Auf ein Getränk mit … David Gray

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© Stefanie Maucher

Flashback. Frankfurter Buchmesse 2016. Freitag. Ich habe gerade mein Gespräch mit Ulf Torreck beendet, da läuft mir David Gray über den Weg. Was für ein Zufall. Die beiden sehen sich so ähnlich, dass man fast meinen könnte, Ulf wäre nur kurz in einer Telefonzelle verschwunden. Nur dass es hier keine Telefonzellen gibt. Bei einem kühlen Getränk sprechen wir über seinen aktuellen Roman „Kanakenblues“, und über die damals noch in weiter Ferne liegende Fortsetzung „Sarajevo Disco“.

Was ich mich bei „Kanakenblues“ gefragt habe: Wieso spielt das Buch zur Zeit der Wende? Die Themen, die im Buch behandelt werden, sind ja relativ aktuell.

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© Pendragon

Ich wollte „Kanakenblues“ deutlich vor 2001 setzen. Ich wollte es in eine Zeit setzen, in der Handys noch nicht allzu gebräuchlich waren. Das hat etwas mit Dramaturgie zu tun. Boyle ist mir sehr nahe. Wenn ich Polizist geworden wäre – was vor vielen Jahren kurz im Raum stand, weil ich mal Jura studiert habe – kann ich mir vorstellen, dass ich manchen Situationen ähnlich wie er reagiert hätte. Wir sind uns auch körperlich ähnlich. Das war Absicht. Und da die Zeit der Wende eine Zeit war, in der ich ein relativ wildes Leben hatte, in der ich als Türsteher gearbeitet und Gewalt erlebt habe, passte das für mich psychisch einfach besser. „Kanakenblues“, das darf man nicht unterschätzen, ist schon ein aggressives Buch. Es steckt voller Gewalt.

Wie so oft bei Büchern, die von Gewalt handeln, wird in „Kanakenblues“ etwas losgetreten, das eine eigene Dynamik entwickelt und sich irgendwann nicht mehr aufhalten lässt.

Genau. Es gibt einen Film namens „Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen“. Ich wollte immer schon ein Drehbuch oder einen Roman schreiben, der diesen Filmtitel zur Vorlage nimmt – mit einem Unschuldigen im Zentrum, der nur das Gute will, aber, weil er in dieser Spirale ist, nicht anders kann als das Böse zu schaffen. Der sich am Ende zwischen dem größeren und kleineren Übel entscheiden, und sich somit schuldig machen muss. Außerdem wollte ich versuchen, ein Buch aus zwei relativ verschiedenen Perspektiven zu schreiben. Gerade scheint es wieder im Trend zu liegen, zwischen einer Männer- und einer Frauenperspektive hin und her zu wechseln, aber das war mir zu langweilig. Deshalb gibt es diese Zweiteilung. In „Sarajevo Disco“ ist das ähnlich.

„Kanakenblues“ ist eine Geschichte, die viel von Ausländerfeindlichkeit, Diskriminierung und Vorurteilen erzählt. Inwiefern hast du selbst Erfahrungen damit gemacht?

Ich habe eher volle Lippen und eine breite Nase. Ich kenne die schrägen Blicke, die fragen: Ist der ein Deutscher? Oder ist der „gemischt“? Rassismus hat ja immer etwas mit Verunsicherung zu tun, und diesen Verunsicherungsmoment kenne ich auch aus meinem eigenen Leben. Da konnte ich ansetzen. Ein Kollege hat neulich gesagt: „Wie kann man nur auf die Idee kommen, einen schwarzen Polizisten in Deutschland etablieren zu wollen? Das kann nichts werden. Die Leute wollen das nicht, weil das eine Position ist, in der man in Deutschland einen Schwarzen nicht akzeptieren würde. Du hättest ja einen futuristischen Roman daraus machen können, Deutschland im Jahre 2300 oder sowas – dann vielleicht.“ Für mich war das aber eine ganz einfache Entscheidung. Mein Protagonist musste anders aussehen als die anderen, also ist er schwarz und hat blaue Augen. Das ist vielleicht ein bisschen strange, aber ich mag es strange.

Was mir in diesem Zusammenhang besonders gefallen hat: Die Nummer mit dem Plakat. Die Polizei, die Boyle als Aushängeschild benutzt, um sich als weltoffen darzustellen.

Das beruht ja auf einer wahren Begebenheit. Es gibt einen Dokumentarfilm, „Dreckfresser“, über Samuel Meffire, den ersten Afrodeutschen bei der sächsischen Polizei. Der musste tatsächlich für eine solche Plakat-Aktion herhalten, und weil ihn diese Vorreiter-Rolle überforderte, wurde er am Ende selbst kriminell. Er wollte wohl einfach nur ein Polizist sein, einer unter vielen. Stattdessen wurde er aus der Masse herausgehoben, hatte Auftritte mit dem Innenminister, und schlussendlich ist der Druck wie eine Lawine über ihn hereingebrochen. Am Ende von „Kanakenblues“ schießt Boyle aus ähnlichen Gründen auf sein eigenes Plakat. Das musste sein.

Mittlerweile gibt es in manchen US-Serien ja Quoten für ethnische Minderheiten, weil untere anderem vom Publikum gefordert wird, dass der Cast die Realität im Land abbilden soll.

Schauen wir mal, wo das hinführt. Gerade im Krimi-Genre kann das auch schief gehen. Diese breitere Repräsentanz ist eine wichtige Sache, denn klar, das ist das Land, das muss man darstellen. Aber man sollte dabei mit Fingerspitzengefühl vorgehen, weil man sonst Gefahr läuft, Klischees noch zu verstärken. Häufig gibt es zum Beispiel eine schwarze Figur, die zwar Gang-Verbindungen hat, aber moralisch integer dem Pfad der Tugend folgt. Eine solche Figur kann nichts repräsentieren, weil „die Bösen“ immer eindrucksvoller rüberkommen. Die haben im Bereich Krimi einfach die besseren Szenen. Ich habe mich gewundert, dass niemand in den Rezensionen auf die Beziehung von Boyle zu seiner weißen Freundin eingegangen ist. Solche – furchtbares Wort – „gemischtrassigen“ Beziehungen sind ja immer noch ein großes Tabu.

Ich denke, dass sich da viel getan hat. Mir ist das beispielsweise gar nicht aufgefallen. Und was Klischees angeht: Da haben wir hierzulande vor allem im Comedy-Bereich ein Riesenproblem. Nehmen wir mal deutsch-türkische Comedians: Viele spielen den Türken so …

… wie sie glauben, dass die Deutschen ihn gespielt haben wollen. Auf jeden Fall. Du kriegst deinen Applaus, du kriegst deine Lacher, alles schön, das gönne ich den Kollegen und Kolleginnen  auf der Bühne. Diese Bühnenarbeit ist richtig hart. Aber du musst das Klischee hinterher auch wieder unterlaufen, um es als blödes Klischee aufzuzeigen. Aber das passiert meiner Meinung nach viel zu selten.

Zurück zum Buch: Warum eigentlich Hamburg?

Hamburg ist eine Stadt, die mich schon immer fasziniert hat, auch wenn ich es finanziell nie hinbekommen habe, dort längere Zeit zu leben. Der Hafen, St. Pauli, das Milieu – es gibt wenige Großstädte, die so gut zu hardboiled passen. München funktioniert nicht, zu brav, zu bieder. Köln könnte funktionieren, da bin ich mir nicht sicher, doch alleine die Vorstellung, dass jemand im kölschen Dialekt bedroht wird – Ich kann den zwar nicht, aber (versucht den Dialekt zu imitieren) „Flossen hoch, oder ich erschieße dich!“ – das geht nicht. Klare, norddeutsche Ansage. Jedenfalls braucht man für einen hardboiled-Roman eine Großstadt. Am besten eine Millionenstadt. Oder man lässt jemanden von dort aufs Land versetzen, wo alles noch viel schlimmer und versumpfter ist.

Du hast mir vor diesem Gespräch erzählt, dass Günter Butkus [Verleger bei Pendragon] von Anfang an mehrere Boyle-Bücher mit dir machen wollte. Hattest du zu diesem Zeitpunkt selbst schon das Bedürfnis, weiter über diese Figur zu schreiben?

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© Pendragon

Günther hatte mich direkt bei der Zusage zu „Kanakenblues“ gefragt, ob ich in dieser Richtung noch mehr schreiben kann. Meine Reaktion war erstmal: „Günter, ich mach doch nicht den Wallander. Zehn Stück oder so? Nee.“  Was mich aber bei Boyle gereizt hat: In den meisten Krimis gibt es einen statischen Kommissar. Er klettert vielleicht mal eine Stufe in der Hierarchie höher, aber seine Arbeit ändert sich nicht. Deshalb ändert sich auch die Perspektive nicht. Er ist der Detektiv, der das Geheimnis aufklärt. Von einer anderen Position aus hat man sicherlich auch einen anderen Blickwinkel auf Kriminalität. Das fand ich spannend. Deswegen war von Anfang an geplant, dass Boyle in der Hierarchie aufsteigt – auch weil das möglicherweise ein Alleinstellungsmerkmal innerhalb des deutschen Krimis sein könnte. Da fehlt mir allerdings der Überblick. Jedenfalls: Wenn es mehr als drei Romane geben sollte, wäre er beim fünften sicherlich stellvertretender Polizeipräsident.

Kannst du kurz erzählen, worum es in „Sarajevo Disco“ gehen wird?

Kannst du kurz erzählen, worum es in „Sarajevo Disco“ gehen wird? Es geht um das, was passiert, wenn ein funktionierendes System – in diesem Fall das des Kiezmilieus – durch eine plötzliche Aktion aus der Balance gebracht wird. Ausgangspunkt der Romanhandlung ist eine Gang Maskierter, die Helmut-Kohl-Masken tragen und überall in Hamburg gratis Ecstasy-Pillen verteilen.Die Dinger haben allerdings einen Haken: Denn jede zweite dieser Pillen ist tödlich. Warum tun diese Maskencrew das? Kommen sie damit durch? Kann Boyle Schlimmeres verhindern? Die Handlung nimmt ihren Anfang an einem Freitagabend im Frühherbst – Party, Beats, Bässe – und erstreckt sich über fast exakt 24 Stunden. Wer „Kanakenblues“ schon gelesen hat, darf sich auf das ein oder andere Wiedersehen freuen. Warum der zweite Boyle „Sarajevo Disco“ heißt, will ich noch nicht verraten, das wird sich aber aus dem Verlauf des Romans ergeben.

Meine erste Assoziation war, dass man sich vom Blues zur Disco auch thematisch und dramaturgisch auf Veränderungen einstellen muss.

Genau. Was passiert nach dem Blues? Da gehst du feiern.

Wird sich das musikalische Thema im dritten Band so fortsetzen?

Da bin ich mir noch nicht sicher. Da überlegen Günther und ich noch, wo wir hinwollen. Den Titel „Kanakenblues“ haben wir zusammen am Telefon entwickelt, und waren beide der Meinung: Das muss es schon geben. Gab es aber nicht, und innerhalb von ein paar Minuten war der Titel registriert. Bei „Sarajevo Disco“ war das schon schwieriger. Den Titel haben wir erstmal eine Weile im Verlag und bei Freunden ausprobiert, und Günther meinte dann irgendwann, dass der so passt. Beim dritten Roman? Keine Ahnung. Ich schreibe wirklich gerne Bücher, aber bei der Titelfindung habe ich immer meine Schwierigkeiten.

„Sarajevo Disco“ von David Gary ist gerade bei Pendragon als Taschenbuch erschienen. Weitere Informationen zum Buch gibt es hier.

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