ZVW-Krimi des Monats: Gravesend

Boyle Gravesend

© Polar Verlag

Wie sicherlich schon einige von euch bereits mitbekommen haben, arbeite ich seit drei Monaten als Crossmedia-Volontär beim Zeitungsverlag Waiblingen. Dort werde ich ab sofort jeden letzten Mittwoch im Monat den „Krimi des Monats“ küren. Den Anfang macht im Januar William Boyles „Gravesend“.

„Am Anfang steht, wie so oft, ein Verbrechen: Ray Boy Calabrese und seine Freunde lauern ihrem homosexuellen Mitschüler Duncan auf. Sie treten und schlagen auf den Jungen ein, er reißt sich los, rennt auf die Straße und wird von einem Auto überrollt. Er stirbt.“

Den Rest der Rezension findet ihr hier.

Zwischen Scheitern und Triumph

Pollock Die himmlische Tafel

© Liebeskind

Mit seiner Kurzgeschichtensammlung Knockemstiff und dem darauffolgenden Debütroman Das Handwerk des Teufels hat sich Donald Ray Pollock in Sphären geschrieben, von denen man vorher dachte, sie lägen mindestens ein halbes Schriftstellerleben von der Veröffentlichung des Erstlings entfernt. Seite an Seite mit dem etwa gleichaltrigen Daniel Woodrell sitzt er seitdem zu den Füßen des Genre-Gottvaters Cormac McCarthy,  komplettiert die Dreifaltigkeit der düsteren Südstaaten-Literatur und erntet die Früchte seines Schaffens: Kritikerlob und Erwartungsdruck. Sein neuer Roman Die himmlische Tafel liest sich in diesem Kontext als Befreiungsschlag eines Autors, der weder bereit ist, sich dem Druck zu beugen, noch es sich jetzt schon in der für ihn vorgesehenen Schublade bequem zu machen.  Weiterlesen

Unwahrscheinlich (gut)

pb

© Nautilus

Declan Burke hat es nicht so mit einfachen Plots. Schon die Handlung von „Absolute Zero Cool“ war derart wirr, dass selbst seine Protagonisten ab und an den Überblick verloren, aber was er sich mit „The Big O“ geleistet hat, dürfte als Albtraum aller Klappentexter durchgehen. Und zwar deshalb: Der Schönheitschirurg Frank hat Geldsorgen. Er will seine Ex-Frau Madge entführen lassen, um bei der Versicherung Lösegeld kassieren zu können, und heuert Ray für die Drecksarbeit an. Ray wiederum streicht hauptberuflich Kinderzimmer, wenn er nicht gerade Ex-Frauen entführt – oder in einen Überfall gerät. Hinter besagtem Überfall steckt Karen. Ray verliebt sich sofort in die junge Frau, die, was für ein Zufall, die Sprechstundenhilfe von Frank und zudem die beste Freundin von Madge ist. Das führt bei Ray natürlich zu einem Interessenkonflikt. Als wäre das nicht Chaos genug, steckt Burke noch einem kleinen, von Egoproblemen geplagten Italiener namens Rossi die „Du kommst aus dem Gefängnis frei“-Karte zu. Und der hat nichts anderes im Kopf, als sich an seiner Ex zu rächen: Karen.  Weiterlesen

Lehrstück in Sachen Dramaturgie

Koryta Die mir den Tod wünschen

© Heyne

Der vierzehnjährige Jace wird Zeuge einer Exekution. Er hat die Täter gesehen, die Täter haben ihn gesehen, es ist klar, was unweigerlich folgen muss: Eine Hetzjagd. Seine Eltern versuchen den Jungen mithilfe der Personenschützerin Jamie Bennett in Sicherheit zu bringen, die dabei sofort an ihren ehemaligen Survial-Trainer denken muss. Ethan Serbin gibt in der Wildnis Montanas Sommerkurse für Problemjugendliche – das perfekte Versteck für einen Jugendlichen mit einem riesigen Problem. Doch während Jace unter falschem Namen lernt, wie man Feuer macht, Spuren liest und in den Bergen überlebt, kommen seine Verfolger ihm täglich ein Stückchen näher. Irgendwann muss er eine Entscheidung treffen: Soll er durch seine Anwesenheit die ganze Gruppe in Gefahr bringen? Oder soll der verängstigte Junge auf edlen Ritter machen und sich alleine durchschlagen? Dreimal dürft ihr raten. Weiterlesen

Be Kind to Your Neighborhood Monsters

Gattis Straßen der Wut

© Rowohlt

Sie sind zu dritt. Sie überfallen ihn von hinten. Sie schlagen auf ihn ein. Ernesto Vera, der bis eben noch friedlich an der Straße Tacos verkaufte, der sich nie etwas hat zu Schulden kommen lassen, weiß nicht, was das vermummte, schwer bewaffnete Trio von ihm will. Aber er kann es ahnen. Sie wollen sich für etwas rächen, dass sein verrückter kleiner Bruder Ray, alias „Lil Mosco“, ihnen angetan hat. Doch ehe er sie danach fragen kann, ist er bereits tot. Als seine Schwester Lupe und die Mitglieder ihrer Gang seinen leblosen Körper kurze Zeit später auf der Straße finden, schwören sie Rache. Während ganz Los Angeles im Chaos versinkt, durchkämmen sie Lynwood, eines der gefährlichsten Viertel der Stadt, mit nichts im Sinn, als den Mördern von Ernesto ein paar Kugeln in den Kopf zu jagen. Doch sie sind bei weitem nicht die einzigen, die den allgegenwärtigen Ausnahmezustand nutzen wollen, um ein paar offene Rechnungen zu begleichen. Weiterlesen

Auf Verbrecherjagd in NYC

Richard Price Die Unantastbaren

© S. Fischer

Detective Billy Graves, einst Mitglied der glorreichen „Wildgänse“, einer gefürchteten Gruppe von New Yorker Polizisten, muss Nachtschicht schieben. Er hält sich mit Energydrinks, hastig gerauchten Zigaretten und dem Hass auf jenen ganz speziellen Mörder wach, den er nie hatte hinter Gitter bringen können. Seinen ehemaligen Kollegen ergeht es nicht anders. Jeder von ihnen hat seinen eigenen „Unantastbaren“, einen Verbrecher, der ihnen während ihrer gemeinsamen Dienstzeit durch die Lappen ging und den sie unbedingt seiner gerechten Strafe zuführen möchten. Dann wird einer dieser Männer ermordet – und wie Brackwasser aus den Kanaldeckeln überfluteter Straßen werden die alten Geschichten wieder hochgespült. Weiterlesen

Vom Unterdrücken und Aufbäumen

Slaughter Cop Town

© Blanvalet

Atlanta in den 70er Jahren. Ein Cop-Killer mit dem Spitznamen „Atlanta Shooter“ macht die Stadt unsicher. Polizist Jimmy Lawson schleift seinen blutüberströmten Kollegen, der in einer Seitenstraße angeschossen wurde, unter Höchstanstrengungen ins nächstgelegene Krankenhaus. Die Ärzte sind machtlos. An die Waffe, die die tödlichen Schüsse abgab, kann Jimmy sich später noch erinnern, nicht aber an den Mann am Abzug. Die Kollegen nehmen ihm das nicht übel, immerhin hat er Traumatisches erlebt, aber seine Schwester Maggie, die ebenfalls bei der Truppe ist, merkt sofort, dass Jimmy lügt. Den Drohungen ihres Onkels Terry – dem dritten Cop in der Familie – zum Trotz, will Maggie herausfinden, was an jenem Tag in jener Gasse wirklich vorgefallen ist. Doch als würde ihr Bruder etwas ahnen, bindet er ihr noch vor Beginn ihrer Ermittlungen einen Klotz ans Bein: Maggie muss sich ab sofort den Streifenwagen mit der frisch gebackenen Polizistin Kate teilen. Und auf sie aufpassen, natürlich. Denn die junge Frau aus wohlhabender Familie hat so gar keine Vorstellung davon, wie man auf Atlantas rauen Straßen überlebt. Weiterlesen

Bald im TV: Outsiders

Outsiders Banner 2

© WGN

Filme, die ich dem Country Noir zuordnen würde, habe ich in den letzten Jahren etliche gesehen. Was Serien angeht sieht es eher mau aus, mit einigen Abstrichen lässt sich vielleicht „Justified“ noch als solche begreifen. Doch jetzt kommt der amerikanische Fernsehsender WGN mit „Outsiders“ um die Ecke – und was nicht nur wegen Ryan Hurst auf den ersten Blick aussieht wie „Sons of Anarchy“ im Hinterland, könnte das Genre nun erstmals in Qualitätsfernsehen übersetzen. Weiterlesen

Schneller als eine Kugel fliegt

Lange Angel Baby

© Heyne

Angel Baby“ von Richard Lange hatte mich bereits vor dem ersten Satz für sich gewonnen. Ich hatte gerade Platz genommen und mich noch nicht einmal vorschriftsmäßig angeschnallt, da war ich schon überzeugt davon, dass mir auf meiner weihnachtlichen Besuchsodyssee nicht langweilig werden würde. Das lag einerseits daran, dass Marcus Müntefering das ganze Jahr über diesen Titel hochgehalten hatte, andererseits daran, dass dem Buch ein Zitat aus einem Song von Smog aka Bill Callahan vorangestellt ist, den ich, man kann es nicht anders sagen, vergöttere. Während sich der Fernbus also in Bewegung setzte, sich gemächlich durch Feiertagsverkehr und Land schleppte, raste ich mit ungleich höherer Geschwindigkeit durch die nicht ganz 350 Seiten von „Angel Baby“. Und mit jeder Seite kamen neue Gründe hinzu, diesen Roman zu lieben. Weiterlesen

Dr. Faust

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© Zsolnay

Diesen Anfang vergisst man nicht. Ein Mann wimmelt rüde eine Mitfahrgelegenheit ab, steckt sich eine Kippe in  den Mund und spaziert über die George Washington Bridge Richtung Stadt. Sein Name ist Parker. Parker hat etwas an sich, das vorbeifahrende Frauen erzittern lässt, etwas, das Unheil verspricht. Er ist ein skrupelloser Berufsverbrecher, der von seiner eigenen Ehefrau verraten wurde, die letzten Jahre in Gefangenschaft verbrachte und der sich nun an denen rächen will, die dafür verantwortlich sind. Mit allen Mitteln. Ein kurvenreicher, mit gebrochenen Gliedmaßen und leeren Patronenhülsen gepflasterter Weg liegt vor ihm, doch Parker geht ihn mit einer Geradlinigkeit, die dem Leser Magenschmerzen bereitet. Wenn man bemerkt, in was für eine brutale, kompromisslose Geschichte man da hineingeraten ist, ist es längst zu spät. Es gibt kein Entkommen. Weiterlesen