Hagelkörner #3

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Jetzt war der Abschied trotz kurzer Unterbrechung doch länger als gedacht. Die Berge von Arbeit, hinter denen ich die letzten Monate verschwunden bin, zeichnen sich immer noch als stattliche Hügel vor der Krimilandschaft ab und versperren mir den Zugang. Spannende Bücher sind in der Zwischenzeit erschienen, die ich gerne gelesen hätte. Tagungen, Lesungen und Diskussionen fanden statt, an denen ich gerne teilgenommen hätte. War leider nicht möglich. Doch ab und an, wenn ich eigentlich hätte sonstwas tun sollen, trieb mich die Neugier ans Bücherregal. Nach und nach zog ich Krimis heraus, die schon viel zu lange dort hatten ausharren müssen – und schrieb ein paar Sätze dazu:

Effenhauser Brand

© Transit

1985. Reagan und Gorbatschow treffen sich in Genf, und der Rest der Welt atmet leise auf. Etwa zur gleichen Zeit wird in Mexiko ein russischer Kernphysiker erschossen. BKA-Sonderermittler Alwin Heller unterstützt die Behörden vor Ort bei der Aufklärung des Falls, der schließlich als Drogendelikt abgestempelt in der nächstbesten Schreibtischschublade verschwindet.

1986. Heller ist kurz davor Vater zu werden, während man hunderte Kilometer entfernt, nahe der ukrainisch-weißrussischen Grenze, einen Stromausfall simuliert. Es folgen zwei Katastrophen.

1992. Die Sowjetunion liegt in Trümmern. Der mühsame Wiederaufbau fördert vieles zutage, was im Verborgenen hätte bleiben sollen. Hier eine Notiz, da eine Akte, vorgehaltenen Hände, hinter denen Sätze gesprochen werden, die noch vor kurzem unaussprechlich waren. Der Fall von 1985 erscheint plötzlich in einem neuen Licht – und Alwin Heller braucht dieses Licht dringender als je zuvor.

„Das alles verdichtete sich in meinem Kopf zu einem Bilderkarussell, das sich immer schneller drehte.“

Ulrich Effenhauser beweist mit seinem aktuellen Roman erneut, dass er zu den eigenständigsten Krimiautoren des Landes gehört. „Brand“ ist ein eleganter Tanz auf dem Zeitstrahl, der die halbe Welt als Bühne nutzt, um Einzelschicksal und Zeitgeschehen die haarsträubendsten Figuren miteinander vollführen zu lassen. Der Aktenwälzer tanzt den Aktenwalzer, sozusagen. Gekonnt fächert Effenhauser die knappen Kapitel zu einem Panorama der Hoffnungslosigkeit auf, welches der einschüchternden Tristesse des Covers in nichts nachsteht. Grandios. Aber in Alwin Hellers Haut möchte man wirklich nicht stecken.

„Brand“ von Ulrich Effenhauser ist im Transit-Verlag als Hardcover erschienen. Die Besprechung zum Vorgänger, „Alias Toller“, findet ihr hier.

Zahler Die Toten der North Ganson Street

© Suhrkamp

Detective Jules Bettinger ist nicht nur der dunkelhäutigste Cop aller Zeiten, sondern auch ein „Bluthund, der echt gute Arbeit leistet, aber auf einen unbezahlbaren Teppich geschissen hat und nicht mehr im Haus bleiben kann.“ Deshalb wird er zwangsversetzt. Nach Missouri. In ein Drecksloch, in dem die Stadtteile „Toilet“ und „Shitopia“ heißen und die Tauben scharenweise vom Himmel fallen. Ein Drecksloch, dem irgendein Zyniker den Namen „Victoria“ gegeben hat. Unnötig zu erwähnen, dass gegen die Verbrechensrate vor Ort selbst das Oktoberfest wie Disneyland wirkt. Detective Bettinger hat kaum Zeit, mit den neuen Kollegen aneinanderzugeraten, da werden sie auch schon ermordet. Jemand macht Jagd auf Cops – und den Trophäen nach zu urteilen, die er von seinen Opfern behält, ist es etwas Persönliches. Um nicht zu sagen: Intimes.

„Wie seid ihr denn drauf?“ Izzy rieb sich mit zitternden Händen die Schläfen. „Sollte nicht einer von euch den guten Bullen spielen?“ „Der wurde in den 70ern gefeuert.“

S. Craig Zahler hat die Angewohnheit, Erwartungen zu unterlaufen. Er bespielt unterschiedlichste Genres auf meisterhafte Art und Weise, nur um gegen Ende all die liebgewonnenen Erzählstrukturen und Handlungsmuster bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen. Meistens, wie etwa bei seinem Regiedebüt „Bone Tomahawk“, entsteht daraus etwas aufregend Neues. Im Fall von „Die Toten der North Ganson Street“ schlägt die Irritation jedoch schnell in Enttäuschung um. Da hat der Mann einen herrlich überzeichneten, grimmig-düsteren, todeslustigen und schockierend brutalen Cop-Thriller aufs Papier gebracht, und lässt sein potentielles Meisterwerk auf die letzten Meter von einem Schneesturm davonwehen. Die Figuren halten sich die Hand vors Gesicht, kriechen durch die Handlung, hoffen, dass es bald vorbei sein möge. Die Leserinnen und Leser auch. Das nächste Mal, Herr Zahler, lesen Sie bitte den Wetterbericht.

„Die Toten der North Ganson Street“ von S. Craig Zahler ist bei Suhrkamp als Taschenbuch erschienen. Die Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch stammt von Katrin Mrugalla und Richard Betzenbichler. Weitere Infos zum Buch findet ihr auf der Seite des Verlags.

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© ars vivendi

Geht es euch manchmal auch so? Ihr lest einen Krimi, der Protagonist stapft durch die Landschaft, Bäume stehen herum, Sträucher, Vögel zwitschern in den Ästen, und ihr fragt euch die ganze Zeit: Was ist das bitte genau für ein Baum? Wie heißt dieser Strauch denn exakt, wie ist er beschaffen? Welche Vogelarten gibt es in besagter Landschaft denn so, und überhaupt, könnte ich bitte jede noch so unwichtige Kleinigkeit beschrieben haben? Dann seid ihr bei „Auf der Jagd“ von Tom Bouman goldrichtig. Wer für derlei Detailreichtum nichts übrig hat, für den wird die Lektüre zur Qual.

Ob dieser Roman tatsächlich einen Edgar für das beste Debüt verdient hat, darüber kann man trefflich streiten – nur leider nicht anhand dieser Ausgabe. Was ars vivendi da auf die Leserschaft loslässt, spottet nämlich jeder Beschreibung. Gottfried Röckelein, der als Übersetzer sonst eher bei Henry James und Charlotte Brontë zuhause ist, verstümmelt dieses im Original durchaus lesbare Buch nach allen Regeln der Kunst. Unter seiner Feder werden „unsporting hunters“ zu „unwaidmännische[n] Jäger[n]“, der „meth-dealing thug“ zum „Strolch und Crystal-Dealer“, Aktivsätze ins Passiv-Korsett gezwängt und Zeitformen wild durcheinander gewürfelt. Immerhin: Die angesichts solcher Verbrechen gegen die Lesbarkeit aufkommende Wut sorgt für einen so hohen Adrenalinausstoß, dass man diese einschläfernde Erzählung zumindest bis zur Hälfte durchsteht.

„Auf der Jagd“ von Tom Bouman ist bei ars vivendi als Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch stammt von Gottfried Röckelein.

Strukul Mila

© Suhrkamp

Was für eine Geschichte! Im Norden Italiens schnetzelt sich eine rothaarige Amazone in Lederkluft einmal quer durchs organisierte Verbrechen. Ihr Antrieb: Rache. Sofort schmeißt das popkulturelle Gedächtnis den Assoziationsmodus an: Von Trash-Perlen wie „Red Sonja“ über Hochglanz-Gemetzel wie Tarantinos „Kill Bill“ ist hier vor allem für Cineasten einiges zu holen. Klingt erstmal nach einem großen Vergnügen. Leider will der Autor ein bisschen zu viel, leider, leider nimmt er die abstruse Geschichte an manchen Stellen ein bisschen zu ernst.

Matteo Strukul […] schreibt Romane und Comic-Szenarios“, verrät der Verlag. Und manchmal, so hat man bei der Lektüre von „Mila“ den Eindruck, schreibt er ein bisschen von beidem. Es ist sicher mehr als gerechtfertigt, im Medium Kriminalroman auf die im Norden Italiens um sich greifende Korruption hinzuweisen, nur hätte es gerade im literarischen Kontext etwas mehr Fingerspitzengefühl erfordert. Und klar: Die holzschnittartige Hintergrundgeschichte der Protagonistin, die in ihrer überzeichneten Schlichtheit an origin stories aus dem DC- oder Marvel-Universum erinnert, hätte im Comic-Format sicher glänzend funktioniert. In den Roman stolpert sie dagegen wie ein betrunkener Bauarbeiter gegen ein ohnehin schon überladenes Gerüst.

„Mila“ setzt neue Impulse und zeigt, wozu ein moderner italienischer Kriminalroman in der Lage sein kann. Wer einen wohligen Bergdorfkrimi mit Olivenhaingeruch sucht, sollte vor der Lektüre seinen Herzschrittmacher ölen. Für alle anderen, inklusive des Autors, gilt: Dranbleiben. Da geht noch was.

„Mila“ von Matteo Strukul ist bei Suhrkamp im Taschenbuch erschienen. Die Übersetzung aus dem Italienischen stammt von Ingrid Ickler. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Weitere Infos zum Buch findet ihr auf der Seite des Verlags.

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3 Gedanken zu “Hagelkörner #3

  1. Schön, dass du wieder da bist! Bei Bouman häufen sich die verhaltenen Kritiken, allerdings bist du der erste (zumindest bei dem mir das aufällt), der jetzt auch die Übersetzung kritisiert. Mein Exemplar kam erst vorgestern an. Irgendwie wird die Vorfreude langsam immer verhaltener. 😉

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    • Ich habe ehrlich gesagt überhaupt keine Kritiken dazu gelesen, aber mich wundert dann doch, dass die Übersetzung anscheinend so wenig Erwähnung findet. Die Sprache wirkt nämlich gelinde gesagt etwas angestaubt. Falls du den Drang verspüren solltest, das Original zu lesen: Ist als E-Book relativ günstig zu haben.

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      • Gut zu wissen, aber ich werd es erstmal mit der ars vivendi-Ausgabe versuchen. eBooks lehne ich rigoros ab und als manischer Sammler kaufe ich mir keine Originalausgaben der Bücher, um die begrenzten Platzverhältnisse meiner Bibliothek nicht noch früher zu sprengen. 😉 Obwohl der Drang, es im Original zu lesen, bei manch grausligen Übertragungen doch tatsächlich sehr hoch ist.

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