Fight Club

Bill Geschmack der Gewalt

© Suhrkamp

Selten haben Cover und Titel so gut zu einem Roman gepasst wie bei Frank BillsDer Geschmack der Gewalt“. Man möchte fast sagen: Wie die Faust aufs Auge. Denn die blutige Ansammlung charakteristisch verschränkter Finger, die dem Leser von der Frontseite entgegenschlägt, weckt Erinnerungen, die sich wie warmes Eisen auf die Zunge legen. Und auch der Autor selbst versteht sehr viel vom Spiel mit den Sinneseindrücken. „Donnybrook“, so der ebenfalls passende, wenn auch etwas unspektakuläre Originaltitel, riecht auf jeder Seite nach Ammoniak, nach Schwefel, nach Rauch, Alkohol und menschlichen Ausdünstungen. Man spürt jeden Satz in den Zähnen, man schmeckt Blut, Säure und, nun ja, Gewalt eben. Gute Arbeit, Suhrkamp, der von euch gewählte Titel macht eine ausführliche Rezension beinahe überflüssig. Doch auch wenn die ästhetische Aufmachung durchaus zu überzeugen weiß – ein „schönes“ Buch ist „Der Geschmack der Gewalt“ ganz sicher nicht. Weiterlesen

Gegen den Strom

Campbell Stromschnellen

© Piper

Margaret Louise Crane, Spitzname „Margo“, lebt mit ihren Eltern am Stark River. Kurz nach ihrem vierzehnten Geburtstag wird sie von ihrer Mutter verlassen, die sowohl das einfache Leben am Fluss als auch ihren Ehemann satt hat. Es ist außerdem das Jahr, in dem Margos geliebter Großvater stirbt und sie während eines Festes ihre erste sexuelle Erfahrung macht – mit ihrem Onkel Cal. Cal will hinterher von nichts wissen, und auch wenn Margo zu diesem Thema beharrlich schweigt, nagt die Geschichte an ihrem Vater. Als er zwei Jahre später der aufgestauten Wut freien Lauf lässt und die Konfrontation sucht, überschlagen sich die Ereignisse: Schüsse fallen, und der Mann, den sie überall in der Gegend nur „Crane“ nennen, liegt am Ende leblos auf dem Steg. Margo flieht und macht sich auf die Suche nach ihrer Mutter. Immer weiter lässt sie sich vom Fluss treiben, hinein in ein neues Leben, ein Leben in der Wildnis Michigans. Von ihrem Vater hat sie gelernt, sich von den Tieren, vom Obst und Gemüse des Landes zu ernähren. Dass man nicht jedem Menschen vertrauen sollte, dem man auf seinen Reisen begegnet, lernt sie dagegen auf die harte Tour. Weiterlesen

Das Evangelium der Schlange

Cash Fürchtet Euch

© Fischer

Ein kleines Bergdorf in North Carolina: Der dreizehnjährige Christopher, der in seinem ganzen Leben noch nie ein Wort gesprochen hat, soll während eines Gottesdienstes in der Kirche von Prediger Carson Chambliss „geheilt“ werden. Sein jüngerer Bruder Jess, dem der Zugang zur Kirche verwehrt wurde, beobachtet das Geschehen durch einen Spalt in der Außenwand des abgedunkelten Gebäudes. Als sich während der Zeremonie plötzlich immer mehr Mitglieder der Gemeinde auf Christopher stürzen und ihn unter sich begraben, ruft Jess lauthals nach seiner Mutter, die scheinbar tatenlos zusieht. Ein folgenschwerer Schrei – denn alle Anwesenden gehen davon aus, gerade die ersten Worte eines vormals stummen Kindes vernommen zu haben. Voll Optimismus und religiösem Eifer unterzieht die Gemeinde den Jungen nochmal einer ähnlichen Prozedur. Nur dass er diese nicht überlebt. Und während das ganze Dorf in Sprachlosigkeit verfällt ist es an Jess, der erneut alles mitangesehen hat, der überhaupt mehr sieht, als er sollte, das Schweigen zu brechen. Weiterlesen

Country Noir – Versuch einer Annäherung

Alles begann mit einem Missverständnis. Um der Einordnung in bestehende Genre-Schubladen zu entgehen, veröffentlichte Daniel Woodrell 1996 seinen Roman „Give Us A Kiss“ („Stoff ohne Ende“) mit dem Zusatz „A Country Noir“. Einer Bezeichnung, von der er sich später distanzierte, als ihm bewusst wurde, was er da losgetreten hatte. Doch wie es in einem alten schottischen Sprichwort so schön heißt: „Du bist Herr deiner Worte, doch einmal ausgesprochen beherrschen sie dich.“ Woodrell drückte nicht nur seinem eigenen, sondern gleich einer Vielzahl von Büchern verschiedenster Autoren einen Stempel auf, der bis heute ein ganzes Subgenre bezeichnet. Country Noir wurde zum geflügelten Wort, später sogar zum Verkaufsargument. Grund genug also sich zu fragen, was es damit auf sich hat. Weiterlesen

Vorschau: Sendung vom 04.10.2015

IMG_8417Am Sonntag läuft die wahrscheinlich letzte Themensendung (Südafrika fällt leider aus, ich komme mit den Neuerscheinungen sonst nicht hinterher). Von 19-20 Uhr dreht sich auf der Wüsten Welle 96,6 alles um das Genre Country Noir. Ortsfremde können wie immer auf den Livestream zurückgreifen, oder sich im Nachhinein in der relativ neuen Mediathek eine Woche lang die gesamte Sendung anhören bzw. herunterladen. Podcasts mache ich natürlich auch wieder, Ehrensache. Und um nicht nur auf die üblichen Verdächtigen zurückzugreifen, habe ich folgende Buchauswahl zusammengestellt:  Weiterlesen

Waldsterben

Percy Wölfe der Nacht

© btb

Country Noir hat seine Wurzeln ohne Frage in den Südstaaten. Doch auch in anderen ländlichen Gegenden der USA werden Bücher geschrieben, die sich diesem Subgenre zurechnen lassen. „Wölfe der Nacht“ von Benjamin Percy ist eines davon. In den kleinen Städten und riesigen Wäldern Oregons angesiedelt, erzählt der junge Autor in seinem Romandebüt von Vätern und Söhnen und dem Verhältnis von Zivilisation und Natur. Er schickt seine Figuren auf eine folgenschwere Jagd und ist dabei auf eine ganz bestimmte Art von Beute aus: Den Leser. Mit einer einfachen, poetischen Sprache und einem gnadenlosen Spannungsbogen bewaffnet stellt er uns eine Falle, aus der wir nicht mehr entkommen können. Weiterlesen