Müder Abklatsch

Heuchert Dunkels Gesetz

© Ullstein

Ein Country Noir. Auf Deutsch. Als ich „Dunkels Gesetz“ von Sven Heuchert in der Buchhandlung meines Vertrauens liegen sah, war ich erstmal platt. Seit einiger Zeit denke ich bereits darüber nach, wie so etwas funktionieren könnte, wie man die formalen und inhaltlichen Kriterien dieses Subgenres den Gegebenheiten hierzulande anpassen müsste, und dann versucht sich ausgerechnet ein Autor daran, dessen Kurzgeschichten mir in der Vergangenheit viel Freude bereitet haben. Eigentlich konnte nichts mehr schiefgehen. Doch der Konjunktiv ist des Hoffnungsvollen größter Feind und am Ende quälte ich mich gelangweilt dem großen Finale entgegen. Eines muss man Heuchert und den ihn feiernden Kritikerinnen und Kritikern lassen: Der Impuls, der war wichtig. Leider ist „Dunkels Gesetz“ keine Adaption amerikanischer Vorbilder, ja nicht mal eine gut gemachte Hommage. Es ist schlicht eine uninspirierte Kopie.

Der Asphalt löste sich an den Rändern auf, braunes Gras wucherte bis auf die Fahrbahn. Er trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad. Über diesem Land lag lähmendes Vergessen.

Dem Roman fehlt vor allem der Ort. Sicher, Heuchert benennt ihn, aber darüber hinaus liefert er den Leserinnen und Lesern viel zu wenige Anhaltspunkte, um auch tatsächlich ein Gefühl für ihn zu bekommen. Lässt man die tschechische Grenze und den heimischen Fusel mal außer Acht, könnte die Handlung genauso gut im rust belt spielen. Das ist insofern problematisch, als dass dieses Buch gerade fast überall als deutsche Antwort auf den Country Noir amerikanischer Prägung gefeiert wird, sich aber lediglich bei diesem bedient, ohne etwas nennenswert Neues beizutragen. Dabei gäbe es so viele Möglichkeiten.

Nino’s Ecke wirkte wie jede andere Kneipe an einer Ausfallstraße; grau und trist.

Country Noir ist nicht nur eine Formel. Es reicht mitnichten, ein paar verkorkste, schießwütige Gestalten in irgendeiner wirtschaftlich und sozial abgehängten Region aufeinanderzuhetzen, in der mehr Bäume stehen als Häuser. Das Genre um den von Daniel Woodrell versehentlich geprägten Begriff steht in einer langen Tradition und vermischt den Kleinstadt-Noir eines Jim Thompson mit den mythischen Welten der frontier und denen des Southern Gothic. Jeder Mythos, und damit wären wir wieder beim vorigen Punkt angelangt, hat jedoch seinen Ort. Und jeder Ort seinen Mythos. Statt also einfach alles vom amerikanischen Vorbild zu übernehmen, wäre an dieser Stelle eine Übertragung mit Fingerspitzengefühl gefragt gewesen, eine, die dem viel zitierten Hinterland der USA ein in jeder Hinsicht vergleichbares Äquivalent entgegenstellt. Die deutsche (Kultur-)Geschichte liefert mehr als genug Material dafür.

Vor Jahren hatte ihr Vater einen Mann in einem Einkaufszentrum verprügelt. Ihre Mutter probierte gerade in der Umkleidekabine eine Hose an. Den Mann hatte Marie noch nie zuvor gesehen. Er war nur irgendein Fremder.

Mit den Figuren verhält es sich ähnlich. Die Stärke des Country Noir ist es, dass die inneren wie äußeren Konflikte der Protagonisten ihrem soziokulturellen und politischen Umfeld entspringen. In vielen Romanen des Genres – „Wölfe der Nacht“ von Benjamin Percy zum Beispiel – steht ein traumatisierter Kriegsheimkehrer im Mittelpunkt des Geschehens. In anderen ein Farmer. Ein Dealer. Oder ein Gesetzeshüter. Jemand aus der Gegend, der einerseits stellvertretend für sie stehen kann, und andererseits maßgeblich von ihr geprägt wurde; von ihren Strukturen, ihren Regeln, ihren Traumata. Fast immer ist damit Kritik verbunden. Der Kriegsheimkehrer ist traumatisiert, weil sein Land ihn in den Krieg geschickt hat. Oder verbittert, weil man ihn, nachdem er seinen Dienst getan hat, im Nirgendwo verrotten lässt. Der Farmer kann seinen Lebensunterhalt nicht bestreiten, weil das Land nichts hergibt, oder die Agrarpolitik es nicht zulässt. Weil ihm die Kinder in die große Stadt weglaufen. Nimmt man nun aber einen Söldner, der einen Ortlosen, der seinen Pfad in gewisser Weise selbst gewählt hat, verliert sich jede Form der Kritik im Diffusen. Das ist erst einmal überhaupt kein Problem. Man muss sich allerdings dann die Frage gefallen lassen, warum es denn überhaupt ein Söldner sein muss. Um das Gewaltpotential der Figur zu begründen? Ihre Abgestumpftheit? Hätte es da nicht glaubwürdigere Alternativen gegeben?

Sie nahm sich noch eine Zigarette aus der Schachtel und stellte das Radio an. Es lief ein alter Song von Rod Stewart, sie summte die Melodie mit. „Die Leute wollen immer irgendwo ankommen“, sagte sie. „Und wenn sie angekommen sind, wissen sie nicht, was sie da sollen.“

Mit den anderen Figuren sieht es nur bedingt besser aus. Sicher, es gibt auch in Deutschland Prostituierte, Zuhälter und Drogendealer. Diese Realität darzustellen ist absolut legitim und wichtig. Nur ist das in etwa die Standardbesetzung jedes zweiten Genreromans, der sich um das Etikett Noir bewirbt. Und klar: Prostituierte ist nicht gleich Prostituierte, Zuhälter nicht gleich Zuhälter und Drogendealer nicht gleich Drogendealer – aber Heucherts Figuren sind derart eindimensional und schablonenhaft, als hätte er sie aus einem Kompendium von Genre-Archetypen abgepaust. Hier wurde extrem viel Potential verschenkt. Das macht dann auch vom Mund abgeschauter, seltsam angestaubt wirkender Lokalkolorit nicht mehr wett.

„Was vom Leben haben, wie in ’nem Werbeprospekt, ja? DAs wollen die. Hier holen die sich ihren klein Teil vom Traum ab. Und du, du bist angespitzt, willst dich ins Fett setzen, dick abkassieren. Kommst angedackelt und machst einen auf Bittsteller. Was würde dein Alter dazu sagen?“

So bleibt am Ende leider nur zu sagen: „Dunkels Gesetz“ ist sowohl sprachlich als auch inhaltlich solide Standardkost. Hat man schnell gelesen, und genauso schnell wieder vergessen. Sven Heuchert muss man zu Gute halten, dass er nie den Anspruch angemeldet hat, einen deutschen Country Noir zu schreiben. Ihn jetzt an diesem Subgenre zu messen, mag unfair sein, macht das Buch aber weder besser noch schlechter als es ist. Die Vermutung liegt nichtsdestotrotz nahe, auch angesichts der Kritiken, die der Roman bereits bekommen hat. Ich für meinen Teil kann jedenfalls beim besten Willen nicht mehr als einen deutschsprachigen Country Noir amerikanischer Schule erkennen.

„Dunkels Gesetz“ von Sven Heuchert ist bei Ullstein als Klappenbroschur erschienen.

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7 Gedanken zu “Müder Abklatsch

  1. Eine ganz, ganz starke Rezension, die den Roman wirklich en Detail seziert und auch meine Befürchtungen bestätigt. Nämlich bei „Dunkels Gesetz“ den verkrampften Versuch vorzufinden, einem für mich immer noch vor allem amerikanisches Sub-Genre nachzueifern bzw. zumindest dessen Grundelemente zu übernehmen. Übrigens ein Problem, mit dem irgendwie viele deutschsprachige Autoren zu kämpfen haben. Den eigenen Stil und Ton zu finden. Eine eins zu eins Übertragung funktioniert einfach in den wenigsten Fällen.

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  2. Ich bezweifle, dass das Konzept des Country Noir in Deutschland wirklich funktionieren kann. Hier kommt nun mal niemand a`la Pale Rider aus den Untiefen des Landes und verschwindet nach getaner Arbeit wieder darin. Dank Regestrierungspflicht ist auch niemand unbekannt, Sozialversicherungsnummern kann man bekanntlich fälschen oder stehlen. Wirklich verkorkste Landstriche gibt es hier auch nicht.

    Das Konzept hat in Deutschland nur einmal in einem Buch (Film) funktioniert, in welchem ein Fremder in einem Alpendorf irgendwann um 1800 aufräumt, den Titel ahbe ich vergessen.

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    • Du meinst sicher „Das finstere Tal“.

      Ach, ich denke schon, dass das geht, und würde was die verkorksten Landstriche angeht unbedingt widersprechen. Es gibt hier durchaus Regionen, die sich für sowas anbieten würden, aber sie sind eben anders beschaffen als das große, weite Land „dort drüben“. Dem müsste man Rechnung tragen. Die Aussage meiner Review sollte nicht sein: Das geht nicht. Vielmehr: Das geht, aber man darf es sich nicht so einfach machen.

      Und dass irgendwo ein Fremder auftaucht und alles niedermäht ist ja auch nur eine der möglichen Stoffe, die im Country Noir verhandelt werden können.

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  3. Ich habe das Buch zwar deutlich positiver gesehen. Vor allem die Figuren fand ich besser als du. Dennoch ist dir eine hervorragende Rezension gelungen. Gerade das Beispiel der Verortung – das ist in der Tat ein Schwachpunkt, je länger ich drüber nachdenke.

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  4. Obwohl mir das Buch sehr gut gefallen hat, kann ich deine Kritikpunkte sehr gut nachvollziehen. Gleichzeitig bin ich ausnahmsweise in diesem Moment mal dankbar dafür, kein Krimi-Sub-Sub-Genre-Profi zu sein, sondern einfach nur Leserin. Vielleicht lag es auch daran, dass ich das Buch sehr genossen habe.
    Und eigentlich wollte ich nun wirklich daran arbeiten, die Krimi-Sub-Genres genauer unter die Lupe zu nehmen, aber andererseits sehe ich auch, dass es manchmal von Vorteil ist, sich da nicht so genau auszukennen. 🙂
    Eine sehr fundierte Rezension, die mir nicht nur das Buch aus einem anderen Augenwinkel zeigt, sondern mir auch sehr nützliche zusätzliche Infos bietet. Vielen Dank dafür!

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