Schneller als eine Kugel fliegt

Lange Angel Baby

© Heyne

Angel Baby“ von Richard Lange hatte mich bereits vor dem ersten Satz für sich gewonnen. Ich hatte gerade Platz genommen und mich noch nicht einmal vorschriftsmäßig angeschnallt, da war ich schon überzeugt davon, dass mir auf meiner weihnachtlichen Besuchsodyssee nicht langweilig werden würde. Das lag einerseits daran, dass Marcus Müntefering das ganze Jahr über diesen Titel hochgehalten hatte, andererseits daran, dass dem Buch ein Zitat aus einem Song von Smog aka Bill Callahan vorangestellt ist, den ich, man kann es nicht anders sagen, vergöttere. Während sich der Fernbus also in Bewegung setzte, sich gemächlich durch Feiertagsverkehr und Land schleppte, raste ich mit ungleich höherer Geschwindigkeit durch die nicht ganz 350 Seiten von „Angel Baby“. Und mit jeder Seite kamen neue Gründe hinzu, diesen Roman zu lieben. Weiterlesen

Radikaler Augenöffner

Ortuno Die Verbrannten

© Kunstmann

Die Verbrannten“ von Antonio Ortuño hat mich voll erwischt. Ich weiß auch nicht, was ich erwartet habe – jedenfalls nicht das. Der mir bis dato unbekannte mexikanische Autor ist nicht nur haarsträubend talentiert, er versteht es auch meisterhaft, den Finger in der offenen Wunde zu drehen. Sein Roman ist ein eindrücklicher, drastischer Wutschrei und könnte aktueller nicht sein. Es geht darin zwar um die Scharen von zentralamerikanischen Flüchtlingen, die jedes Jahr nach Mexiko kommen, weil sie hoffen, von dort ins gelobte Land, in die USA weiterziehen zu können – doch die Geschichte, die der Autor erzählt, ist eine universelle. Egal ob Santa Rita oder Freital, das unfassbare Leid, dass die Asylsuchenden erlitten haben, die Fassungslosigkeit, die Angst, aber auch das Mitgefühl der Einheimischen sind die Konstanten einer Welt, die immer mehr aus dem Gleichgewicht gerät. Antonio Ortuño nimmt uns mit an einen Ort, an dem die Apokalypse jeden Tag aufs Neue stattfindet. Weiterlesen

Jenseits der Grenze

winslow das kartell

© Droemer

Schon als die ersten Gerüchte darüber durchs Netz geisterten, gab es in der Krimigemeinde kein Halten mehr: Don Winslows Meisterwerk „Tage der Toten“ soll einen Nachfolger erhalten. Unnötig zu erwähnen, dass die Erwartungen dafür von Anfang an astronomisch hoch waren. Nein, sein mussten. „Das Kartell“ erzählt nun, wie schon der Vorgänger, vom amerikanischen War on Drugs und dessen Auswirkungen auf das Nachbarland Mexiko. Die Geschichte um den DEA-Agenten Art Keller und seien ganz eigenen Krieg gegen den Drogenboss Adán Barrera geht in die zweite Runde und Winslow setzt auf sein bereits bewährtes Rezept: Stakkato-Sätze, Perspektivwechsel und ein durch Fakten und Recherche unterfütterter Bezug zur realen politischen wie sozialen Situation. Ein perfekter Nachfolger also, der die Fans durchaus überzeugen sollte. Trotzdem steht „Das Kartell“ im Schatten des Buches, das maßgeblich für Don Winslows Ruf als herausragender Krimiautor verantwortlich ist – und das nicht zu knapp. Weiterlesen

Literarisches Leinwandflimmern

Augusto Cruz Um Mitternacht

© Suhrkamp

Ein reicher Exzentriker beauftragt den ehemaligen FBI Agenten Scott McKenzie eine Kopie des Vampir-Stummfilms Um Mitternacht aufzutreiben. Er hat nicht mehr lange zu leben und möchte unbedingt noch einmal einen Blick auf diesen vergessenen Klassiker werfen, der ihn als Kind so über alle Maßen beeindruckt hat. Doch die Aufgabe ist nicht so einfach zu bewältigen: Alle, die sich bisher auf die Suche nach dem verschollenen Zelluloid aufgemacht haben, verschwanden spurlos, kamen zu Schaden oder gar ums Leben. McKenzie, der mit Filmen nichts am Hut hat, glaubt nicht an solchen Unfug. Bewaffnet mit jede Menge Berufserfahrung und den letzten Worten seines alten Freundes und ehemaligen Chefs, John Edgar Hoover, macht er sich daran, zwischen verstaubten Requisiten aus Jahrzehnten der Filmkunst nach Antworten zu suchen. Und während er durch die Gegend reist um ehemalige Schauspieler und fanatische Sammler zu befragen, lässt ihn das Gefühl nicht los, jemand wäre ihm auf den Fersen. Weiterlesen

Irgendein Krieg ist immer

Winslow Tage der Toten

© Suhrkamp

Im Jahr 2005 veröffentlichte Don Winslow mit „Tage der Toten“ einen Meilenstein der jüngeren Kriminalliteratur. Sein Buch ist ein Epos über den amerikanischen „War on Drugs“, den „Krieg gegen Drogen“, der bis heute vor allem im direkten Nachbarland Mexiko ausgetragen wird. Seit  2010 ist der über 500 Seiten umfassende Wälzer dank dem Suhrkamp Verlag auch für ein deutschsprachiges Publikum zugänglich. Chris Hirthe, der für die Übersetzung verantwortlich war, änderte den Originaltitel „The Power oft he Dog“ – eine Anspielung auf den Höllenhund Kerberos, der in der griechischen Mythologie den Eingang zur Unterwelt bewacht – in „Tage der Toten“. Auch hierbei handelt es sich um eine Anspielung, die sich auf den „dia de los muertos“, den mexikanischen Gedenktag für die Verstorbenen bezieht. Die Fortsetzung des Drogenthrillers, „Das Kartell“ ist gerade bei Droemer erschienen. Weiterlesen