„Der Mensch ist ein schönes, böses Tier“

Fest der Finsternis von Ulf Torreck

© Heyne

Paris im Jahre 1805: Die Französische Revolution ist vorüber, der Blutdurst der Guillotinen scheint gestillt, die Ordnung wiederhergestellt. Da tauchen in den stinkenden Gassen der Weltmetropole nach und nach die Leichen junger Frauen auf. Inspektor Marais, der hunderte Kilometer weiter westlich, in der pestgeplagten Bretagne den Verlust seiner Frau und seines Sohnes beklagt, wird vom Polizeipräfekten persönlich in die Hauptstadt bestellt,  um sich der mysteriösen Mordfälle anzunehmen. Doch es gibt Dinge, die auch einen erfahrenen Mann wie Marais überfordern. Unterstützung sucht er sich ausgerechnet in der Nervenheilanstalt von Charenton, wo der vielleicht berühmteste, mit Sicherheit aber berüchtigste Schriftsteller Frankreichs festgehalten wird: Der Marquis de Sade. Gemeinsam nehmen die beiden ungleichen Partner die Ermittlungen auf, und es dauert nicht lange, bis sie sich einem Netz aus ungeheuerlichen Geschichten um okkulte Riten und einen geheimen Satanistenorden verfangen haben, das vom Hinterzimmer eines Bordells bis in die höchsten Kreise der Macht reicht.

Der Gestank, der wie eine fettige Wolke über der Stadt hing, gehörte zur Stadt wie die Sonntagsmessen zu Notre-Dame, und eine Erkältung zum Winter. Aber furchtbarer als der Gestank war die absolute Finsternis der Vorstädte. Kerzen waren Luxusgut für arme Leute. Was es hier im Überfluss gab, war das Elend, war jedes Jahr ein neues Kind, war der frühe Tod jener Kinder, waren der Husten, die Bitterkeit und der billige Fusel.

Fest der Finsternis“ von Ulf Torreck ist schwer zu fassen, aber eines ist der Roman mit Sicherheit: Unkonventionell. Wir haben es hier mit einem historischen Roman zu tun, der vollständig vom Geist der Epoche, in der er spielt, beseelt ist, bei dem sie nicht nur als Bühnenbild fungiert, sondern auch in der Sprache und dem Weltbild der Figuren, in jeder einzelnen Zeile, die der Autor zu Papier bringt, Ausdruck findet.  Wir haben es hier aber auch mit einem blutigen Thriller zu tun, der munter Elemente des Serienkiller-Romans mit der Ästhetik einer gothic novel vermischt, der sich an einigen Stellen am Rande der Groteske bewegt, nur um im nächsten Absatz mit der politischen Realität des post-revolutionären Frankreichs anzubändeln. Das wirkt manchmal etwas aufgedreht und funktioniert nicht immer reibungslos, trägt im Endeffekt jedoch eher zum Charme des Romans bei, als dass es diesem schaden würde.

„Irgendetwas riecht hier seltsam“, bemerkte Marais. „Das ist der Mief kleingeistiger Prüderie, mein Lieber. Man wundert sich ja, dass ausgerechnet Sie ihn nicht sofort erkannt haben“, entgegnete de Sade.

 Apropos charmant: Trotz vieler falscher Fährten und zahlreicher Wendungen wird „Fest der Finsternis“ vor allem von den beiden Protagonisten getragen. Der religiöse Marais, der gerade die Theodizée-Frage für sich entdeckt, und der stetig furzende Libertin de Sade geraten ununterbrochen aneinander, und aus den vordergründig banalen Streitereien entwickelt sich bald eine Diskussion über die grundlegende Beschaffenheit des menschlichen Wesens und den Sinn seiner Existenz. Besonders gelungen ist auch die verdrehte Referenz an Thomas Harris‘ „Das Schweigen der Lämmer“: Während der körperlich harmlos wirkende Anstalts-Insasse de Sade aufgrund seiner Freigeistigkeit als „Monstrum“ bezeichnet wird, ist es doch die körperliche Gewalt von Männern wie Marais, die unserem heutigen, humanistisch geprägten Weltbild zuwider läuft und damit unmenschlich wirkt. Dass es trotzdem der Marquis ist, vor dem sich alle fürchten, lässt sich nicht nur als Nachwirkung eines aufklärerischen Traumas lesen, sondern als Kommentar auf jede Art von Herrschaftsbestreben, überall und zu jeder Zeit.

„[W]as mich daran auf einer anderen, vielleicht intellektuellen Ebene […] interessiert hat, war der Gedanke, dass es auch so etwas wie eine dunkle Aufklärung gegeben hat. Dieses Aufklärungsideal, ‚edel sei der Mensch, wahrhaft und gut‘ ist ja ein schönes Programm, hat uns auch alle weitergebracht, aber so ist der Mensch nicht. Nicht nur.“ (Ulf Torreck)

Ärgerlich ist, dass man an einigen Stellen im Buch das Gefühl hat, diese hätten nie ein Lektoratsbüro von innen gesehen.  Wenn die stumme Silhouette, die sich mittels kursiv gesetzter Blocknotizen unterhält, plötzlich in Anführungszeichen „spricht“ beispielsweise. Wenn in einigen wenigen Absatz eine fast identische Formulierung aus dem jeweils vorigen Absatz übernommen wird. Oder wenn Sätze wie dieser hier anstandslos abgenickt werden: „Woran Marais sich für den Rest seines Lebens erinnern würde, war das Gesicht des Generals [Subjekt], das eben noch abschätzig lächelte [Gesichter lächeln nicht, Menschen lächeln], aber dessen Kopf [streng genommen bezieht sich das Folgende auf den Kopf des Gesichts … ] dann von einer blutroten Wolke umhüllt wurde, die wie eine groteske Blüte plötzlich aus der Stirn des Generals entsprang.“ Mal abgesehen davon, dass auch die Metapher sicher nicht die glücklichste ist, dürfen solche Schnitzer einem Verlag wie Heyne eigentlich nicht unterlaufen. Und Sätze wie „Auf dem kleinen Tisch bei der Tür stand schmutziges Geschirr und eine leere Flasche Wein. Und zwar waren es zwei Gedecke und zwei benutzte Gläser“ sind formal natürlich nicht falsch, aber gehörten, ebenso wie besagte Gläser, vielleicht ein wenig poliert – wenn wir schon mal bei missglückten Metaphern sind.

„Theater, mes amis!“, hatte de Sade ausgerufen. „Was die Welt braucht, ist Theater, je grotesker, umso glaubwürdiger! Erst recht in Zeiten wie diesen, wo keiner dem andern auch nur das Schwarze unter den Fingernägeln gönnen will und jedermann in Paris glaubt, dass die Welt am Abgrund steht, falls den Kaiser mal ein Schnupfen plagt!“

Zum Glück können diese kleinen Mängel den Gesamteindruck nur unmerklich trüben. „Fest der Finsternis“ ist, wie der Marquis es nenne würde, ganz großes Theater. Ein komplexes, rauschhaftes Stück Literatur, dem kein bisschen von der Biederkeit anhaftet, die man mit der deutschen Krimilandschaft so häufig verbindet, und dass sich bei all dem Irrsinn, dem es Raum zur Entfaltung gibt, am Ende selbst erdet. So ist es auch nicht verwunderlich, dass man nach der Lektüre trotz der unzähligen Assoziationen, die sich beim Lesen mal aufdrängen, mal leise anschleichen, nichts findet, womit sich die Leseerfahrung vergleichen ließe. Ulf Torreck hat, dem berühmten Reißbrett zum Trotz, aus den unterschiedlichsten literarischen Traditionen ein äußerst eigenständiges, manchmal auch widerspenstiges Werk geformt. Bleibt zu hoffen, dass der erzählerische und verlegerische Wagemut belohnt wird. Deshalb: Kauft, lest, und staunt. Die Reihenfolge bleibt euch überlassen.

„Fest der Finsternis“ von Ulf Torreck ist bei Heyne als Klappenbroschur erschienen. Die Vorgeschichte zum Roman, „Vor der Finsternis“, ist als Ebook erhältlich. Ein Interview mit dem Autor findet ihr hier.

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3 Gedanken zu “„Der Mensch ist ein schönes, böses Tier“

    • Wenn der – mutmaßlich jedem Korrektor und Lektor bekannte (soviel Allgemeinwissen unterstelle ich diesen Berufsgruppen) – Bois de Boulogne mehrmals als Boie der Bologne, dann als Bois de Bologne gedruckt wird, zeugen diese Schludigkeiten m.E. von der Respektlosigkeit des Verlags gegenüber den Lesern. Dass sich Fehler einschleichen, das kann passieren. Als Kunde hätte ich gern ein weitgehend fehlerfreies Produkt, damit ich keine gute „Mine“ zum bösen Spiel machen muss.
      KLASSE INHALT! GROSSES LOB DEM AUTOR!

      Gefällt 2 Personen

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