Westerngroteske? Wundertüte!

Smonk

© Pulp Master

„Smonk“ ist so ein Buch, über das man wahnsinnig viel schreiben könnte. Darüber, dass Tom Franklins Roman dermaßen southern gothic ist, dass Kommentare wie „… also gelesen hab‘ ich das jetzt nicht, ist mir zu persönlich zu abgedreht, aber soll ja sehr gut sein“ schon beim bloßen Anfassen durch den Gehörgang geistern. Darüber, dass sich das liest, als hätte Cormac McCarthy „Die Morgenröte im Westen“ bis in die Haarspitzen zugekokst in einem Pornokino geschrieben. Darüber, was uns ein Autor mitteilen möchte, der das Tier im Menschen auf das amerikanischste aller Genres loslässt und damit einen Körperflüssigkeiten-Tsunami entfesselt. Muss aber alles gar nicht sein. Auch ohne jede Form der Einordnung ist Smonk ein Höllenspaß. Ach was – das Wort „Höllenspaß“ wurde eigens für diesen Roman erfunden.

Gestatten: Smonk. Hässlich und Spaß dabei

1911: Old Texas, Alabama, Vorzimmer der Hölle. Die Männer sind im Bürgerkrieg gefallen, die Witwen spreizen ihre Schenkel, um neue einzufangen, und ihre jungen Töchter halten dafür notfalls als Mitgift her. Die Jungen verschwinden. Die Felder sind nicht mehr als klaffende Wunden im Fleisch des wüsten Landes. Über all dem Elend thront der Kleinstadt-Tyrann E.O. Smonk: Einäugiger Farmer, wandelndes Waffenarsenal und stolzer Träger zahlreicher Krankheiten. Ein Mann so hässlich, dass selbst eine Mutter auf einen DNA-Test bestehen würde, aber von solcher Wildheit, dass sie danach – wie jede andere Frau – einfach mit ihm ins Bett springen müsste. So ein Kerl, der sich ungeachtet ehelicher Bindungen durch die Schlafzimmer pflügt, sorgt natürlich für Unmut. Logisch. In einem großen Schauprozess soll ihm daher ein für alle Mal das Handwerk gelegt werden. Schöne Idee eigentlich, endet aber natürlich in einem Blutbad.

Huren, Witwen, Christen – alles drin

Richtig spaßig wird es aber erst, wenn der zweite Handlungsstrang den ersten kreuzt. Denn in „Smonk“ dreht sich nicht alles um den titelgebenden Revolver-Antihelden, sondern auch um eine minderjährige Prostituierte, die wie ein Junge aussieht: Evavangeline. Die wiederum wird wegen ihrer Freizügigkeit von einem Trupp penibel gekleideter christlicher Deputys verfolgt, dessen Mitglieder nicht an Masturbation glauben. Der Haufen wird von Walton, einer Karikatur des edlen Ritters auf dem weißen Ross, angeführt – einem Mann, der sich für die moralisch-geistige Speerspitze seiner Spezies hält, seine private Eingreiftruppe aber mit dem Ersparten seiner Mutter finanziert. Habe ich was vergessen? Ach ja, den Witwenkult, der rituelle Handlungen an Kindern vornimmt, in die ein Hund involviert ist. Wie gesagt: Ein Höllenspaß.

Anarcho-Nummer von unschätzbarem Wert

Bei all dem gebotenen Irrsinn sollte man allerdings nicht den Fehler machen, das Ganze als vulgären Schund abzutun. Der Unterhaltungsfaktor von „Smonk“ speist sich nämlich weder aus der gialloesken Gewaltdarstellung, noch aus dem literweise durch die Gegend fliegenden Ejakulat. Der Reiz des Romans liegt im Überraschungsmoment. Tom Franklin hat wie verrückt drauflos geschrieben, und man merkt es jeder einzelnen Szene an. In einem Literaturbetrieb, der sich weitestgehend an Konventionen und Genre-Stereotypen hält, ist diese Anarcho-Nummer von unschätzbarem Wert. Hier wird Spannung nicht durch den emotionalen Psychoterror eines handwerklich versierten Autors verordnet, sondern stellt sich beim Lesen ganz von selbst ein. Denn jeder Satz endet anders, als der Anfang vermuten lässt, und auch nach hunderten von Seiten kann man nicht sagen, was hinter auf der nächsten für Ereignisse lauern. Fliegen gleich Pferde durch die Luft? Steckt sich jemand ein Glasauge in den Mund? Schon möglich. die Ideen werden einem einfach roh vor den Latz geknallt und auch auf sprachlicher Ebene ist kein Buchstabe sicher.

Der Gestank echter Kunst

Wie der Mann es dann auch noch schafft, all dem Chaos ernste Zwischentöne unterzujubeln, wird vielleicht auf ewig ein Geheimnis bleiben. Das grandiose Vorwort von Frank Nowatzki liefert immerhin einen Teil der Antwort. Was sich aber mit Sicherheit aus diesem Roman mitnehmen lässt: Manchmal liegt die Kunst wohl darin, die Kunst Kunst sein zu lassen, und einfach das zu schreiben, was einem gerade in den Sinn kommt. Vor allem wenn man eine kleine Tochter hat, die das Wort Stinktier (skunk) noch nicht so recht aussprechen kann. Und jetzt raus hier, auf schnellstem Wege in den Buchladen eures Vertrauens. Es gibt Großes zu entdecken.

„Smonk“ von Tom Franklin ist bei Pulp Master als Taschenbuch erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Nikolaus Stingl.

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6 Gedanken zu “Westerngroteske? Wundertüte!

  1. Wie habe ich deine Texte vermisst! Die versüßen einem den Feierabend, denn sie sind Genuss pur :-). Schön wieder hier lesen zu können!

    Ich habe gerade mit Smonk angefangen und muss nach deiner Besprechung sagen: Ich freue mich noch mehr auf dieses Buch.
    Zuerst dachte ich: Oh, oh, habe ich mir da eine literarische Abartigkeit auf den Reader geholt? Was jetzt nicht sooo schlimm wäre, ich bin ja hartgesotten, sofern die Abartigkeit nicht als Alleinstellungsmerkmal vorkommt. Zum Glück hast du mich dann erlöst mit „das Ganze als vulgären Schund abzutun.“
    Uff.
    Jetzt aber ran an das Buch. Hätte ich es nicht schon, hätte ich spätestens nach deinem Blogpost den Buchhändler aus dem Bett geklingelt. 🙂

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