Radikaler Augenöffner

Ortuno Die Verbrannten

© Kunstmann

Die Verbrannten“ von Antonio Ortuño hat mich voll erwischt. Ich weiß auch nicht, was ich erwartet habe – jedenfalls nicht das. Der mir bis dato unbekannte mexikanische Autor ist nicht nur haarsträubend talentiert, er versteht es auch meisterhaft, den Finger in der offenen Wunde zu drehen. Sein Roman ist ein eindrücklicher, drastischer Wutschrei und könnte aktueller nicht sein. Es geht darin zwar um die Scharen von zentralamerikanischen Flüchtlingen, die jedes Jahr nach Mexiko kommen, weil sie hoffen, von dort ins gelobte Land, in die USA weiterziehen zu können – doch die Geschichte, die der Autor erzählt, ist eine universelle. Egal ob Santa Rita oder Freital, das unfassbare Leid, dass die Asylsuchenden erlitten haben, die Fassungslosigkeit, die Angst, aber auch das Mitgefühl der Einheimischen sind die Konstanten einer Welt, die immer mehr aus dem Gleichgewicht gerät. Antonio Ortuño nimmt uns mit an einen Ort, an dem die Apokalypse jeden Tag aufs Neue stattfindet. Weiterlesen

Armdrücken mit den Meistern

stroby kalter schuss herz

© Pendragon

Ihr letzter Auftrag lief nicht wie versprochen, weshalb die Diebin Crissa Stone zunehmend in Geldnot gerät. Sie hat vor, ihren Ehemann Wayne aus seiner Zelle in Texas zu holen, doch die benötigten Anwaltskosten übersteigen alles, was sich in New York und Umgebung mit den üblichen Jobs an Gewinn machen lässt. Zeit, ein Risiko einzugehen. Crissa soll mit zwei alten Bekannten eine Pokerrunde in Fort Lauderdale überfallen und erklärt sich aller Zweifel zum Trotz damit einverstanden. Im Spiel befinden sich laut ihrem Informanten rund eine Million Dollar, Sicherheitsvorkehrungen gibt es so gut wie keine, ein Kinderspiel also. Na klar. Als dann alles schiefgeht und einer ihrer Kollegen die Nerven verliert, muss Crissa plötzlich um ihr Leben bangen. Der Schwiegersohn von Gangsterboss Tino Conte liegt in seinem eigenen Blut und der Ruf nach Vergeltung ist selbst in New York noch zu hören. Conte lässt den frisch aus dem Knast entlassenen, völlig durchgeknallten Eddie Santiago von der Leine. Dieser beschließt, gleich das ganze Trio in die Mangel zu nehmen, um sich die bei dem Überfall erbeutete Kohle unter den Nagel reißen zu können. Weiterlesen

Ein Anti-Bond mit Taktgefühl

Moody Spion Jazz

© Polar

1968. Eben hämmert Jazzmusiker Gene Williams noch in einem Londoner Clubs auf die Drums ein, im nächsten Moment steht er schon mit einem Bein in einem der geschichtsträchtigsten Konflikte der Nachkriegszeit. Die CIA kassiert ihn ein. Man hat davon Wind bekommen, dass er zum Prager Jazz Festival eingeladen wurde und möchte, dass er sich dort nützlich macht. Genauer gesagt soll er einen Kontaktmann der Amerikaner treffen, der angeblich über Informationen bezüglich eines geplanten Einmarschs der Russen in die tschechoslowakische Hauptstadt verfügt. Der Geheimdienst erpresst ihn und ringt ihm so eine Zusage ab. In Prag angekommen verzweifelt Gene am Spagat zwischen Musik und Heimlichtuerei. Er wird verfolgt, bedroht, verhört, rennt von der Bandprobe zur Kneipe, von der Kneipe zu wechselnden Treffpunkten und wacht regelmäßig mit Kopfschmerzen auf. Als wäre er damit nicht schon bedient, verliert er sich auch noch in den schönen Augen von Lena, der Enkelin des Mannes, wegen dem er ursprünglich gekommen war.

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