Findet Thomas Cavar

Bottini Der kalte Traum

© Dumont

Im schwäbischen Rottweil fragt ein Mann vom Balkan nach einem gewissen Thomas Cavar. Die Einwohner erinnern sich – Thomas war dort aufgewachsen, hatte dort gewohnt, bis er, so heißt es, 1995 in Bosnien ums Leben kam. Er soll im Krieg um die kroatische Unabhängigkeit gefallen und seine Leiche in einem Massengrab gelandet sein. Der Fremde hakt nicht weiter nach. Nur drei Tage später bittet der Ex-Politiker Richard Ehringer, ehemals ein hohes Tier in der Bonner Republik, seinen Neffen, den Kripobeamten Lorenz Adamek, einen ganz bestimmten Namen durch die Datenbank der Polizei zu jagen: Thomas Cavar. Währenddessen durchstreift die deutsche Journalistin Yvonne Ahrens die kroatische Hauptstadt Zagreb mit einem alten Foto in der Tasche. Es zeigt einen jungen Soldat, der einem alten Mann eine Pistole an den Kopf hält und stammt aus der Zeit des Unabhängigkeitskriegs. Sie glaubt, ein Indiz für ein Kriegsverbrechen in den Händen zu halten. Um an Beweise zu kommen, herauszufinden, was damals wirklich geschehen ist, muss sie aber erst einmal herausfinden, wer die beiden Männer auf dem Foto sind. Weiterlesen

„Die Nacht ist ein Typ mit Kapuze auf dem Kopf“

Kecmanovic Sibiren

© Matthes & Seitz

Die Nacht ist ein Typ mit einer Kapuze auf dem Kopf.“ So beginnt „Sibiren“ von Vladimir Kecmanovic. Dann folgt erstmal eine Leerzeile. Danach wieder ein Satz. Eine Leerzeile. Nächster Satz. Leerzeile. Geht das jetzt immer so weiter? Nein, nicht ganz, manchmal teilen sich auch zwei oder drei Sätze einen Zwischenraum. Aber im Prinzip: Ja, der ganze Roman ist nach diesem Muster gesetzt. Das erinnert an Jennifer Egans Twitter-Agententhriller „Black Box“, der aus 140-Zeichen-Schnipseln, wie sie über den Kurznachrichtendienst versendet werden, zusammengeklebt wurde. Nur dass man bei der Pulitzer-Preisträgerin Egan wusste, warum das Endergebnis so aussah, wie es aussah. Der Matthes & Seitz Verlag, bei dem dieses kleine Büchlein mit dem Untertitel „Ein serbischer Liebesthriller, in den sich Kroaten eingemischt haben“ erschienen ist, schweigt sich über den Grund für das ungewöhnliche Erscheinungsbild aus. Auch das Nachwort von Übersetzerin Mirjana Wittmann lüftet das Geheimnis nicht. Dem Leser bleibt nichts anderes übrig, als sich schulterzuckend in die Szenerie zu stürzen. Weiterlesen

Die Zukunft steht in den Sternen

Olga Tokarczuk Gesang Fledermäuse

© Schöffling

Mir nach, Leser!“ heißt es am Ende des ersten Teils von Michail Bulgakows fantastischer Farce „Der Meister und Margarita“, einem der bedeutendsten Werke moderner russischer Literatur. Ich gehe davon aus, dass die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk sich dessen bewusst war, als sie den Titel für das Eröffnungskapitels ihres Romans festlegte: „Und jetzt aufgepasst!“, ermahnt sie uns direkt zu Beginn der Lektüre. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass wir es hier mit einer Hommage an den großen Satiriker Bulgakow zu tun haben – die Autorin stellt gleich auf der ersten Seite klar, in welcher Tradition ihr Roman steht. Denn auch wenn „Der Gesang der Fledermäuse“ keineswegs den Zynismus des viel zu jung verstorbenen Regimegegners und Ausnahmeschriftstellers versprüht, ist Olga Tokarczuk ein überaus skurriler, witziger und hintersinniger Krimi voll gesellschaftskritischer Untertöne gelungen. In jeder Zeile spürt man die Auflehnung gegen bestehende Normen und Werte und das stumpfe Verfolgen traditionsreicher Verhaltensmuster, die derart in die Köpfe der Menschen eingewachsen sind, dass sie niemand mehr in Frage stellt. Unser Blick auf die Welt wird ordentlich durchgeschüttelt. Weiterlesen

Kulturterrorismus und Zwangsprostitution

Popovic Spieler

© btb

1987 gehörte die Sozialistische Republik Kroatien noch zu Jugoslawien. In diesem Jahr erschien der Roman „Mitternachtsboogie“ eines gewissen Edo Popović, der, dem Titel angemessen, über Nacht zum Kultbuch avancierte. Dann kam der Zerfall der Sowjetunion – und damit das Referendum vom Mai 1991, bei dem sich über 90 Prozent der Kroaten für eine Loslösung vom jugoslawischen Staatenbund aussprachen. Der Beginn des kroatischen Unabhängigkeitskampfes, eines von vielen Konflikten, die man heute unter dem Begriff „Jugoslawienkrieg“ zusammenfasst. Er dauerte bis 1995 an und endete mit der Eingliederung der umkämpften Gebiete in die unabhängige Republika Hrvatska. Ein Mann verfolgte diesen Krieg von seinen blutigen Anfängen bis zum Abkommen von Erdut aus nächster Nähe, und machte sich als ebenso furchtloser wie unbestechlicher Berichterstatter einen Namen: Ein gewisser Edo Popović. Underground-Literat, Journalist und Kriegsreporter. Heute gilt er als wichtigster Schriftsteller des Landes, wenn nicht gar des ganzen Balkans, und gibt jenen eine Stimme, die vom gesellschaftspolitischen Wandel in Osteuropa nicht profitiert konnten. Weiterlesen

Vorschau: Sendung vom 09.08.2015

IMG_8249Die Sendung zu meiner Osteuropa-Reise mit Kaliber.17 läuft am Sonntag um 19 Uhr auf der Wüsten Welle – für die Tübinger auf der Frequenz 96,6, für den Rest der Welt im Livestream. Wer, wie ich, zu dieser Zeit schon im Urlaub ist (ihr hört mich quasi aus der Konserve), kann das Ganze entweder in Form von Podcasts auf meinem Soundcloud-Profil nachhören, oder, und das war bisher nicht möglich, die komplette, einstündige Sendung in der nagelneuen Mediathek der Wüsten Welle anhören und sogar herunterladen. Allerdings nur für 7 Tage, also haltet euch ran. Denn das gibt es zu verpassen: Weiterlesen

Izabela Szolc | Ein stiller Mörder

Auch Kurt von Kaliber.17 hat für das Osteuropa-Spezial „Ein stiller Mörder“ von Izabela Szolc gelesen.

Kaliber.17 | Krimirezensionen

Ein stiller Mörder ist ein recht schmales Buch von nur rund 200 Seiten, aber die Autorin Izabela Szolc packt einiges hinein an spannender Handlung, interessanten Hintergründen, an dichter Atmosphäre und klugen Reflexionen, auch über die vordergründige Handlung hinaus. Sie beschreibt den schwierigen Alltag einer jungen Frau in ihrem Beruf als Kriminalkommissarin in einer von Männern geprägten Arbeitswelt und in ihrem Privatleben als alleinerziehende Mutter eines Jungen am Beginn der Pubertät. In beiden Rollen ist die Hauptfigur des Romans stark gefordert und sie erlebt hier wie dort auch Momente des Scheiterns, schließlich aber erweist sie sich als ungewöhnlich starke Frau, die sich bei aller Verletzlichkeit durchsetzt und allen Widrigkeiten und auch allen Zweifeln zum Trotz ihren Weg geht.

Die parallelen Ermittlungen in zwei Mordfällen erfordern Annas volle Aufmerksamkeit und bringen zuletzt nicht nur sie, sondern auch ihren Sohn in Lebensgefahr. Ein verrückter Geigenvirtuose, ein selbstmordgefährdeter, vermeintlicher Sexualstraftäter oder ein bislang unerkannter Dritter…

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Warsaw by Night

Szolc Ein Stiller Mörder

© Prospero

Ein 17-jähriger Junge ist seit Tagen nicht mehr Zuhause aufgetaucht und seine Eltern machen sich langsam Sorgen. Kommissarin Anna Hwierut und ihr Kollege Szelig wollen gerade die Ermittlungen aufnehmen, als die Weichsel die Leiche eines alten Mannes anspült. Nun haben die beiden Ermittler einen Vermissten, dessen Aufenthaltsort sie nicht kennen, von dem sie aber wissen, von welchen Ort er weggelaufen ist, und einen Toten, der in der Gerichtsmedizin liegt, bei dem aber unklar ist, wo er überhaupt herkommt. Wenn das keine guten Voraussetzungen sind. Nebenbei kämpft Anna mit ihrem pubertierenden Sohn, der sich ebenso nach ihrem Ex-Mann sehnt, wie er ihn als Vater ablehnt, und den Großeltern, die darum werben, den Jungen über die Ferien bei sich aufnehmen zu dürfen. Einen psychopathischen Killer, der sie aus irgendeinem Grund unbedingt sprechen möchte, hätte es da wirklich nicht auch noch gebraucht. Weiterlesen

Blogkooperative | Osteuropa-Spezial

Hier findet ihr die Ankündigung des Kaliber.17-Teams zu unserer gemeinsamen Osteuropa-Reise – inklusive Leseliste:

Kaliber.17 | Krimirezensionen

A wie Ankündigung!

Wir freuen uns sehr, dass wir Alex Roth alias Der Schneemann für eine Blog übergreifende Kooperation gewinnen konnten!

Gemeinsam haben Gunnar und Alex für dieses Spezial das Oberthema Osteuropa gewählt, was insbesondere mich sehr freut.

Auf seinem Blog bespricht Alex einmal im Monat im Rahmen einer eigenen Radiosendung seine aktuellen Krimitipps. Wer direkt einmal reinhören mag, der klicke bitte hier.

Wir werden auf Kaliber.17 die für das Spezial gelesenen Thriller und Krimis wie gewohnt besprechen. Allerdings erfolgt die Veröffentlichung der Rezensionen entgegen unserer Gewohnheit in einem anderen Rhythmus. Außerdem werden wir die im Wechsel veröffentlichten Rezensionen von Alex bei uns rebloggen.

Aufbereitet für seine Radiosendung am 9. August 2015 auf der Wüsten Welle bekommt ihr seine Bücherrezensionen dann mit musikalischen Einspielern auf die Ohren.

Der Krimi Ein stiller Mörder wird übrigens sowohl von Kurt als auch von Alex besprochen.

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