„I wish I was in Carrickfergus“

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© Suhrkamp

Wenn man von Belfast aus auf dem M5 Richtung Norden fährt, und die Irische See zur Rechten irgendwann von einer Tankstelle, einer Autowerkstatt und einem Brautmodengeschäft abgelöst wird, dann hat man nur noch einige hundert Meter vor sich, bis es in Sichtweite kommt: Carrickfergus Castle. Grauer Stein, runde Türme, über achthundert Jahre irische Geschichte vor der schäumenden Gischt des Belfast Lough. Hätte ich im März letzten Jahres schon gewusst, dass der Mann, wegen dem ich in die Stadt gekommen war, bald ein Buch schreiben würde, das teilweise innerhalb dieser Mauern spielt, hätte ich vielleicht die fünf Pfund für den Eintritt locker gemacht. Hätte das massive Fallgitter begutachtet. Hätte mir das Mörderloch etwas genauer angesehen. Hätte nach dem Kerker gefragt. Und ganz sicher hätte ich überlegt, ob es einen Möglichkeit gibt bei geschlossenem Tor aus dieser Festung zu entkommen. Wie heißt es so schön: Hätte, hätte, Beweismittelkette.

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Immer Ärger mit Duffy

Carrickfergus, 1987. Sean Duffy im Wechselbad der Gefühle. Erst hat er Muhammad Ali die Hand geschüttelt, dann hat seine Freundin ihn verlassen, und jetzt liegt auch noch die englische Reporterin, die ihn über letzteres hinwegtrösten sollte, tot auf dem Innenhof von Carrickfergus Castle. Sie muss sich nach einer Führung am Tag zuvor dort versteckt haben, bis der Hausmeister am Abend das Tor schloss. Dann hat sich wahrscheinlich die Mauer hinuntergestürzt. Eigenartig. Die Dame war Duffy gar nicht wie jemand vorgekommen, der sich umbringen möchte – und mal ehrlich, so schlecht war seine Anmache nun auch wieder nicht. Außerdem: Wie wahrscheinlich ist es, dass ausgerechnet er es schon zum zweiten Mal im Laufe seiner Karriere bei der Royal Ulster Constabulary mit einer waschechten locked room mystery zu tun bekommt? Eben. Ermitteln muss er natürlich trotzdem. Und mit jeder weiteren Spur, die ins Leere führt, mit jedem weiteren Fingerzeig Richtung Selbstmord, wächst sein Misstrauen. Mit Autoritäten ist Sean Duffy noch nie so recht warm geworden, und die gute alte Wahrscheinlichkeit bildet da nun mal keine Ausnahme.

Für Sie sind die Achtziger die siegreiche Thatcher, die geschlagenen Argentinier, Öl in der Nordsee, Gewerkschaftszerschlagung, Reagan und Thatcher im Wechselschritt. Für Sie, aber nicht für uns. Für uns sind die Achtziger Helikopter, tief hängende Wolken, Soldaten, verwirbelnde Aschewolken über der großen, grauen, sterbenden Stadt.

Adrian McKintys Reihe um Detective Inspector Sean Duffy vom Carrickfergus RUC ist im wahrsten Sinne des Wortes ausgezeichnet: Für Der katholische Bulle (Cold Cold Ground) gab es den Spinetingler Award, für Die Sirenen von Belfast (I Hear The Sirens In The Street) den Barry, für Band Nummer Drei, Die verlorenen Schwestern (In The Morning I’ll Be Gone), heimste McKinty den Ned Kelly Award ein. Gun Street Girl und Rain Dogs brachten ihn auf die Shortlist des renommierten Edgar, und der neue, Police At The Station And They Don’t Look Friendly, hat alleine schon des Titels wegen einen Preis verdient – den er Autor fairerweise mit Tom Waits teilen sollte, der, wie Ihnen sicherlich bereits aufgefallen oder zu Ohren gekommen ist, für die Originaltitel der Reihe Pate stand. Sprich: Adrian McKinty ist der neue Shooting Star des irischen Kriminalromans. In seiner ehemaligen Heimatstadt ist das allerdings noch nicht wirklich angekommen.

Von unauffindbaren und vergessenen Büchern

Im Tourismuszentrum von Carrickfergus finden sich jede Menge Bücher. Die meisten beschäftigen sich mit dem Osteraufstand, der sich 2016 zum hundertsten Mal jährte. Der Rest erzählt vornehmlich von der Schlacht um Carrickfergus im Neunjährigen Krieg, einige wenige Bücher auch von den Troubles. Als ich die nette ältere Dame, die hinter dem Pult in einem Terminkalender blättert, nach Romanen aus der Gegend frage, sucht sie mir in einem gut fünfminütigen Rundgang durch den Laden ganze drei Bücher zusammen. Allesamt historische Schinken. McKinty? Kennt sie nicht. Der örtliche Buchladen? Existiert nicht. Enttäuscht streife ich noch ein wenig länger durch Carrickfergus, such nach Sehenswertem, frage hier und da nach dem vielleicht berühmtesten Spross der Stadt und schaue Stirn nach Stirn beim Runzeln zu. Der Rest ist Tristesse. Spätestens als Carrickfergus im Rückspielgel verschwindet wird mir klar, warum McKinty in Australien lebt. Vielleicht liegt es aber auch an den damaligen Zuständen.

Apropos: Adrian McKinty ist bei Weitem nicht der Erste, der den Nordirlandkonflikt literarisch verarbeitet. Zeitweise waren Kriminalromane, die sich dieses Sujets – wenn auch meist oberflächlich – annahmen derart im Trend, dass man sich genötigt sah, für sie einen eigenen Begriff einzuführen. Der trouble trash war geboren. Die ersten Werke dieses zweifelhaften Subgenres, darunter Martin Waddells Come Back When I’m Sober, erschienen bereits 1969. Nachschub kam bis Mitte der 70er größtenteils aus England oder der Republik, dann entdeckten auch die Franzosen das Thema für sich. Am bekanntesten dürfte in diesem Zusammenhang Ah ça I.R.A.! von Jean-Gérard Imbar sein, dass 1947 in der legendären Série Noire bei Gallimard erschien. Im englischsprachigen Raum waren es vor allem die Bücher eines Jack Higgins, die ein breites Publikum fanden. Auch der Meister des britischen Politthrillers, Gerald Seymour, dessen aktueller Roman Vagabond bald bei Suhrkamp erscheint, hat das Thema mehrere Male bearbeitet. Trotz der damals großen Popularität sind die meisten dieser Bücher heute vergessen. Um dem entgegenzuwirken, hat die University of Ulster einen Katalog mit einigen Hundert Werken zusammengestellt. Die Romane McKintys fehlen darin – so wie alles andere, was nach 2002 erschienen ist.

„Der Bogen des moralischen Universums ist weit, Sir, aber er neigt sich zur Gerechtigkeit.“ „Ist das wirklich so, Duffy?“ „So sagt man, Sir.“ „Man war wohl noch nicht in Nordirland, oder?“

McKintys Romane unterscheiden sich stark vom Gros des trouble trash. In ihnen ist der Nordirlandkonflikt nicht nur Kulisse, sondern Determinante und subversiver Kern zugleich. DI Sean Duffy ist trotz unzähliger Ermittlungen, die ihn häufig bis vor die Tore der Mächtigen führen, mehr Beobachter als Gestalter des Zeitgeschehens. Er kommentiert rückblickend, ordnet ein, stellt Zusammenhänge her, die oftmals bis in die Gegenwart reichen. Als einziger Katholik in einem Haufen uniformierter Protestanten ist er dafür prädestiniert. Und als würde das nicht ausreichen, zieht McKinty die Ambivalenzschraube von Buch zu Buch weiter an: In Die verlorenen Schwestern erfahren wir, dass Duffy eigentlich gerne zur IRA gegangen wäre. In Gun Street Girl steht er wiederum kurz davor, zum britischen Geheimdienst zu wechseln. Zwischen allen Stühlen tanzt DI Sean Duffy mit dem Konjunktiv, ohne sich dabei anzumaßen, der verfahrenen Situation in seiner Heimat irgendetwas entgegensetzen zu können. Er macht einfach nur seinen Job. Und so scheint es konsequent, dass die Troubles in Rain Dogs erstmals stark in den Hintergrund rücken – nur um am Ende doch wieder das letzte Wort zu haben.

Man nehme …

Es sind die Alltäglichkeit der Gewalt, die Machtlosigkeit des Einzelnen und das daraus resultierende Gemisch aus Depression und zunehmender Gleichgültigkeit, die das Gerüst aller Sean-Duffy-Romane bilden. Doch es ist die Art, wie Adrian McKinty die Zwischenräume ausfüllt, die sie ebenso zugänglich macht wie aus der Masse hervorhebt. Und die vor allem anderen dafür sorgt, dass auch Rain Dogs wieder blendend funktioniert:

Die erste Zutat: Ein Gemisch aus Pop- und Hochkultur. Egal ob ein ausgebranntes Auto einer „Skulptur, die J.G. Ballard wohl gefallen hätte“ ähnelt, Duffy mit Kinderschändern über klassische Komponisten philosophiert oder die musikalischen Verbrechen der 80er Jahre aus dem Autoradio dröhnen – jedes einzelne Buch ist ein Füllhorn aus Zitaten und Kommentaren.

Die zweite Zutat: Persönlichkeiten der Zeitgeschichte. John DeLorean, Robert Kennedy, Maggie Thatcher – Duffy ist immer in der Nähe der Reichen, Schönen und Mächtigen, ohne je so richtig mit ihnen warm zu werden. In Rain Dogs finden Box-Legende Muhammad Ali und BBC-Moderator Jimmy Savile ihren Weg in seine Sammlung. Letzteren sollte man, sofern man ihn noch nicht kennt, jetzt lieber nicht nachschlagen. Spoileralarm.

Die dritte Zutat: Das Wissen um die Tradition, in der die Romane stehen. Wie alle großen hardboiled-detectives hat Sean Duffy seinen eigenen Drink. Angelehnt an Chandlers Philipp Marlowe, der in The Long Goodbye die klassische Gin-Variante bevorzugt, hat sich McKinty für den Vodka Gimlet entschieden. Doch seine Verneigung vor dem Genre hört natürlich bei diesem Detail noch lange nicht auf. In Die verlorenen Schwestern, Duffys erster Begegnung mit einer locked room mystery, ziehen die Polizisten Krimi-Klassiker zu Rate, um der Lösung des Rätsels näher zu kommen, und in Rain Dogs hört der von allen geliebte Polizeichef von ganz Eeast Antrim auf den wunderschönen Namen Ed McBain.

Die vierte Zutat: Sich wiederholende Abläufe. Der routinemäßige Suche nach einer Autobombe unter dem BMW, die zwei Frauengeschichten pro Buch, die Hartnäckigkeit, mit der Duffy seine Fälle angeht und die bösen Jungs immer zu fassen kriegt, und die den politischen Umständen geschuldete Sicherheit, mit der sie ihm meistens wieder entwischen.

„Was ist mit dem Mordfall? Hat sich das am Ende aufgeklärt?“ „Wir haben herausgefunden, wer es getan hat. Das findet man in Irland immer irgendwann heraus.“ „Aber …?“0 „Aber man kriegt sie nie dafür dran.“

Rain Dogs ist mehr als die Summe dieser Zutaten. Denn auch wenn die Troubles nicht mehr im Mittelpunkt des Geschehens stehen – das Klima, dass sie erzeugen, und das Unrecht, dass in ihm gedeihen kann, tun es mit Sicherheit. Wer einmal in Nordirland war, der weiß, dass der Konflikt für viele immer noch ein Tabuthema ist. Man hat ihn teilweise erfolgreich dadurch bekämpfen können, dass man ihn ignoriert hat, wo es nur ging. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass McKintys Romane in seiner Heimat nicht sonderlich populär sind. In Rain Dogs kommt zu allem Übel auch noch um die Mutter aller Tabuthemen hinzu: Kindesmissbrauch. Interessant ist, dass er dafür – wenn auch maximal kurz – auf das theoretische Werk von Nils Christie zurückgreift. Dieser vertrat unter anderem die These, dass es  im Grunde überhaupt kein Verbrechen gäbe. Verbrechen sei nur die Tabuisierung von Verhaltensweisen durch jene, welche die moralische Deutungshoheit innehaben. Eine These, die sich exemplarisch auf alles anwenden lässt, was während den Troubles in Nordirland passiert ist, vor allem aber auf die Art und Weise, wie dagegen vorgegangen wurde.

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Ich fahre zurück nach Belfast. Der Stadt, die Adrian McKinty und sein Kollege Stuart Neville im Vorwort zu der Anthologie Belfast Noir als „the noirest city on earth“ beschrieben haben. In einem Buchladen finde ich tatsächlich die ersten beiden Bände der Sean-Duffy-Reihe. Gut gelaunt steige ich in ein Taxi. Es ist nicht irgendein Taxi. Der Fahrer, Patrick, ist bekennender Republikaner und fährt mich zu den zentralen Orten des Nordirlandkonfliktes, erzählt haarsträubende Geschichten und ist dabei von so tiefer Traurigkeit erfüllt, dass ich ihn am liebsten in den Arm nehmen würde. Am Ende unserer Tour fällt sein Blick auf meine Bücher, und ich erzählte ihm von dem Autor, dem ich mein Interesse für die irische Geschichte zu verdanken habe. Adrian McKinty? Kennt er nicht. Er liest auch keine crime fiction. Muss man im Belfast gar nicht. Stattdessen erzählt er mir von Michael Stone, der vor einigen Jahren bis an die Zähne bewaffnet in die City Hall stürmen wollte, nur um dann vor Gericht zu beteuern, es habe sich um performance art gehandelt. Dessen Autobiographie lese er gerade. Und wenn ich wirklich etwas über die Troubles und den RUC erfahren wolle, hätte er genau das richtige Buch für mich: Into The Dark von Johnston Brown. „Die Realität schlägt alles“, sagt er, bevor er mir zum Abschied die Hand gibt. Dann ist er verschwunden.

Den neuen McKinty habe ich trotzdem gelesen. Und war erst einmal entsetzt. Eine Burg? Ein Rätsel? Eine … Katze? Ja, ich bin wirklich darauf reingefallen. Der Arschtritt, mit dem Duffys Vorgesetzter schließlich den Teppichtiger aus dem Revier, und mit ihm den üblen Geruch vor sich hin faulender Klischees aus dem Roman befördert, tut nicht nur wahnsinnig gut, er ist auch eine Ansage an Kritiker und Konkurrenz: Das hättet ihr wohl gerne.

“Rain Dogs” von Adrian McKinty ist bei Suhrkamp als Klappenbroschur erschienen. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Peter Torberg. Mehr Informationen zum Buch findet ihr auf der Seite des Verlags.

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Ein Gedanke zu “„I wish I was in Carrickfergus“

  1. Na, das nenne ich mal eine äußerst gelungene Besprechung. Chapeau! Da steckt genug drin, um mich gleich nach mehreren Dingen im Internet suchen zu lassen. Und die ohnehin schon große Vorfreude auf McKinty ist noch ein bisschen größer geworden.

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