„Dies ist kein Albtraum, dies ist ein Todeskampf.“

Strunk Der goldene Handschuh

© Rowohlt

In meinem Heimatort gibt es eine Kneipe, deren Besitzer den gleichen Nachnamen wie ich trägt. Sie befindet sich im ansonsten leer stehenden, abgeriegelten Bahnhofsgebäude und bietet Leuten eine Zuflucht, denen man auf der Straße nur selten begegnet – entweder, weil sie sich dort nicht aufhalten, oder, weil man ihnen aus dem Weg geht. Sie sitzen tagtäglich am Tresen, schwitzen, poltern, saufen und inhalieren dabei Kippenschachteln. Bis vor ein paar Jahren gab es einen, der blaugraue Rauchkringel aus einem Loch im Hals pusten konnte, an das er sonst eine elektronische Sprechhilfe hielt. „Warum soll ich jetzt noch aufhören?“, sagte er mit seiner Roboterstimme, wenn man ihn darauf ansprach. „Der Kehlkopf ist doch sowieso schon futsch.“ Sonst redete er nicht viel. Ich weiß nur, dass er kaltes Bier nicht ausstehen konnte und niemanden mehr hatte. Jetzt ist er schon ein paar Jahre unter der Erde, und alle, die noch regelmäßig an ihn denken, sitzen in versifften Jogginganzügen in der kleinen Bahnhofskneipe und folgen ihm Glas um Glas, Zigarette um Zigarette nach. Ohne dass es jemanden mitbekommt.    Weiterlesen

Lehrstück in Sachen Dramaturgie

Koryta Die mir den Tod wünschen

© Heyne

Der vierzehnjährige Jace wird Zeuge einer Exekution. Er hat die Täter gesehen, die Täter haben ihn gesehen, es ist klar, was unweigerlich folgen muss: Eine Hetzjagd. Seine Eltern versuchen den Jungen mithilfe der Personenschützerin Jamie Bennett in Sicherheit zu bringen, die dabei sofort an ihren ehemaligen Survial-Trainer denken muss. Ethan Serbin gibt in der Wildnis Montanas Sommerkurse für Problemjugendliche – das perfekte Versteck für einen Jugendlichen mit einem riesigen Problem. Doch während Jace unter falschem Namen lernt, wie man Feuer macht, Spuren liest und in den Bergen überlebt, kommen seine Verfolger ihm täglich ein Stückchen näher. Irgendwann muss er eine Entscheidung treffen: Soll er durch seine Anwesenheit die ganze Gruppe in Gefahr bringen? Oder soll der verängstigte Junge auf edlen Ritter machen und sich alleine durchschlagen? Dreimal dürft ihr raten. Weiterlesen

Be Kind to Your Neighborhood Monsters

Gattis Straßen der Wut

© Rowohlt

Sie sind zu dritt. Sie überfallen ihn von hinten. Sie schlagen auf ihn ein. Ernesto Vera, der bis eben noch friedlich an der Straße Tacos verkaufte, der sich nie etwas hat zu Schulden kommen lassen, weiß nicht, was das vermummte, schwer bewaffnete Trio von ihm will. Aber er kann es ahnen. Sie wollen sich für etwas rächen, dass sein verrückter kleiner Bruder Ray, alias „Lil Mosco“, ihnen angetan hat. Doch ehe er sie danach fragen kann, ist er bereits tot. Als seine Schwester Lupe und die Mitglieder ihrer Gang seinen leblosen Körper kurze Zeit später auf der Straße finden, schwören sie Rache. Während ganz Los Angeles im Chaos versinkt, durchkämmen sie Lynwood, eines der gefährlichsten Viertel der Stadt, mit nichts im Sinn, als den Mördern von Ernesto ein paar Kugeln in den Kopf zu jagen. Doch sie sind bei weitem nicht die einzigen, die den allgegenwärtigen Ausnahmezustand nutzen wollen, um ein paar offene Rechnungen zu begleichen. Weiterlesen

Jäger des verlorenen Schatzes

Goehre_Mayer_Cops_unplugged

© CulturBooks

Ein Themenblock über Polizeiromane ohne Ed McBain? Unmöglich. Der US-amerikanische Autor, der seinen Geburtsnamen Salvatore Lombino für eine Schriftstellerkarriere als Evan Hunter ablegte, schrieb unter diesem Pseudonym 54 cop novels und revolutionierte damit das Krimigenre. Grund genug für Frank Göhre und Alf Mayer, sich dessen Mammutwerk anzunehmen. In „Cops in the City. Ed McBain und das 87. Polizeirevier. Ein Report“ entführen sie uns ins pulsierende Isola (ital.: Insel), „das McBain erfunden hat, weil die Polizeivorschriften der Stadt New York sich zu oft änderten und weil der Autor sich auf eine stabilere Realität stützen wollte“ (Jean-Patrick Manchette), und stecken uns Seite um Seite mehr mit ihrer unverhohlenen Begeisterung an. Selten hat Sekundärliteratur stilistisch so sehr den Geist der Vorlage transportiert, selten hat sie so viel Spaß gemacht wie hier. Und das hat Gründe. Weiterlesen

Im Nebel

Alias Toller

© Transit

Es gibt Verbrechen, angesichts derer alles, was einem sonst in Kriminalromanen begegnet, verblasst. Sie stellen, im Gegensatz zum alltäglichen Stehlen, Betrügen und Morden keinen Angriff auf das System dar, stören nicht dessen empfindliches Gleichgewicht, in dem sie an seinen Grundfesten rütteln, weil sie immer nur dann stattfinden, wenn jede gesellschaftliche Ordnung bereits außer Kraft gesetzt ist. In Zeiten der Barbarei. Im Krieg. Von einem solchen Kriegsverbrechen berichtet Ulrich Effenhauser in seinem für den Friedrich-Glauser-Preis nominierten Roman „Alias Toller“. Es ist eine Geschichte über die Zeit des Nationalsozialismus, erzählt im Schatten des RAF-Terorrs, die nur wenige Jahre von unserer Gegenwart entfernt ihr Ende findet. Der Historiker und Autor schickt seinen Protagonisten auf eine Reise ins Archiv der menschlichen Grausamkeit. Würde Effenhausers Sprache dabei nicht so leuchten – seine Leserinnen und Leser fänden aus dieser Düsternis nicht heil wieder heraus. Weiterlesen

Auf Verbrecherjagd in NYC

Richard Price Die Unantastbaren

© S. Fischer

Detective Billy Graves, einst Mitglied der glorreichen „Wildgänse“, einer gefürchteten Gruppe von New Yorker Polizisten, muss Nachtschicht schieben. Er hält sich mit Energydrinks, hastig gerauchten Zigaretten und dem Hass auf jenen ganz speziellen Mörder wach, den er nie hatte hinter Gitter bringen können. Seinen ehemaligen Kollegen ergeht es nicht anders. Jeder von ihnen hat seinen eigenen „Unantastbaren“, einen Verbrecher, der ihnen während ihrer gemeinsamen Dienstzeit durch die Lappen ging und den sie unbedingt seiner gerechten Strafe zuführen möchten. Dann wird einer dieser Männer ermordet – und wie Brackwasser aus den Kanaldeckeln überfluteter Straßen werden die alten Geschichten wieder hochgespült. Weiterlesen

Ungebändigtes Talent

atkins stadt der ertrinknenden

© Polar

In den meisten Fällen ist es keine gute Idee, mit 15 Jahren die Arbeit an einem Roman zu beginnen. Der Neuseeländer Ben Atkins hat es trotzdem getan. Sein geschichtliches Interesse, genau genmmen die Erkenntnis, dass Geschichte immer zyklisch verläuft, ließ ihn 2009 zum Stift greifen. In der Stille nach dem Knall, mit der ein Jahr zuvor die globale Finanzblase platzte, setzte er zu einer Erzählung über die Weltwirtschaftskrise von 1929 an, über die Zeit der Prohibition und die „Große Depression“, die darauf folgte. Herausgekommen ist „Stadt der Ertrinkenden“, ein hierzulande zwar bisher viel zu wenig beachtetes, aber von den Kritikern dennoch hochgelobtes Debüt. Dass wir überhaupt in den Genuss dieses Buches kommen, verdanken wir dem Hamburger Polar Verlag, der sich mit Autoren wie Atkins – oder etwa dem Franzosen Jérémie Guez – gerade in erheblichem Maße um den Krimi-Nachwuchs verdient macht. Und nach der Lektüre dieses „Mid-Century-Noir“ bleibt nur zu sagen: Es handelt sich dabei um ein lohnendes Engagement. Weiterlesen

Vom Unterdrücken und Aufbäumen

Slaughter Cop Town

© Blanvalet

Atlanta in den 70er Jahren. Ein Cop-Killer mit dem Spitznamen „Atlanta Shooter“ macht die Stadt unsicher. Polizist Jimmy Lawson schleift seinen blutüberströmten Kollegen, der in einer Seitenstraße angeschossen wurde, unter Höchstanstrengungen ins nächstgelegene Krankenhaus. Die Ärzte sind machtlos. An die Waffe, die die tödlichen Schüsse abgab, kann Jimmy sich später noch erinnern, nicht aber an den Mann am Abzug. Die Kollegen nehmen ihm das nicht übel, immerhin hat er Traumatisches erlebt, aber seine Schwester Maggie, die ebenfalls bei der Truppe ist, merkt sofort, dass Jimmy lügt. Den Drohungen ihres Onkels Terry – dem dritten Cop in der Familie – zum Trotz, will Maggie herausfinden, was an jenem Tag in jener Gasse wirklich vorgefallen ist. Doch als würde ihr Bruder etwas ahnen, bindet er ihr noch vor Beginn ihrer Ermittlungen einen Klotz ans Bein: Maggie muss sich ab sofort den Streifenwagen mit der frisch gebackenen Polizistin Kate teilen. Und auf sie aufpassen, natürlich. Denn die junge Frau aus wohlhabender Familie hat so gar keine Vorstellung davon, wie man auf Atlantas rauen Straßen überlebt. Weiterlesen

Kultivierte Kriminalbeamte

Das barmherzige Fallbeil von Fred Vargas

© Limes

Man hat mir immer von ihr abgeraten. Zu absurd seien ihre Romane, zu abgehoben, für die meisten Menschen schlicht nicht geeignet. Lange habe ich deshalb einen Bogen um die französische Krimiautorin Fred Vargas gemacht. Sogar dann noch, als ich begann, mich intensiver mit dem Kriminalroman zu beschäftigen und dabei feststellte, dass mir Bücher abseits des Massengeschmacks oft am besten gefallen. Doch dann erschien Thekla Dannenbergs Ode an „Das barmherzige Fallbeil“ im Freitag und es war um mich geschehen: Ich wollte wissen, was sich hinter dem von ihr verwendeten Begriff des polar poétique verbirgt, wissen, was diese Frau für Bücher schreibt, die ich bei unserer allerersten Begegnung am Bücherregal noch für einen Mann gehalten hatte. Jetzt weiß ich es. Fred Vargas schreibt Bücher, die so einzigartig sind, dass man sie eigentlich unter Artenschutz stellen müsste. Weiterlesen

Schneller als eine Kugel fliegt

Lange Angel Baby

© Heyne

Angel Baby“ von Richard Lange hatte mich bereits vor dem ersten Satz für sich gewonnen. Ich hatte gerade Platz genommen und mich noch nicht einmal vorschriftsmäßig angeschnallt, da war ich schon überzeugt davon, dass mir auf meiner weihnachtlichen Besuchsodyssee nicht langweilig werden würde. Das lag einerseits daran, dass Marcus Müntefering das ganze Jahr über diesen Titel hochgehalten hatte, andererseits daran, dass dem Buch ein Zitat aus einem Song von Smog aka Bill Callahan vorangestellt ist, den ich, man kann es nicht anders sagen, vergöttere. Während sich der Fernbus also in Bewegung setzte, sich gemächlich durch Feiertagsverkehr und Land schleppte, raste ich mit ungleich höherer Geschwindigkeit durch die nicht ganz 350 Seiten von „Angel Baby“. Und mit jeder Seite kamen neue Gründe hinzu, diesen Roman zu lieben. Weiterlesen