Die Geißel der Genre-Literatur

Seibold Spritztour

© Piper

Fangen wir mit der guten Nachricht an: Meine Arbeit für den Zeitungsverlag Waiblingen bringt es mit sich, dass ich ab und zu einen Krimi rezensieren darf. Das kommt mir natürlich sehr gelegen. Die schlechte Nachricht: Vor zwei Wochen meinte mein Kollege, ich könnte mir doch mal den neuen Roman von Jürgen Seibold anschauen. Der ist immerhin eine lokale Größe. Ich habe mich tatsächlich darauf gefreut, zur Abwechslung mal wieder einen Regionalkrimi zwischen die Finger zu bekommen.

Warum dieses Gefühl nicht lange anhielt, und man Seibolds „Spritztour“ exemplarisch für fast alles heranziehen kann, was im Regionalkrimi meiner Meinung nach schief läuft, lest ihr im Beitrag: Weiterlesen

Müder Abklatsch

Heuchert Dunkels Gesetz

© Ullstein

Ein Country Noir. Auf Deutsch. Als ich „Dunkels Gesetz“ von Sven Heuchert in der Buchhandlung meines Vertrauens liegen sah, war ich erstmal platt. Seit einiger Zeit denke ich bereits darüber nach, wie so etwas funktionieren könnte, wie man die formalen und inhaltlichen Kriterien dieses Subgenres den Gegebenheiten hierzulande anpassen müsste, und dann versucht sich ausgerechnet ein Autor daran, dessen Kurzgeschichten mir in der Vergangenheit viel Freude bereitet haben. Eigentlich konnte nichts mehr schiefgehen. Doch der Konjunktiv ist des Hoffnungsvollen größter Feind und am Ende quälte ich mich gelangweilt dem großen Finale entgegen. Eines muss man Heuchert und den ihn feiernden Kritikerinnen und Kritikern lassen: Der Impuls, der war wichtig. Leider ist „Dunkels Gesetz“ keine Adaption amerikanischer Vorbilder, ja nicht mal eine gut gemachte Hommage. Es ist schlicht eine uninspirierte Kopie. Weiterlesen

Rauchen, Saufen, Prügeln und ein Sonnenuntergang am Meer

Miller Freedoms Child

© Rowohlt

Eine junge, frische Stimme der amerikanischen Kriminalliteratur entlockt mit ihrem Debüt den eigenen Kollegen und der versammelten Presse ekstatische Jubelschreie. Ihr Name: Jax Miller. Naja, eigentlich Aine O’Dohmnaill, aber in einem Genre, in dem die Konkurrenz Karin Slaughter heißt, muss man sich eben was einfallen lassen. Eine Sensation, so hört man, die man zwar noch nicht mit Preisen, dafür aber mit jeder Menge Geld überhäuft hat. Wenn dann die Konkurrenz, die Karin Slaughter heißt, noch einen markigen Spruch ablässt, den der Piper-Verlag auf das deutsche Cover zu „Freedom’s Child“ drucken kann, dann ist der Hype perfekt und hohe Verkaufszahlen eigentlich vorprogrammiert. Also nimmt man das Buch zur Hand um dem Phänomen auf den Grund zu gehen – und nach etwa 350 Seiten fragt man sich, ob der Rest der Welt wirklich den gleichen Roman gelesen hat. Weiterlesen

Midlife-Crisis am Mittelmeer

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© Goldmann

Es scheint Konsens zu sein, dass Gianrico Carofiglio ein großartiger Autor ist. Das mag stimmen. Ich persönlich habe vor „Am Abgrund aller Dinge“ nie ein Buch von ihm in der Hand gehabt. Die Geschichte und das gelungene Cover haben mich aber förmlich angezogen, ich habe den Roman daher auch in meiner Jahresvorschau erwähnt. Kaum hatte ich ihn endlich zuhause und die erste Seite aufgeschlagen, war ich gepackt. Völlig von der Außenwelt isoliert. Sogwirkung? Strudel! Trotzdem, irgendwie bin ich mit dem Roman nicht warmgeworden. Und das hat Gründe. Weiterlesen

Die Literarisierung des Banalen

cynan jones graben

© Liebeskind

Jetzt habe ich es geschafft, drei Monate lang etliche Krimis zu lesen, ohne einen aus der Hand legen zu müssen – und dann passiert es mir ausgerechnet mit einem, den ich sehnlichst erwartet habe. Dabei hat „Graben“ des walisischen Autors Cynan Jones eigentlich schon mit dem Cover gewonnen. Ein Blick dahinter offenbart jedoch selbst dem wohlwollenden Leser ziemlich schnell, dass äußere Schönheit auch 2015 immer noch kein Indikator für innere Werte ist. Und dass sogar der Liebskind-Verlag sich mal einen Ausrutscher leisten kann. Aber zur Sache: Weiterlesen