plot erinnert beispielsweise an Rape-and-Revenge-Filme – Filme, in denen auf eine Vergewaltigung ein Racheakt folgt, der meist durch das Opfer selbst, manchmal aber auch durch ihm nahe stehende Personen vollzogen wird. Ähnlich wie Regisseur Gaspar Noé („Irreversible“) dreht Ani jedoch den Ablauf um: Wir erfahren direkt zu Beginn von den Racheaktionen Ludwig Dragomirs, was ihnen zugrunde liegt wird jedoch erst nach und nach deutlich. Relativ neu ist es aber in jedem Fall, dieses Erzählmuster auf das Thema Kindesmissbrauch anzuwenden. Der Ire Seamus Smyth hat dies vielleicht als einer der Ersten in seinem Roman „Spielarten der Rache“ getan. Ungewöhnlich für Friedrich Ani ist auch der Stil: Die Sprache ist ein Gemisch aus sakraler Epik, melancholischer Lässigkeit, dem dunklen Witz des hardboiled-Krimis und Anis ganz eigenem, unverwechselbaren Ton.

In der Nacht vor meinem fünfzigsten Geburtstag hatte die lautlose Erschütterung begonnen, ein Aufstand der Geräusche aus dem Maschinenraum meiner eisern behaupteten Existenz.

Ludwig Dragomir hat lange Zeit erfolgreich verdrängen können, dass er einmal ein Junge namens Coelestin gewesen ist. Als seine Welt in jungen Jahren einstürzte, und große Teile seines Selbst unter sich begrub, macht er sich nicht die Mühe, die Trümmer beiseite zu räumen. Die Angst war zu groß, die Realität, die er dort vorgefunden hätte, zu schrecklich. Er ging aus seiner Heimat fort und erschuf sich neu. Doch im hintersten Winkel seiner Psyche lauerte das gebrochene Kind, und als es schließlich hervortrat, wurde er erneut ein Anderer. Wurde ein Werkzeug der Rache, das Gottes Zorn unter die Menschen trägt, um sie aus ihrem Elend zu befreien. Interessant ist in dieser Hinsicht auch die Namensgebung. Die Zerrissenheit des Protagonisten ist dort nämlich bereits angelegt: Der Name Ludwig kommt aus dem Altdeutschen und lässt sich mit „berühmter Krieger“ übersetzen, während Dragomir aus dem Slawischen stammt und in etwa „Der, dem der Frieden teuer ist“ bedeutet. Nimmt man noch den Namen Coelestin – vom lateinischen coelestis, „himmlisch“ oder auch „göttlich“ – hinzu, hat man bereits eine Vorstellung davon, wie es im Inneren von Anis Figur aussieht.

Gelobt sei Jesus Christus, dachte ich, bekreuzigte mich und öffnete die Tür zur Abstellkammer, in der mein Gast geduldig seine Angst ausbrütete. Er starrte mich an, und ich schloss die Tür wieder. Der Tag versprach mir zu gefallen.

Friedrich Ani hat sich in seinem umfassenden Werk immer wieder mit dem Thema Kindesmissbrauch beschäftigt. Er tat es immer sanft, behutsam, mit dem Fingerspitzengefühl, das der Brisanz der Sache angemessen schien. Häufig haben sich daraufhin Betroffene bei ihm gemeldet und ihm ihre Geschichte erzählt, immer tiefer ist er in den Abgrund hineingestiegen, wo er neben unvorstellbar großer Trauer auch jede Menge Wut fand. Wut, die aus einem Gefühl der Ohnmacht heraus entstand. Wut, die sich in „Nackter Mann, der brennt“ Bahnen bricht. Im Gespräch mit Elmar Krekeler auf der Frankfurter Buchmesse sagte er im letzten Jahr, er habe den Dörfern Oberbayerns mit diesem Buch ein Denkmal setzen wollen. Immerhin handle es von den Themen, die das Leben dort bestimmen: „Fußball, Kirche, Kindesmissbrauch.“ Eine zynische Bemerkung, die unglaublich traurig stimmt – und Anis Roman damit bestens beschreibt.

„Nackter Mann, der brennt“ ist bei Suhrkamp als Hardcover erschienen. Weitere Informationen zum Buch findet ihr auf der Verlagsseite.

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