Dobler in Cannstatt: Zehn Fakten

IMG_1565Die Stadtteilbibliothek Bad Cannstatt versprüht diesen gewissen Tennissocken-Charme: Regale in der Farbe von billigem Zahnersatz, Licht, bei dem man froh ist, dass nirgendwo Spiegel hängen und ein Teppichboden, dessen Borsten man selbst durch die dickste Schuhsohle zu spüren glaubt. Die warme Weinschorle für einen Euro rundet den Gesamteindruck ab und macht ihn geschmacklich erfahrbar. Aber man ist ja wegen Franz Dobler hier. Zumindest theoretisch.

Denn als der Autor den Saal betritt, bemerkt das kaum jemand, und im Laufe des Abends soll sich der Eindruck erhärten: Ein Großteil der Anwesenden weiß nicht, worauf sie oder er sich da einlässt. Bereits nach dem ersten Leseblock verschwinden einige Besucher, und als Dobler dann mit Moderator Thomas Klingenmaier einen grandiosen Nerd-Talk über Country-Musik, die Schnittstelle zwischen Heimat- und Pornofilm sowie, logisch, die Untiefen der Kriminalliteratur beginnt, wird hier und da demonstrativ auf die Uhr geschaut. Wer dagegen zuhörte, konnte Interessantes über den Autor, sein Werk und die Welt jenseits dieses trostlosen Raumes erfahren. Zehn Dinge sind mir besonders im Gedächtnis geblieben:

  1. Der skandinavische Krimi ist der Feind.
  2. Unter meinem ersten Buch stand Roman, aber mir war klar, dass man es bei den Krimis einsortieren würde. Beim zweiten stand dann Kriminalroman drunter, und beim dritten… das weiß ich noch gar nicht.“ Ha!
  3. Die österreichische Bundespolizei trägt Glock.
  4. Die Idee für Franz Doblers Fallner-Krimis „Ein Bulle im Zug“ und „Ein Schlag ins Gesicht“ entstand einerseits aus einer Kurzgeschichte am Ende seiner Biographie über Johnny Cash, und einer weiteren Idee, nämlich der zu einem Drehbuch, dass er für einen befreundeten Regisseur schreiben, und in dem Zugfahren eine wichtige Rolle spielen sollte.
  5. Den Film „Unterm Dirnd wird gejodelt“ muss man nicht annähernd zu Ende schauen um zu wissen, wohin die Reise geht. Sagt Franz Dobler.
  6. Die Figur der Simone Thomas ist nicht erfunden“, sie wurde aus den Biographien verschiedener real existierender Frauen zusammengeschraubt.
  7. Der viel zitierte „Dobler-Sound“ entsteht eher beim Lesen, als beim Vorlesen.
  8. Als Simone Thomas zum ersten Mal auf Robert Fallner trifft, sagt sie „Sie gefallen mir. Sie gefallen mir sehr.“ Das sagte auch Romy Schneider 1974 zu Burkhardt Driest in der Talkshow „…je später der Abend“ – und, wie Franz Dobler beim Vorlesen bemerkte, es handelt sich dabei um den einzigen Querverweis, der im umfangreichen Anhang von „Ein Schlag ins Gesicht“ nicht aufgelistet wurde.
  9. Die wenigsten Schwaben wissen, worauf es bei einer Weißweinschorle ankommt, oder haben zumindest keine Lust, ihr Wissen anzuwenden.
  10. Franz Dobler ist ein bescheidener Mann.

Am Ende, als die verbliebenen Zuschauer ihre leeren Gläser bereits seit über einer Stunde warmgedrückt hatten, signierte Franz Dobler seine Bücher. Kaum jemand ist so lange geblieben, kaum jemand hat sich nach der Lesung noch am Büchertisch bedient. Man kam vor lauter Kopfschütteln gar nicht dazu, sich deswegen elitär zu fühlen. Klar: Literatur-Festivals wie die Stuttgarter Kriminächte laden dazu ein, auch abseits der eigenen Lesegewohnheiten Veranstaltungen zu besuchen. Man hat ja schließlich ein Abo. Und vielleicht, aber auch nur vielleicht hat Franz Dobler ja an diesem Abend ein, zwei neue Fans hinzugewonnen. Es wäre ihm zu wünschen.

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Ein Gedanke zu “Dobler in Cannstatt: Zehn Fakten

  1. Das ist natürlich ärgerlich, wenn der Großteil des Publikums mit dem Autor nicht viel anfangen kann. Dobler ist natürlich auch ein spezieller Vertreter des Genres, aber ich würde mich im Vorfeld einer solchen Veranstaltung definitiv mal mit dem Autor beschäftigen. Aber es scheint nicht der Normalfall zu sein. Bei der Lesung mit Garry Disher wurde ich auch direkt erstaunt angesprochen, weil ich ihm eine Frage zu seiner anderen Reihe stellte, die nicht Teil der Lesung war.

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