Westerngroteske? Wundertüte!

Smonk

© Pulp Master

„Smonk“ ist so ein Buch, über das man wahnsinnig viel schreiben könnte. Darüber, dass Tom Franklins Roman dermaßen southern gothic ist, dass Kommentare wie „… also gelesen hab‘ ich das jetzt nicht, ist mir zu persönlich zu abgedreht, aber soll ja sehr gut sein“ schon beim bloßen Anfassen durch den Gehörgang geistern. Darüber, dass sich das liest, als hätte Cormac McCarthy „Die Morgenröte im Westen“ bis in die Haarspitzen zugekokst in einem Pornokino geschrieben. Darüber, was uns ein Autor mitteilen möchte, der das Tier im Menschen auf das amerikanischste aller Genres loslässt und damit einen Körperflüssigkeiten-Tsunami entfesselt. Muss aber alles gar nicht sein. Auch ohne jede Form der Einordnung ist Smonk ein Höllenspaß. Ach was – das Wort „Höllenspaß“ wurde eigens für diesen Roman erfunden. Weiterlesen

Müder Abklatsch

Heuchert Dunkels Gesetz

© Ullstein

Ein Country Noir. Auf Deutsch. Als ich „Dunkels Gesetz“ von Sven Heuchert in der Buchhandlung meines Vertrauens liegen sah, war ich erstmal platt. Seit einiger Zeit denke ich bereits darüber nach, wie so etwas funktionieren könnte, wie man die formalen und inhaltlichen Kriterien dieses Subgenres den Gegebenheiten hierzulande anpassen müsste, und dann versucht sich ausgerechnet ein Autor daran, dessen Kurzgeschichten mir in der Vergangenheit viel Freude bereitet haben. Eigentlich konnte nichts mehr schiefgehen. Doch der Konjunktiv ist des Hoffnungsvollen größter Feind und am Ende quälte ich mich gelangweilt dem großen Finale entgegen. Eines muss man Heuchert und den ihn feiernden Kritikerinnen und Kritikern lassen: Der Impuls, der war wichtig. Leider ist „Dunkels Gesetz“ keine Adaption amerikanischer Vorbilder, ja nicht mal eine gut gemachte Hommage. Es ist schlicht eine uninspirierte Kopie. Weiterlesen

CrimeMag 4/2016

Der Vollständigkeit halber möchte ich knapp zwei Wochen vor Erscheinen des neuen CrimeMag nochmal darauf aufmerksam machen, dass ich auch im April wieder mit zwei Texten vertreten war. Mein Blogbeitrag zur französischen Cop-Serie „Braquo“ hat dort ebenso Platz gefunden, wie eine kurze Besprechung zu dem country noir Familiendrama „Bull Mountain“ von Brian Panowich. Und die klingt so: Weiterlesen

Vorschau 2016: Teil 5

Bruke Mississippi Jam    Smith Henderson Montana    Celste Ng Was ich euch    John Darnielle Wolf in White Van

Ihr glaubt gar nicht, durch wie viele Bücher man sich kämpfen muss, um die paar potentiellen Perlen zu entdecken, die ich hier ab und zu vorstelle. Es ist deprimierend, dreißig Mal einen nahezu identischen Klappentext zu lesen und dazu das gleiche, lieblose Cover serviert zu bekommen. Umso schöner also, wenn man am Ende des Tages bemerkt, welche guten Krimis noch darauf warten, gelesen zu werden. Die momentane Wachstumsrate meines Stapels ungelesener Bücher lässt jedenfalls vermuten, dass demnächst Börsianer vor meiner Tür stehen werden um mit Geldscheinen zu wedeln. Wetten? Weiterlesen

Bald im TV: Outsiders

Outsiders Banner 2

© WGN

Filme, die ich dem Country Noir zuordnen würde, habe ich in den letzten Jahren etliche gesehen. Was Serien angeht sieht es eher mau aus, mit einigen Abstrichen lässt sich vielleicht „Justified“ noch als solche begreifen. Doch jetzt kommt der amerikanische Fernsehsender WGN mit „Outsiders“ um die Ecke – und was nicht nur wegen Ryan Hurst auf den ersten Blick aussieht wie „Sons of Anarchy“ im Hinterland, könnte das Genre nun erstmals in Qualitätsfernsehen übersetzen. Weiterlesen

Fight Club

Bill Geschmack der Gewalt

© Suhrkamp

Selten haben Cover und Titel so gut zu einem Roman gepasst wie bei Frank BillsDer Geschmack der Gewalt“. Man möchte fast sagen: Wie die Faust aufs Auge. Denn die blutige Ansammlung charakteristisch verschränkter Finger, die dem Leser von der Frontseite entgegenschlägt, weckt Erinnerungen, die sich wie warmes Eisen auf die Zunge legen. Und auch der Autor selbst versteht sehr viel vom Spiel mit den Sinneseindrücken. „Donnybrook“, so der ebenfalls passende, wenn auch etwas unspektakuläre Originaltitel, riecht auf jeder Seite nach Ammoniak, nach Schwefel, nach Rauch, Alkohol und menschlichen Ausdünstungen. Man spürt jeden Satz in den Zähnen, man schmeckt Blut, Säure und, nun ja, Gewalt eben. Gute Arbeit, Suhrkamp, der von euch gewählte Titel macht eine ausführliche Rezension beinahe überflüssig. Doch auch wenn die ästhetische Aufmachung durchaus zu überzeugen weiß – ein „schönes“ Buch ist „Der Geschmack der Gewalt“ ganz sicher nicht. Weiterlesen

Gegen den Strom

Campbell Stromschnellen

© Piper

Margaret Louise Crane, Spitzname „Margo“, lebt mit ihren Eltern am Stark River. Kurz nach ihrem vierzehnten Geburtstag wird sie von ihrer Mutter verlassen, die sowohl das einfache Leben am Fluss als auch ihren Ehemann satt hat. Es ist außerdem das Jahr, in dem Margos geliebter Großvater stirbt und sie während eines Festes ihre erste sexuelle Erfahrung macht – mit ihrem Onkel Cal. Cal will hinterher von nichts wissen, und auch wenn Margo zu diesem Thema beharrlich schweigt, nagt die Geschichte an ihrem Vater. Als er zwei Jahre später der aufgestauten Wut freien Lauf lässt und die Konfrontation sucht, überschlagen sich die Ereignisse: Schüsse fallen, und der Mann, den sie überall in der Gegend nur „Crane“ nennen, liegt am Ende leblos auf dem Steg. Margo flieht und macht sich auf die Suche nach ihrer Mutter. Immer weiter lässt sie sich vom Fluss treiben, hinein in ein neues Leben, ein Leben in der Wildnis Michigans. Von ihrem Vater hat sie gelernt, sich von den Tieren, vom Obst und Gemüse des Landes zu ernähren. Dass man nicht jedem Menschen vertrauen sollte, dem man auf seinen Reisen begegnet, lernt sie dagegen auf die harte Tour. Weiterlesen

Das Evangelium der Schlange

Cash Fürchtet Euch

© Fischer

Ein kleines Bergdorf in North Carolina: Der dreizehnjährige Christopher, der in seinem ganzen Leben noch nie ein Wort gesprochen hat, soll während eines Gottesdienstes in der Kirche von Prediger Carson Chambliss „geheilt“ werden. Sein jüngerer Bruder Jess, dem der Zugang zur Kirche verwehrt wurde, beobachtet das Geschehen durch einen Spalt in der Außenwand des abgedunkelten Gebäudes. Als sich während der Zeremonie plötzlich immer mehr Mitglieder der Gemeinde auf Christopher stürzen und ihn unter sich begraben, ruft Jess lauthals nach seiner Mutter, die scheinbar tatenlos zusieht. Ein folgenschwerer Schrei – denn alle Anwesenden gehen davon aus, gerade die ersten Worte eines vormals stummen Kindes vernommen zu haben. Voll Optimismus und religiösem Eifer unterzieht die Gemeinde den Jungen nochmal einer ähnlichen Prozedur. Nur dass er diese nicht überlebt. Und während das ganze Dorf in Sprachlosigkeit verfällt ist es an Jess, der erneut alles mitangesehen hat, der überhaupt mehr sieht, als er sollte, das Schweigen zu brechen. Weiterlesen